Der Sitz von ProtestInfo in Lausanne
Schweiz

Hundert Persönlichkeiten protestieren gegen Entlassung von Journalisten bei Agentur ProtestInfo

Vor kurzem sind eine Journalistin und ein Journalist der reformierten Westschweizer Nachrichtenagentur ProtestInfo entlassen worden. Dagegen wehren sich nun rund hundert Persönlichkeiten mit einem Offenen Brief. Sie prangern die Entlassung als Verstoss gegen die Pressefreiheit an.

(cath.ch) «Mit Besorgnis, Bestürzung und Trauer haben die Unterzeichnenden die Entscheidung des Exekutivrats der Konferenz der reformierten Kirchen der Romandie (CER) zur Kenntnis genommen, das Arbeitsverhältnis mit den beiden Journalisten von ProtestInfo, Anne-Sylvie Sprenger und Lucas Vuilleumier zu beenden», heisst es in dem Offenen Brief an den Exekutivrat der CER und den Synodalrat der Evangelisch-reformierten Kirche des Kantons Waadt (EERV).

Kritik aus Wissenschaft und Journalismus

Der Text, der am Montag veröffentlicht wurde, wurde von mehr als hundert protestantischen Persönlichkeiten aus der Westschweiz unterzeichnet, insbesondere aus akademischen und medialen Kreisen. Darunter befinden sich bekannte Namen wie die Journalistin Isabelle Falconnier, Geschäftsführerin des Schweizer Presseclubs, Denis Müller, Honorarprofessor an der Universität Genf, Michel Grandjean, ebenfalls Honorarprofessor an der Universität Genf, oder Isabelle Moncada, Journalistin bei RTS.

Anne-Sylvie Sprenger
Anne-Sylvie Sprenger

Der Offene Brief ist eine Reaktion auf die Mitte Oktober 2025 bekannt gegebenen Entlassungen von Anne-Sylvie Sprenger und Lucas Vuilleumier. Er spricht von einer «brutalen», «unverantwortlichen» und sogar «ungerechten» Entscheidung seitens der protestantischen Entscheidungsträger.

Meinungsverschiedenheiten worüber?

Yves Bourquin, Referent für den Bereich Medien bei der CER, erklärte in einer Mitteilung, dass die Entscheidung auf «anhaltenden Meinungsverschiedenheiten darüber, wie die Aufgabe von Protestinfo im Gleichgewicht zwischen redaktioneller Freiheit und institutioneller Verantwortung wahrgenommen werden soll», beruht. Er dementierte damit, dass es sich um «eine Meinungsverschiedenheit über das legitime Recht auf journalistische Recherche» handelt.

Die Unterzeichner des Briefes versichern jedenfalls, dass die Entlassungen nichts mit dem Engagement oder der Kompetenz der beiden Journalisten zu tun haben. «Alle Leser der Westschweizer Presse kennen die Qualität der journalistischen Arbeit von Anne-Sylvie Sprenger und Lucas Vuilleumier.»

Betroffener über Anerkennung erfreut

Eine Bemerkung, die Lucas Vuilleumier mit Freude aufnimmt. «Es tut wirklich gut zu sehen, dass die Qualität unserer Arbeit von vielen Persönlichkeiten der protestantischen Welt in der Romandie anerkannt wird», versichert er gegenüber cath.ch.

Lucas Vuilleumier
Lucas Vuilleumier

«Das Wichtigste ist vielleicht, dass unsere Arbeitsmethoden rehabilitiert werden, insbesondere von Personen, die sich in der Medienwelt gut auskennen. Das zeigt deutlich, dass diese Methoden, die von Personen kritisiert wurden, die mit journalistischen Belangen nicht vertraut sind, den Standards des Berufsstandes voll und ganz entsprechen.»

Missbrauch und Vertuschung

Für die Unterzeichner des offenen Briefes steht die journalistische Freiheit im Mittelpunkt des Problems. Sie verweisen auf einen konkreten Fall. «Die Untersuchung, die sie durchgeführt haben und die zu ihrer Entlassung geführt hat, steht im Zusammenhang mit einem Fall von sexuellem Missbrauch, den der Synodalrat der EERV lange Zeit nicht behandeln wollte und den er mit allen Mitteln zu vertuschen versucht», heisst es im Brief weiter.

Der Offene Brief verweist auf einen ersten Artikel von ProtestInfo, der im Juli 2024 veröffentlicht wurde. Dem Text zufolge hatten sich die reformierte Kirche und der Kanton Waadt nach einer Anzeige gegen einen Theologieprofessor der Universität Lausanne heimlich darauf geeinigt, die Vorfälle zu verschweigen. Einige Beobachtende befanden, die Fortsetzung der Untersuchung, die in Kürze veröffentlicht werden sollte, sei der Grund für die Entlassungen gewesen.

Vorwurf: Interessenkonflikt

Der Offene Brief bezeichnet die Massnahme als «eindeutigen Machtmissbrauch». Nach Angaben westschweizerischer Zeitungen soll ein Mitglied des Synodalrats der EERV, das in einer Untersuchung der entlassenen Journalisten genannt wurde, in seiner Eigenschaft als Präsident des Exekutivrats der CER interveniert haben, um das Arbeitsverhältnis mit den Journalisten, die die Untersuchung durchgeführt hatten, zu beenden.

«Diese Vermischung von Funktionen ist inakzeptabel», beklagen die Unterzeichner. Sie erinnern daran, dass ProtestInfo zu Médias-Pro gehört und somit der CER untersteht und nicht einer bestimmten Kirche. Ziel ist es, eine Firewall zwischen den Kirchen und der Presseagentur zu errichten und so deren journalistische Unabhängigkeit zu gewährleisten.

«Unter Missachtung dieser institutionellen Regelung hat ein Mitglied des Synodalrats der EERV seine Doppelrolle (Mitglied des Synodalrats der EERV und Vorsitz der CER) genutzt, um diese Firewall zu umgehen und den Exekutivrat der CER aufzufordern, die Journalisten zu entlassen», heisst es in dem Brief. «Dies mit einem Vertrauensbruch zu begründen, ist missbräuchlich: Der Interessenkonflikt ist offensichtlich.»

Glaubwürdigkeit auf dem Spiel

«Es ist skandalös, dass kirchliche Instanzen auch heute noch Arbeitsverhältnisse beenden können, weil Journalisten sie mit ihren eigenen Widersprüchen und Halbheiten konfrontiert haben», betonen die Unterzeichner. «Wir empören uns, wenn Medienunternehmer eingreifen, um die redaktionelle Linie der ihnen gehörenden Medien zu bestimmen oder um die Art und Weise zu beeinflussen, wie ihre Titel bestimmte Themen behandeln (…). Es ist unfassbar, dass kirchliche Instanzen dasselbe Verhalten an den Tag legen.»

Die Unterzeichner erinnern daran, dass Freiheit eine notwendige Voraussetzung für qualitativ hochwertige journalistische Arbeit ist. «Eine Presseagentur steht nicht im Dienst einer Institution, sondern im Dienst des öffentlichen Interesses, auch wenn dieses Interesse dem Image schaden sollte, das eine Institution von sich vermitteln möchte. Mit der Entlassung von Anne-Sylvie Sprenger und Lucas Vuilleumier untergräbt der Exekutivrat der CER diese Unabhängigkeit und beraubt mögliche Nachfolger jeglicher Glaubwürdigkeit gegenüber den Redaktionen der Westschweizer Medien. Darüber hinaus gefährdet er die gesamte Pressearbeit der protestantischen Kirchen der Westschweiz, insbesondere die redaktionelle Zusammenarbeit mit RTS im Rahmen von RTS-Religion.»

Für die Unterzeichner «schadet dieser Fall der Glaubwürdigkeit der protestantischen Kirchen erheblich». Sie fordern den Exekutivrat der CER auf, diese Entlassungen rückgängig zu machen und künftig die Unabhängigkeit und Neutralität der Arbeit von ProtestInfo zu gewährleisten. (Übersetzt und adaptiert von rp)

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Der Sitz von ProtestInfo in Lausanne | © ProtestInfo
21. Oktober 2025 | 16:00
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