Isabelle Duriaux
Schweiz

Sexueller Missbrauch: Wie eine Frau vom Trauma zur Verarbeitung findet

Erstmals in der Schweiz begleitet ein Dok-Film eine Missbrauchsbetroffene auf ihrem persönlichen Weg der Aufarbeitung – vom Trauma-Flash, über Gespräche bei Opferhilfestelle und Bischof Morerod bis zum kreativen Verarbeiten. Gedreht hat ihn der ehemalige cath.ch-Redaktionsleiter Pierre Pistoletti.

Regula Pfeifer

«Es ist nicht ein Priester, der einen Fehler macht, es ist ein Leben, das er zerstört.» Das sagt die Seniorin Isabelle Duriaux im Dokumentar-Film über den Weg, den sie seit dem Erinnerungsflash an den sexuellen Missbrauch gegangen ist. Solch pointierte Sätze formuliert Duriaux mehrfach im Film von Pierre Pistoletti, den das Westschweizer Fernsehen RTS ausgestrahlt hat. Pistoletti ist ehemaliger Redaktionsleiter der Westschweizer Plattform cath.ch.

Kamera begleitet die Frau

Der Film zeigt Stationen aus den drei vergangenen Lebensjahren der Missbrauchsbetroffenen. Die Kamera begleitet die Frau zum Gespräch bei der Westschweizer Opferhilfeorganisation Cecar am 3. Juli 2023. Dort erzählt sie vom Übergriff, den sie als achtjähriges Mädchen erleben musste. Der Priester habe zu ihr gesagt: «Ich liebe dich» und «ich beschütze dich», sagt sie mit missbilligendem Gesichtsausdruck. Er sei allgemein beliebt und engagiert gewesen, auch nachts bereit, kranken Tieren auf Bauernhöfen seinen Segen zu erteilen.

Szenenwechsel: 23. Oktober 2023 bei Duriaux Zuhause: «Das Buch ‹Derrière la boulangerie› hat das Trauma wie einen Flash hochkommen lassen – und mich nicht mehr verlassen», sagt Duriaux. Das geschah im Jahr 2022.

«Die Vergewaltigung ist ein Gefängnis. Man dreht und dreht sich»

Der Missbrauch legte sich schwer auf ihr Leben. «Die Vergewaltigung ist ein Gefängnis. Man dreht und dreht sich», sagt die Betroffene. Lange habe sie gemeint, das sei das Leben, bis sie plötzlich merkte: «Die Welt ist da draussen.»

Sie macht Notizen, die ihr für das geplante Gespräch mit Bischof Charles Morerod nützlich sein würden. «Die Kirche hat uns Opfer nötig, unser Zeugnis», sagt sie. «Damit sie versteht und wahrnimmt, was sie gebaut hat, das zu dieser Krankheit geführt hat.»

Gespräch mit Bischof Morerod

2. November 2023 am Bischofssitz in Freiburg. Bischof Morerod empfängt Isabelle Duriaux und Paola Moni, Psychologin bei der Cecar. «Ich bin glücklich, dass Sie auch mit mir darüber reden», sagt Morerod. Ihm erzählt Duriaux, wie der Pfarrer sie damals mit einem Vorwand bat, ins Auto einzusteigen. Die eigentliche Tat beschreibt sie nicht.

«Wenn man vergewaltigt wird mit acht Jahren», sagt sie und hält inne, von Gefühlen überwältigt. Dann gehe das Leben zwar weiter. Aber man habe «nicht mehr das Werkzeug, um das Leben zu empfangen».

Puzzle-Stücke des Lebens

Sie packt eine Puzzle-Schachtel aus, leert den Inhalt auf den Tisch. «Das sind die Stücke meines Lebens, mein Leben ist total zerbrochen.» Sie fordert die anderen beiden auf, die Stücke umgekehrt wieder in die Schachtel zu legen, was diese tun.

Darauf konfrontiert Duriaux den Bischof mit seinen Fernsehauftritten. Da rede er von sexuellen Missbräuchen als Krankheit der Kirche. Dabei seien dies Symptome einer Krankheit. Und die Krankheit der Kirche sei der Machtmissbrauch, spiritueller Machtmissbrauch. Auch das Wort «vielleicht» bringt sie in Rage, als Morerod sagt, es gebe vielleicht heute noch Machtmissbrauch.

Sich ums innere Kind kümmern

Juni 2025, bei ihr zuhause. Duriaux packt ein Bild ein. Sie erzählt: Als sie für die letzten Weihnachten eine Krippe gestaltete, habe sie sich wie in einer Hypnose befunden. Und sich dabei plötzlich hineinversetzt in einen Menschen, der sich um das Neugeborene kümmert. Sie habe gemerkt: «Das ist das erste Mal, dass ich eine Erwachsene bin, die sich um ihr inneres Kind kümmert.»

24. Juni 2025, Vernissage in einer Galerie. Hier stellt die Missbrauchsbetroffene ihre Bilder aus. Sie wolle das Erlebte «kompostieren» in einem Projekt der Kreativität. «Das ist mein Frühling», sagt sie und strahlt.

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Isabelle Duriaux | © Pierre Pistoletti
3. November 2025 | 17:04
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