Psychiatrie-Seelsorgerin Sabine Zgraggen im Gespräch | © 2016 Regula Pfeifer
Schweiz
Psychiatrie-Seelsorgerin Sabine Zgraggen im Gespräch | © 2016 Regula Pfeifer

Psychiatrie-Seelsorgerin: «Wir urteilen viel zu schnell, das ist unbarmherzig»

Zürich, 20.6.16 (kath.ch) Findet ein Mensch trotz aller Gespräche, Therapien und Gebete nicht aus seiner seelischen Notlage, fängt Sabine Zgraggen durchaus auch mit Christus zu ringen an. Ansonsten findet die katholische Seelsorgerin der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich alles menschlich, was ans Licht kommen darf. Ein Beitrag zur Artikelserie zum Heiligen Jahr der Barmherzigkeit.

Regula Pfeifer

Wie belastend ist Ihre Arbeit als Seelsorgerin mit psychisch kranken Menschen?

Sabine Zgraggen: Alles, was hier geschieht, ist menschlich. Es darf von daher auch alles sein. Ich bemühe mich um eine offene Haltung und bin dankbar für das, was jetzt auftaucht. Denn alles Menschliche hat seinen Platz vor Gott. Meist urteilen wir nämlich viel zu schnell, teilen sofort in Gut oder Böse ein, aber das ist unbarmherzig. Öffnet sich ein Patient mir gegenüber, ist das ein Geschenk. Denn oft hat er seine Geschichte schon vielen Menschen erzählt und das erneute Erzählen ist eine Anstrengung.

Wann kommen Sie an Ihre Grenzen?

Zgraggen: Auf der Therapiestation für depressive Patienten leben Menschen teilweise mehrere Monate stationär. Man hat den Eindruck, es verändere sich nichts, trotz all der Gespräche, Therapien und Gebete. Da fange ich manchmal an, mit Christus zu ringen. Ich gehe in die Spitalkirche und sage ihm: Jetzt ist aber langsam Zeit, dass sich etwas verbessert!

«Ich gehe in die Kapelle und sage Christus: Jetzt ist aber langsam Zeit, dass sich etwas verbessert.»

Nehmen Sie die Patienten in die Kapelle mit?

Zgraggen: Ja. Wir werfen Gott dann alles «vor die Füsse». Die Psalmen der Bibel können oft helfen, die Not zu formulieren. Dieser Akt kann Entlastung bringen, so dass der Patient abends ruhig schlafen gehen kann.

Waren Sie auch schon ratlos?

Zgraggen: Ein junger Mann lebte bereits seit zwei Jahren todessehnsüchtig in der Klinik, nichts schien sich zu verändern. Es herrschte absolute Ratlosigkeit, bei allen, die an der Therapie beteiligt waren. Auch ich wusste nicht mehr, was fragen oder sagen. Die Ohnmacht war schwierig auszuhalten. Da dachte ich: Unser Auftrag ist es auch, ein Leerplatz für Gottes Gegenwart zu sein. So fragte ich, ob ich mich schweigend auf den Zimmerboden setzen dürfe. Dort betete ich – mit seinem Einverständnis–  still den Rosenkranz. Sein Vertrauen an diesem Punkt berührte mich. Ein halbes Jahr später schaffte der Mann den Sprung. So lernte ich: Gottes Atem geht in einem anderen Tempo als unserer.

«Auf dem Zimmerboden betete ich still den Rosenkranz.»

Was macht heutzutage so viele Menschen psychisch krank?

Zgraggen: Wir sind die erste Generation, die nach dem Zweiten Weltkrieg ohne Kriegsangst und in Wohlstand leben darf. Meine Eltern wurden im Krieg geboren. In solchen Zeiten fragt niemand, wie es einem geht. Auch in der Schweiz gab es früher Hungersnöte und Elend. Erst wer sich sicher fühlt, kann seine Zerbrechlichkeit, seine Unzulänglichkeit zeigen und überhaupt über innere Zustände nachsinnen. Dass jetzt so viele psychische Krankheiten ans Licht kommen dürfen, sehe ich deshalb als ein positives Zeichen für neue, heilsame Wege.

Ist auch Unbarmherzigkeit ein Grund?

Zgraggen: Wir leben in einer teilweise unbarmherzigen Leistungsgesellschaft, in der kein Platz zu sein scheint für Menschen, die vermeintlich nichts oder nicht genügend leisten. Zudem fehlen uns auch die Kapazitäten in den Familien, um uns wirklich um jemanden zu kümmern, dem es gerade nicht gut geht. Wir müssen einfach immer weiter funktionieren. Dennoch: Die Zufriedenheit in der Schweizer Bevölkerung ist sehr hoch, wie Untersuchungen gezeigt haben.

Spielt Barmherzigkeit eine Rolle bei der Behandlung von Patienten der Psychiatrie?

Zgraggen: Das Wort Barmherzigkeit ist ein religiöser Begriff und kommt im Alltag nicht vor, auch nicht im Psychiatriealltag. Auch die Wörter Sünde, Liebe oder Herz tauchen in keiner Diagnose, bei keiner Behandlung auf. Doch die Menschen merken: Da ist ein Gesprächspartner mit Herz. So kommt die Frage nach der Barmherzigkeit durch die Hintertür wieder rein, auch wenn sie im medizinisch-wissenschaftlichen Umfeld eher ausgeblendet ist.

Sind Sie barmherzig mit den Patienten?

Zgraggen: Ich hoffe es und bitte Gott darum. Ich erlebe übrigens viel Barmherzigkeit der Patienten untereinander. Sie teilen ihre letzte Zigarette, ihr letztes Geld. Eben hat wieder jemand Münzen für andere Patienten in die Spitalkirche gelegt. Ich bin oft tief berührt von der Herzlichkeit und Barmherzigkeit der Patienten.

«Ich bin oft tief berührt von der Herzlichkeit und Barmherzigkeit der Patienten.»

Hilft der Glaube bei der Genesung eines psychisch Kranken?

Zgraggen: Wer eine religiöse Erziehung mitbringt, besitzt meistens einen Kosmos an Worten und Bildern. Himmel, Hölle, Engel, die Heiligen, Maria und der barmherzige Vater sind bekannt. Das hilft, sich in einer existentiellen Krise sprachlich auszudrücken. Das ist wunderbar, da kann ich anknüpfen und herausfinden helfen, was genau dahinter steckt. Auch mit Andersgläubigen kann ich über Gott reden und ihnen den Zuspruch geben: Du bist beim Namen gerufen, du gehst nicht vergessen. Hat jemand keinen religiösen Hintergrund, versuche ich seine guten Erfahrungen im Leben aus der Erinnerung zu holen. So erlebt er diesen Moment erneut. Das kann heilsam wirken.

Die ältere Generation ist noch immer mehrheitlich konfessionell verwurzelt, die mittlere nur noch etwa zur Hälfte. Wir gehen einer gewissen Sprachlosigkeit entgegen, der verbindende Sprachkosmos schwindet. Wir werden eine neue Sprache finden müssen. Das kann auch eine Chance sein.

Im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit werden Schuld, Vergebung und Versöhnung thematisiert. Spielt das auch für psychisch Kranke eine Rolle?

Zgraggen: Schuldgefühle hat jeder und sie tauchen auch bei psychisch Kranken auf. Doch man muss zwischen Schuldgefühlen und tatsächlicher Schuld unterscheiden. Oft liegt keine effektive Schuld vor. Ein Grossteil der Schuld und der Schuldgefühle ist ausserdem von Generation zu Generation vererbt. Menschen, die sich verletzen oder mit Süchten zugrunde richten, empfinden sich als nicht wertvoll. Das wurde ihnen unter Umständen schon von ihren Eltern vermittelt. Diese Patienten müssen versuchen, die Schuldkette zu durchtrennen und Selbstverantwortung zu übernehmen.

Wie kann das geschehen?

Zgraggen: Es ist ein lebenslanger Prozess der Identitätsfindung und hat stark mit Selbstbewusstsein und Selbstliebe zu tun. Ich verweise auch auf die Möglichkeit, mit unserem Priester ein Beichtgespräch zu führen. Da hat sich schon mehrmals etwas zum Guten gewendet. Auch das freie Bekenntnis im Gebet ist ein Schritt in die richtige Richtung, an dessen Ende Versöhnung und Friede stehen können.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?

Zgraggen: Ein Mann war mehrmals im Gefängnis, machte dann eine Phase der Reue durch und wollte sich umbringen. Da sprachen wir über die Beichtmöglichkeit. Er fragte, ob Gott auch die ganz schlimmen Dinge vergebe. So ging er beim priesterlichen Kollegen beichten. Danach machte er einen Neuanfang. Er trennte sich von alten Beziehungen, konnte sich selbst verzeihen und suchte seinen Vater, den er nie gekannt hatte. Zudem fing er an zu beten. Er verknüpfte den Sport mit dem Gebet und sagt seitdem, er mache Fitness zu Ehren Gottes. Er nahm auch eine Arbeitsstelle an.

«Der Mann verknüpfte den Sport mit dem Gebet und sagt seitdem, er mache Fitness zu Ehren Gottes.»

Gelingt die Integration der Patienten in die Gesellschaft?

Zgraggen: Wer aus der Psychiatrie kommt, hat es schwer. Vor allem bezahlbaren Wohnraum und eine Arbeit zu finden, ist ein grosses Thema. Gute Ansätze aus den Therapien werden durch fehlenden Erfolg schnell zunichte gemacht.

Ich habe den Eindruck, dass psychische Krankheit zunehmend als Fehlfunktion des Gehirns interpretiert und behandelt wird.

Zgraggen: Ein Strang der medizinischen Forschung will die Erkrankungen organisch erklären. Doch diese Tendenz weicht wieder auf. Jede Disziplin versucht etwas zu bewirken. So frage ich im Gespräch auch die Ärzte, wie sie mit der Sehnsucht nach wahrer Liebe seitens der Patienten umgehen. Denn meine Erfahrung ist: Alle Menschen sehnen sich danach.

Weshalb arbeiten Sie in der Psychiatrischen Klinik?

Zgraggen: Ich wusste immer: Die «unsichtbare Welt» ist die grössere Realität. Die Eucharistie ist hierbei für mich der Dreh- und Angelpunkt des grossen und des kleinen, privaten Universums. Daraus kann ich für mich und andere Kraft schöpfen. So habe ich mich selbst und auch die Menschen auf dem Weg in ihrer Zerbrechlichkeit lieben gelernt. Es ist nicht nur ein Geben, es ist im selben Masse ein Nehmen.

Aus der Serie zur Barmherzigkeit:

St. Gallen: Besinnungsweg zum Heiligen Jahr als Lehrpfad der Barmherzigkeit

Freiburger Missionar der Barmherzigkeit: «Ich bin empathisch, nicht barmherzig»

Schwuler Theologe: «Wir wollen Respekt, nicht Barmherzigkeit»

Link: Botschaft der Schweizer Bischöfe zum Tag der Kranken

Psychiatrieseelsorgerin Sabine Zgraggen in der Spitalkirche| © 2016 Regula Pfeifer
Psychiatrieseelsorgerin Sabine Zgraggen in der Spitalkirche| © 2016 Regula Pfeifer
Psychiatrieseelsorgerin Sabine Zgraggen in der Spitalkirche | © 2016 Regula Pfeifer
Psychiatrieseelsorgerin Sabine Zgraggen in der Spitalkirche | © 2016 Regula Pfeifer

Seelsorgerin in der Psychiatrie

Sabine Zgraggen (46) arbeitet seit zwölf Jahren in der Psychiatrieseelsorge. Davon vier Jahre in der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich (PUK) mit einem Pensum von 60 Prozent. Ihr Kollege, Pfarrer Ernesto Vigne, steht ihr nach bereits 30 Dienstjahren vor Ort mit 40 Prozent zur Seite. Gemeinsam mit ihren reformierten Kollegen besuchen und betreuen sie rund 20 Stationen. An ihr Büro angegliedert ist eine Kapelle, die für Patienten jederzeit offen steht. Die Gottesdienste sind thematisch auf kranke Menschen ausgerichtet und finden jeden Sonntag um 10.30 Uhr statt.

Vor ihrer Anstellung an der PUK war Sabine Zgraggen in der Psychiatrischen Klinik St. Pirminsberg in Pfäfers (SG) und in der Rehabilitationsklinik Valens (SG) seelsorgerisch tätig. In ihrem Erstberuf als Pflegefachfrau begleitete sie bereits viele Patienten in Krisen und beim Sterben. Erst im Alter von 31 Jahren nahm sie das Theologiestudium an der Theologischen Hochschule in Chur in Angriff. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Felix Zgraggen, der als Diakon tätig ist, hat sie drei Kinder. (rp)

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