Protestinfo-Krise: Es gab weder Zensur noch journalistisches Fehlverhalten
Die Untersuchungskommission der reformierten Kirchen der Westschweiz kommt zum Schluss: Eine Kombination aus Organisations- und Führungsversagen hat im Oktober 2025 zur Krise und zur Entlassung der beiden Journalisten der Agentur Protestinfo geführt. Und diese sei nicht missbräuchlich gewesen.
Maurice Page, cath.ch
Die Entlassung der beiden Journalisten der Agentur Protestinfo hat im Oktober 2025 mediale Wellen geschlagen. Dabei übernahmen die meisten Beiträge die These, dass es sich um Zensur im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch handelte. Dadurch habe das Ansehen der reformierten Kirchen enorm gelitten, heisst es im Untersuchungsbericht, den die damit beauftragte Kommission am 14. September an der Generalversammlung der Konferenz der reformierten Kirchen der Westschweiz (CER) vorgestellte.
Der Bericht umfasst 18 Seiten. Verfasst wurde er von einer dreiköpfigen Kommission – mit zwei Mitgliedern der reformierten Kirchen und dem unabhängigen Experten Serge Reymond, dem ehemaligen Leiter der Westschweizer Publikationen von Tamedia.
Eine mediale Katastrophe
Laut der Kommission haben mehrere Faktoren zur «zweifachen Entlassung und medialen Katastrophe im Fall Protestinfo» geführt: darunter ein unzureichendes Redaktionsstatut, eine Umgehung der Entscheidungsgremien, eine einseitige strategische Entscheidung sowie mangelnde Kenntnis der Aufgaben einer internen Presseagentur.
Die Journalisten Anne-Sylvie Sprenger und Lucas Vuilleumier der reformierten Nachrichtenagentur Protestinfo waren am 10. Oktober 2025 vom Exekutivrat der Konferenz der reformierten Kirchen der Romandie (CER) entlassen worden.
Der Arbeitgeber der Journalisten begründete die Massnahme mit einem langjährigen Vertrauensbruch. Sprenger und Vuilleumier hingegen sind überzeugt, aus «politischen Gründen» entlassen worden zu sein. Sie hätten über die Verbindungen der reformierten Kirche des Kantons Waadt zu einem bekannten Theologen recherchiert, der des sexuellen Missbrauchs verdächtigt wird – die sogenannte «Fall Marguerat». Die CER-Präsidentin Laurence Bohnenblust-Pidoux habe sie am 2. Oktober aufgefordert, ihre Recherche «einzufrieren». Wenig später folgte ihre Entlassung.
Beitrag war in Ordnung
Die Untersuchungskommission hat nun den entsprechenden Beitrag analysiert und geprüft, «ob die Haltung und das Verhalten der Journalisten mit der redaktionellen Charta und dem Verhaltenskodex der Presse vereinbar waren.» Sie kommt zum Schluss: «Die Antwort lautet ja. Die Fragen waren zwar pointiert und die Haltung der Journalisten kompromisslos, aber ein externes und anspruchsvolles Medium hätte sich möglicherweise noch rücksichtsloser verhalten.»
Und sie findet sogar: «Hätten die Journalisten unter dem Druck der Behörde (des CER-Exekutivrats), die die betroffenen Kirchen vertritt, auf dieses Interview verzichtet, hätten sie die Erklärung über die Rechte und Pflichten der Journalisten formal nicht eingehalten.»
Die Problematik um das Interview sieht die Kommission umfassender. Es sei schwierig, «den Rahmen zu definieren, in dem eine unabhängige Presseagentur ihren Auftrag erfüllen kann, wenn sie finanziell von den Institutionen abhängig ist, die sie beobachten und manchmal kritisieren soll».
Ungünstiges Klima bereits ab 2022
Der Bericht hält fest, dass einige Mitglieder kirchlicher Autoritäten bereits in den Jahren 2022 bis 2023 eine ablehnende Haltung gegenüber der Agentur Protestinfo einnahmen. Es habe eine «Diskrepanz zwischen dem der Agentur übertragenen Informationsauftrag und den Erwartungen bestimmter institutioneller Akteure an die von ihnen finanzierte Agentur» gegeben.
So hatten bereits vor dem «Fall Marguerat», die zur Entlassung der beiden Journalisten führte, mehrere Veröffentlichungen von Protestinfo für Kontroversen gesorgt.
Keine missbräuchliche Kündigung
Die Kommission ist der Ansicht, dass die Kündigung von Anne-Sylvie Sprenger und Lucas Vuilleumier auf dem Bruch des Vertrauensverhältnisses zum Arbeitgeber beruhte. Sie weise deshalb «keinen missbräuchlichen Charakter im Sinne von Art. 336 des Obligationenrechts» auf, sondern sei als rechtmässig anzusehen.
Hingegen offenbart die Analyse einen relativ komplexen Entscheidungsprozess. Die Vielzahl der Beteiligten lasse es nicht zu, die Zuständigkeiten und Befugnisse jedes Einzelnen ausreichend transparent festzulegen, ist im Bericht zu lesen. Ausserdem gebe es Probleme, die Verständigung zwischen den verschiedenen Kirchen zu organisieren und eine gemeinsame Position zu sensiblen redaktionellen Fragen zu definieren.
«Während der Krise und in den Monaten davor hatten die Journalisten von Protestinfo keinen klaren Vorgesetzten», heisst es weiter. «Es wäre jedoch notwendig gewesen, dass eine Person ihre Arbeit redaktionell begleitet und versteht, ihre Position institutionell schützt und ihnen regelmässig Unterstützung bietet.»
Eine veraltete Charta
Zudem wird die geltende redaktionelle Charta, die bei der Gründung der Agentur im Jahr 2000 verfasst wurde, als unbefriedigend bezeichnet. Sie stütze sich zwar auf die Erklärung der Rechte und Pflichten der Journalisten, sei jedoch zu knapp gefasst und enthalte teilweise zu vage Formulierungen.
So sei darin die redaktionelle Unabhängigkeit als wesentliche Voraussetzung für Agenturtätigkeit festgehalten, doch werde gleichzeitig eine «klare Solidarität mit den protestantischen Kirchen» verlangt.
Verbesserungsvorschläge
Die Kommission schlägt schliesslich Verbesserungen vor, darunter eine bessere Führung und Abstimmung zwischen den beteiligten Akteuren, die Verabschiedung eines neuen Redaktionsstatuts, die Ernennung eines Chefredaktors sowie die Weiterbildung von Führungspersonen der Kirche.
«Eine Presseagentur hat nicht nur die Aufgabe, ihrem Auftraggeber nach dem Mund zu reden, sondern auch auf Fehler oder Missstände hinzuweisen», schreibt die Kommission. Diese Haltung werde von zahlreichen Akteuren der reformierten Kirchen der Romandie geteilt. Dabei sei eine Presseagentur «ein echter Gewinn für die reformierte kirchliche Institution». Denn sie stärke das Bild einer Kirche, die sich aktiv mit dem Zeitgeschehen auseinandersetze. (Übersetzt und adaptiert von Regula Pfeifer)
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