Abbé Christophe Godel, Priester.
Schweiz

Priester Christophe Godel: «Im Kanton Neuenburg habe ich betteln gelernt»

Seit drei Jahren leitet Christophe Godel (54) eine Seelsorgeeinheit im Neuenburger Jura. Gemeinsam mit acht Mitarbeitenden betreut der Priester fünf Pfarreien. Das Geld fehlt allenthalben. Godel berichtet, wie Kirche trotzdem funktioniert – und dass er sich eine Lockerung des Kollektenplanes wünscht.

Barbara Ludwig

Christophe Godel ist «curé modérateur» der Seelsorgeeinheit «Unité pastorale des Montagnes neuchâteloises» und damit verantwortlich für fünf Pfarreien im Neuenburger Jura. Zwei davon befinden sich in der Industriestadt La Chaux-de-Fonds und je eine in Le Locle, ebenfalls eine Industriestadt, sowie in den Dörfern Le Cerneux-Péquignot und Les Brenets.

Halb so viel Personal wie in der Waadt

Wie viele Katholikinnen und Katholiken auf diesem Gebiet leben, kann Godel nicht genau sagen. «Es sind zwischen 18’000 und 20’000. In La Chaux-de-Fonds sind 40 Prozent der Bevölkerung katholisch.» Grund hierfür sei die Migration, sagt der Priester, der vor drei Jahren vom Kanton Waadt in den Kanton Neuenburg wechselte. So lebten vor allem viele Italiener hier, aber auch Portugiesen. Zur Seelsorgeeinheit gehören auch zwei italienische Missionen und eine portugiesische.

Christoph Godel verteilt die Kommunion bei einer Messe, Kirche Sacré Coeur in La-Chaux-de-Fonds.
Christoph Godel verteilt die Kommunion bei einer Messe, Kirche Sacré Coeur in La-Chaux-de-Fonds.

Das Pastoralteam der Seelsorgeeinheit umfasst neun Mitarbeitende: Vier Priester, drei Seelsorgende ohne Weihe und zwei Ordensfrauen. «In Stellenprozente umgerechnet sind es aber viel weniger als 900», stellt Godel klar. Die Pensen umfassten zwischen 30 und 100 Prozent. Mehr Personal könne man sich leider nicht leisten. «Wir haben halb so viel Personal als Seelsorgeeinheiten im Kanton Freiburg oder in der Waadt. Dabei müssen wir die gleiche Arbeit leisten, einfach mit der Hälfte der Angestellten», sagt der Priester lakonisch. Die Löhne des Pastoralteams werden von der Neuenburger Kantonalkirche bezahlt, der «Fédération catholique romaine neuchâteloise» (FCRN).

Keine obligatorische Kirchensteuer

Die Ursache des Geldmangels ist bekannt: Im Kanton Neuenburg gibt es keine obligatorische Kirchensteuer, weder für Kirchenmitglieder noch für Unternehmen. Das Entrichten der Steuer ist freiwillig. Ausserdem seien im Kanton Neuenburg die politischen Gemeinden nicht verpflichtet, die Pfarreien finanziell zu unterstützen, weiss Godel. Es sei ihnen freigestellt, ob sie dies tun und in welchem Ausmass.

Katholiken feiern Fronleichnam in Le Cerneux-Péquignot NE.
Katholiken feiern Fronleichnam in Le Cerneux-Péquignot NE.

Laut Godel bedeutet dies konkret, dass die katholischen Pfarreien weniger Geld bekommen als die reformierten. Irgendwie verständlich in einem traditionell reformierten Kanton. In der Waadt, ebenfalls reformiert geprägt, hat der Priester jedoch eine andere Realität kennengelernt: Dort müssten die Gemeinden von Gesetzes wegen die Pfarreien aller anerkannten Kirchen gleichermassen unterstützen.

Sakristane und Organisten arbeiten gratis

In Godels Pfarreien werden viele Aufgaben von Ehrenamtlichen übernommen, auch solche, für die in anderen Teilen der Schweiz bezahltes Personal angestellt wird. Zum Beispiel Sakristane und Kirchenmusiker. «In La Chaux-de-Fonds spielen manche Organisten gratis. Einige bitten uns um ein kleines Honorar. Wir geben ihnen 50 Franken pro Messe. Mehr können wir nicht zahlen», berichtet der Priester.

Ehrenamtlich wirken auch die Lektoren, die Kommunionhelferinnen und -helfer und die Gläubigen, die Kranke und alte Menschen zuhause oder im Spital besuchen. Ebenso die Seelsorgeräte und die Pfarreiräte. Letztere kümmern sich um die Administration und die Finanzen ihrer Pfarrei. Auch die Sekretärin der Seelsorgeeinheit arbeitet teilweise ehrenamtlich.

Orgelspiel.
Orgelspiel.

Doch das ist noch nicht alles. «Auch in der Katechese engagieren sich viele Ehrenamtliche. Ausgebildet werden sie von der Person im Seelsorgeteam, die für diesen Bereich verantwortlich ist», erklärt Godel. Wie viele Ehrenamtliche insgesamt in den fünf Pfarreien mitwirken, weiss der Priester gar nicht. Geschätzt seien es rund 150.

«Man macht nicht das, was ideal wäre, weil zu teuer.»

Der Geldmangel hat Folgen. Bei jeder Ausgabe überlege man zuerst, ob man sie vermeiden könne, sagt Godel. Oder: «Man macht nicht das, was ideal wäre, weil zu teuer.» Im Saal einer Pfarrei in La Chaux-de-Fonds müsste zum Beispiel die Bühne erneuert werden – angesichts fehlender Mittel nicht möglich. Im Pfarreisaal von Les Brenets sind die Mauern feucht – hier habe man sich für die billigste Sanierungsvariante entschieden.

Innenansicht der Kirche Sacré Coeur in La Chaux-de-Fonds NE.
Innenansicht der Kirche Sacré Coeur in La Chaux-de-Fonds NE.

Die Herz Jesu-Kirche von La Chaux-de-Fonds bräuchte eine neue Akustikanlage. Kostenpunkt 200’000 Franken. Die Pfarrei muss Unterstützungsgesuche stellen. Solange man das Geld nicht beisammen habe, unternehme man nichts. «Im Kanton Neuenburg habe ich betteln gelernt», umschreibt Christophe Godel seine Erfahrung.

Inländische Mission hilft

Die Pfarreien sind Eigentümer ihrer Kirchen und sonstigen Gebäude und damit auch verantwortlich für deren Unterhalt. Im Unterschied zu Pfarreien in anderen Kantonen müsse man dabei aber ohne Einnahmen aus der Kirchensteuer auskommen, klagt Godel.

Kirche in Le Cerneux-Péquignot NE.
Kirche in Le Cerneux-Péquignot NE.

In die Bresche springt hier ein Stück weit die Inländische Mission. Die gemeinnützige Organisation hilft  Pfarreien unter anderem bei der Erhaltung kirchlicher Bauten. «Die Inländische Mission unterstützt uns regelmässig. Das ist wertvoll», sagt Godel. Aber dies genüge nicht.

Lockerung des Kollektenplanes

Der Priester wünscht sich, dass mehr Pfarreien in finanziell besser gestellten Regionen Solidarität zeigen. Als Beispiel nennt er die Pfarrei Sankt Martin in Meilen ZH. «Diese Pfarrei hilft uns seit Jahren. Es ist eine Art Patenschaft, die sie für uns übernommen hat.» Dies sei bislang aber einzigartig. Die Neuenburger Katholiken wollen künftig die Pfarreien in anderen Kantonen um Hilfe bitten. Als erstes habe man die Freiburger Pfarreien angeschrieben, sagt Godel – weil es dort eine obligatorische Kirchensteuer gebe.

Was den Neuenburger Katholiken in ihrer Finanznot helfen könnte, wäre zudem eine Lockerung des von der Schweizer Bischofskonferenz vorgegebenen Kollektenplanes. Dort wird für manche Sonntage zwingend vorgeschrieben, welche Organisationen bei der Kollekte berücksichtigt werden müssen.

Zumindest bei einigen Kollekten gebe es bereits jetzt die Möglichkeit, einen Teil des gesammelten Geldes für die Pfarrei zu behalten. Doch Godel würde sich mehr solcher Ausnahmen wünschen. «Für uns ist es immer ein Opfer, weil wir das Geld selber benötigen», erklärt der Priester.

Neuer Taufboom

Ist es hart, eine arme Kirche zu sein? Wenn man sehe, was reiche Pfarreien machen können und man selber nicht, finde er das manchmal schade, antwortet Godel. «Andererseits zwingt uns das, Unterstützung bei Ehrenamtlichen zu holen. Dadurch kann die Kirche sehr lebendig werden.» Man lerne zudem, vieles zu vereinfachen, zu optimieren und Gott um Hilfe zu bitten. «Ich glaube, dass man Gott mehr vertraut, wenn man wenig Geld hat.»

Ostern 2024: Zwölf Jugendliche und junge Erwachsene halten ihre brennende Taufkerze in der Hand, Kirche Sacré-Coeur in La Chaux-de-Fonds NE.
Ostern 2024: Zwölf Jugendliche und junge Erwachsene halten ihre brennende Taufkerze in der Hand, Kirche Sacré-Coeur in La Chaux-de-Fonds NE.

Auch auf die Frage, ob er und sein Team überlastet seien, findet er eine positive Antwort. «Glücklicherweise ja, denn es kommen viele junge Menschen zu uns, die sich taufen lassen wollen.» Dieses Phänomen ist neu.

An Ostern 2024 haben sich zwölf Jugendliche oder junge Erwachsene taufen lassen. Und bereits habe man wieder 15 Anfragen. 2022 und 2023 hingeben liessen sich nur zwei oder drei Personen dieser Altersgruppe taufen. Angesichts dieser Entwicklung versuche man, noch mehr Ehrenamtliche für die Arbeit in der Kirche zu gewinnen und ihnen mehr Aufgaben anzuvertrauen, sagt Godel.

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Abbé Christophe Godel, Priester. | © Barbara Ludwig
13. Oktober 2024 | 12:00
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