Paul Martone verabschiedet sich mit einem Oberwalliser Gebet von Benedikt XVI.
Der Priester Paul Martone (61) ist nach Rom gereist, um sich vom aufgebahrten Benedikt XVI. zu verabschieden. Er betete das Gebet zu Ehren der heiligen fünf Wunden. Ein Gespräch über das Oberwalliser Ritual – und warum Kardinal Schwery Joseph Ratzinger und nicht den Mailänder Kardinal Martini zum Papst gewählt hat.
Raphael Rauch
Was haben Sie vor dem aufgebahrten Benedikt XVI. gefühlt?
Paul Martone*: Ein grosser kleiner Mann – schmächtig und klein. Da sieht man, was nach dem Tod bleibt: nichts! Hier in Rom gibt’s bei der Piazza Barberini das Grab von Kardinal Antonio Barberini. Auf seiner Grabplatte steht auf Latein: «Hier ruht Asche, Staub, nichts.» Genau das kam mir in den Sinn, als ich Benedikts Leichnam sah. Nichts bleibt, wenn der Geist aus dem Körper schwindet. Auf der Zugfahrt nach Rom habe ich gelesen: Benedikt ist der Mozart der Theologie. Benedikts Theologie bleibt – so wie uns Mozart Musik geblieben ist.
Konnten Sie sich von Benedikt XVI. gut verabschieden? Oder hat Sie das «Avanti, avanti» der Wärter gestört, die möglichst schnell die Menschen durchschleusen wollen?
Martone: Das kann ich gut ausblenden. Als Priester kam ich in einen abgesperrten Bereich. In unmittelbarer Nähe zum aufgebahrten Benedikt XVI. konnte ich in Ruhe beten. Ich habe das gebetet, was wir im Oberwallis für alle Verstorbene beten: Das Gebet zu Ehren der heiligen fünf Wunden.
«Das Gebet hat eine lange Tradition, die es nur im Oberwallis gibt.»
Was ist das für ein Gebet?
Martone: Das funktioniert wie ein Rosenkranz, allerdings stehen die fünf Wunden Jesu im Zentrum. Jesus wurde gekreuzigt, hatte also an den Füssen und Händen Wundmale und an seiner rechten Seite, weil ein Soldat mit einer Lanze Jesu Tod überprüft hatte. Es geht also um die fünf heiligen Wunden: am linken und rechten Fuss, an der linken und rechten Hand – und an der Seitenwunde.
Und was genau beten Sie? Ave Maria und Vaterunser – oder was ganz anderes?
Martone: Wir beten dabei das Vaterunser, gefolgt vom Gegrüsst seiest du Maria. Beim letzten Satz «… gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus, folgt: «der an seiner rechten Hand so schmerzhaft ist verwundet worden». Dann folgt das «Heilige Maria». Anschliessend wieder ein Vaterunser, das Gegrüsst seist du Maria mit: «…. Der an seiner linken Hand so schmerzhaft ist verwundet worden». Und dann weiter zu den Füssen und der Seitenwunde.
Warum ist das Gebet zu Ehren der heiligen fünf Wunden nach wie vor beliebt im Oberwallis?
Martone: Es hat eine lange Tradition, die es nur im Oberwallis gibt. Es wird immer nach dem Tod eines Menschen und auch am Schluss der Beerdigungsmesse gebetet. Es ermöglicht, sich mit dem Leiden und Sterben Jesu zu verbinden und im Wissen, dass der gekreuzigte und leidende Herr auch jetzt bei den leidenden Menschen ist, können die Trauernden Trost finden.
Mit welchem Gefühl haben Sie den Petersdom verlassen?
Martone: Ich bin froh, dass ich hier gewesen bin und dass ich Abschied nehmen konnte und ich ihn so in guter Erinnerung behalten kann.
Trotzdem war das viel Aufwand: Sie sind für 24 Stunden mit dem Zug nach Rom gedüst…
Martone: Papst Benedikt bedeutet mir sehr viel. Ich wollte mich persönlich von ihm verabschieden. 2005 war ich kurz vor dem Tod von Johannes Paul II. noch in Rom. Später habe ich es bereut, dass ich zur Abdankung nicht nochmals nach Rom gefahren bin. Deswegen stand für mich dieses Mal fest: Ich muss nach Rom!
«Er ist ein grosser Theologe ist, der mich in meinem Studium geprägt hat.»
Warum bedeutet Ihnen Benedikt XVI. so viel?
Martone: Weil er ein grosser Theologe ist, der mich in meinem Studium geprägt hat. Wir haben im Walliser Priesterseminar in Freiburg viele Abende gehabt, an denen wir über Joseph Ratzingers Bücher diskutiert haben. Schon damals gingen die Meinungen auseinander, ob er jetzt modern oder rückwärtsgewandt sei, ob er für einen Bruch oder für die Kontinuität stehe.
Wussten Sie, dass Benedikt XVI. vor dem Konzil in Saas-Fee Kraft getankt hat?
Martone: Nein, das habe ich erst bei kath.ch gelesen.
Warum bleiben Sie nicht für das Requiem?
Martone: Ich habe mal den Walliser Kardinal Schwery in Rom getroffen und ihm dieselbe Frage gestellt: Warum fahren Sie schon zurück? Er meinte: «Wenn meine Herde brüllt, muss der Hirte zurückkommen.» Ich habe Termine im Wallis, daher muss ich schon am Mittwoch zurück.
Hat Kardinal Schwery 2005 Ratzinger zum Papst gewählt?
Martone: Ja. Und er war überzeugt, dass es eine gute Wahl war. Er hat vom Konklave auch einen ganz anderen Blick gehabt als das, was die Medien kolportiert haben. Er hat keinen Wahlkampf erlebt, sondern eine zutiefst spirituelle Erfahrung gemacht.
«Schwery hatte nichts gegen Martini – aber Ratzinger ist halt eine andere Liga.»
Warum hat Schwery Ratzinger gewählt – und nicht den Mailänder Kardinal Martini, der rein geographisch dem Wallis doch viel nähersteht?
Martone: Geographische Nähe bedeutet nicht immer auch Herzensnähe! Schwery war von Ratzingers Theologie schwer beeindruckt. Und auch sein zurückhaltender Umgang, aber auch seine Fähigkeit zum ruhigen Zuhören, gefielen Schwery. Er hat immer sehr positiv über Ratzinger gesprochen. Er hatte nichts gegen Martini – aber Ratzinger ist halt eine andere Liga.
Wann haben Sie Joseph Ratzinger zum ersten Mal erlebt?
Martone: Ich war ungefähr 19 oder 20 Jahre alt. Ich war mit einer Gruppe Studenten hier in Rom und wir haben in einem Haus von Ordensschwestern gewohnt. Wie es der Zufall wollte, war die leibliche Schwester von Joseph Ratzinger im selben Haus – Maria Ratzinger. Plötzlich sass Ratzinger am Frühstückstisch. Wir haben allen Mut zusammengenommen und ihn angesprochen.
«Eines Tages wird Benedikt heiliggesprochen, aber nicht ‹subito›.»
Was haben Sie ihm gesagt?
Martone: Wir haben gesagt: Eminenz, möchten Sie mit uns in der Kapelle die Sext beten? Er war sofort einverstanden und hat in inniger Andacht mit uns die Sext gebetet. Es war fast peinlich: Wir haben einen Lachkrampf bekommen, weil wir so aufgeregt waren. Wir mussten uns sehr zusammenreissen. Ratzinger hat aber in aller Ruhe dieses Gebet gesprochen. Ich dachte, wir bekommen danach einen Rüffel, weil wir unartig waren. Aber nichts da: Ratzinger liess sich nichts anmerken. Er war sehr zuvorkommend und freundlich. Wir haben danach noch miteinander gesprochen, er hat sich für uns interessiert. Es gibt auch noch ein Foto, das allerdings viel zu dunkel geraten ist. Ausser Ratzingers weissen Haaren sieht man fast nichts (lacht).
Was halten Sie von den ersten «santo subito»-Forderungen?
Martone: Ich kann Erzbischof Gänswein verstehen. Ich bin überzeugt: Eines Tages wird Benedikt heiliggesprochen, aber nicht «subito», weil es noch zu wenig Wunder gibt und zu viel Kritik aufgrund Ratzingers Verhalten im Missbrauchskomplex. Auch theologisch ist er ja nicht unumstritten und die Deutschen sind an einer Heiligsprechung wohl weniger interessiert als seinzeit die Polen bei Johannes Paul II. Ich bin gegen eine Inflation von Heiligsprechungen der Päpste. Aber Benedikt XVI. hätte es definitiv verdient.
* Paul Martone (61) ist Pfarrer von Raron VS und Sprecher für den deutschsprachigen Teil des Bistums Sitten.
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