Papst Franziskus wird bei seiner Ankunft in Bolivien von Staatspräsident Evo Morales empfangen.
International

Papst Franziskus fordert Meinungs- und Religionsfreiheit in Bolivien

La Paz, 9.7.15 (kath.ch) Am ersten Tag seines Bolivien-Besuchs hat Papst Franziskus Einschränkungen der Meinungsfreiheit und der gesellschaftlichen Rolle der Kirche kritisiert. Freiheit sei stets die beste Voraussetzung dafür, dass Intellektuelle, Bürgerinitiativen und Medien «mit Eifer und Kreativität ihre Funktion im Dienst des Gemeinwohls ausüben», sagte der Papst in der Nacht zum Donnerstag Schweizer Zeit im Beisein von Boliviens Präsident Evo Morales vor führenden Vertretern des öffentlichen Lebens in La Paz. Auf dem Weg nach La Paz feierten rund 100’000 Menschen den Papst.

Zu Beginn seines Bolivien-Besuchs hat Papst Franziskus die Rechte der indigenen Bevölkerung angemahnt. Das Land stelle mit seinem kulturellen und ethnischen Reichtum einen «bleibenden Aufruf zu gegenseitigem Respekt und zum Dialog» zwischen der alteingesessenen und der gegenwärtigen Bevölkerung dar, sagte der Papst am Mittwoch, 8. Juli (Ortszeit), nach seiner Ankunft auf dem Flughafen von El Alto. Dort wurde er kurz vor Mitternacht Schweizer Zeit am Flughafen El Alto von Staatspräsident Evo Morales empfangen. Franziskus begrüsste Morales mit einer Umarmung. Mit einigen Kindern an der Hand schritt der Papst über das Rollfeld.  Der 78-jährige Papst, dem als Jugendlicher ein Teil seiner Lunge entfernt wurde, verkraftete die sauerstoffarme Höhenluft offenbar gut. Das oberhalb der Hauptstadt La Paz gelegene El Alto befindet sich mehr als 4100 Meter über dem Meeresspiegel.

Papst kommt als Gast und Pilger

Morales begrüsste Franziskus als den «Papst der Armen», der auf den Spuren des heiligen Franz von Assisi wandle. Er erneuerte die politische Forderung Boliviens nach einem Zugang zum Meer und erinnerte an die Bemühungen zur «Befreiung der Völker des Kontinents». Der Papst lobte in seiner Rede die Integrationspolitik von Präsident Morales gegenüber der indigenen Bevölkerung. Bolivien mache derzeit «wichtige Schritte, um die Inklusion in weiten Bereichen des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Lebens voranzubringen». Zugleich deutete Franziskus Kritik an Morales’ autoritärem Führungsstil an. Er forderte «Transparenz auf der Ebene der Institutionen».

Er komme «als Gast und Pilger», um den Glauben der Christen zu stärken, sagte das Kirchenoberhaupt weiter. Sie müssten «Sauerteig einer besseren Welt sein und am Aufbau einer gerechteren und solidarischen Welt mitarbeiten». In der Kathedrale der Stadt forderte Franziskus zugleich volle Religionsfreiheit und eine aktive gesellschaftliche Rolle der Kirche ein.

Kritik an Morales’ Haltung gegenüber Bischöfen

Kritiker werfen Boliviens Präsidenten vor, er habe durch ein Netzwerk staatlicher und staatsnaher Medien und Repressionen gegen regierungskritische Stimmen die Pressefreiheit eingeschränkt. Ferner hat Morales wiederholt die Legitimität einer politischen Rolle von Bischöfen infrage gestellt, die ihn öffentlich kritisierten. Für Spannungen sorgte auch ein Vorschlag seiner Regierung, ausländische Bischöfe nur noch befristet in Bolivien zu dulden. Franziskus betonte in seiner Ansprache, der Glaube könne nicht auf die Privatsphäre reduziert werden. Das Christentum habe eine wichtige Rolle bei der Bildung der Identität des bolivianischen Volkes gespielt.

Der Papst forderte Bolivien zu diplomatischen Gesprächen mit seinen Nachbarländern auf. Es gelte, «Konflikte zwischen Brudervölkern zu vermeiden und zum freimütigen und offenen Dialog über die Probleme beizutragen». Man müsse Brücken bauen, statt Mauern aufzurichten. Ausdrücklich erwähnte er die Frage des Zugangs zum Meer. Insbesondere das Verhältnis Boliviens zu seinem Nachbarland Chile gilt als gespannt. Bolivien fordert international einen Zugang zum Pazifik. Morales hat deshalb den Internationalen Gerichtshof in Den Haag angerufen. Den Zugang zum Meer hatte Bolivien 1879 nach dem «Salpeterkrieg» gegen Chile verloren. Im sogenannten Chaco-Krieg kämpften Bolivien und Paraguay von 1932 bis 1935 um den nördlichen Teil der Region Gran Chaco.

Seligsprechung des Jesuiten Espinal gefordert

Papst Franziskus hat auf seinem Weg von El Alto nach La Paz einen Stopp an jener Stelle eingelegt, an dem 1980 die mit vielen Schüssen durchlöcherte Leiche des Jesuiten Luis Espinal gefunden wurde. Der Ordensbruder des Papstes war eines der vielen Opfer des Regimes von Diktator Luis Garcia Meza (1980-1981). Er wolle an einen «unserer Brüder erinnern, der Opfer von Interessen wurde», sagte der Papst, bevor er eine Gedenkminute einlegte. Der Jesuit sei beseitigt worden, weil er das Evangelium vertreten habe, das offenbar lästig gewesen sei.

Demonstranten in La Paz hatten vor der Ankunft des Papstes eine Seligsprechung Espinals gefordert. Rund 100 Menschenrechtsaktivisten in La Paz hielten entsprechende Plakate in die Höhe. Der 1932 in Spanien geborene Geistliche Espinal kam 1968 nach Bolivien. Im März 1980 wurde er nach seiner Kritik an der Straflosigkeit für die Anhänger des Putschpräsidenten Alberto Natusch Busch (November 1979) entführt, in einem Schlachthof gefoltert und schliesslich ermordet.

Proteste in der «Kurve des Teufels» und von Feministinnen

La Paz (KNA) Gegner des Papstbesuchs in Bolivien hatten ein Protest-Happening in der sogenannten Kurve des Teufels angekündigt. Die Kurve auf der Strasse, die den Flughafen von El Alto und La Paz verbindet, ist wegen vieler Unfälle berüchtigt. Auf dem benachbarten Felsvorsprung gibt es immer wieder religiöse Zeremonien und Opfergaben. Papst Franziskus hat die Stelle auf dem Weg vom Flughafen El Alto nach La Paz passiert.  Laut einem Bericht der Tageszeitung «El Deber» haben sich via «Facebook» mehr als 800 Teilnehmer für die Protest-Party angekündigt. Die Polizei kündigte an, das Gelände weiträumig abzusperren.

Einen Tag vor der Ankunft von Papst Franziskus in Bolivien hatten auch feministische Aktivistinnen laut Medienberichten vor der Kathedrale in La Paz gegen die katholische Kirche und den Besuch des Kirchenoberhauptes demonstriert. Als Schwangere verkleidet kritisierten sie auf Plakaten die Haltung der Kirche zum Thema Abtreibung. Der Besuch des Papstes diene vor allem dem Ziel, die Macht der Kirche zu stärken, bemängelten sie.

Bolivien ist die zweite Station der einwöchigen Südamerika-Reise von Franziskus; begonnen hatte er am Sonntag in Ecuador. Letzte Station ist ab Freitag Paraguay. (kna/kap/cic)

Schweizer Hilfswerkvertreter in Bolivien

Hammer und Sichel für den Papst

Papst Franziskus wird bei seiner Ankunft in Bolivien von Staatspräsident Evo Morales empfangen. | © 2015 Keystone
9. Juli 2015 | 08:34
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Papst trinkt vor Ankunft in Bolivien Koka-Tee

Papst Franziskus hat sich auf seinem Flug nach Bolivien laut lateinamerikanischen Medienberichten mit Tee der Koka-Pflanze auf die dünne Höhenluft des über 4100 Meter gelegenen Flughafens von El Alto vorbereitet. Das hätten die Stewardessen des bolivianischen Flugs 930 berichtet, mit dem der 78-Jährige am Mittwoch Ortszeit eintraf. Im Vorfeld des Besuchs in dem Andenstaat war darüber spekuliert worden, ob Franziskus wie ortsüblich Koka-Blätter gegen die Höhenkrankheit kauen würde. Dies hatte Kulturminister Marko Machicao im Vorfeld prophezeit.

Bei den Einheimischen in dem Andenstaat ist Koka als mildes Therapeutikum beliebt, um den Wirkungen des Sauerstoffmangels in der Höhe zu begegnen: Kopfschmerz und Schwindel. In der Medizin ist die heilende Wirkung von Koka unumstritten. Doch der immergrüne Strauch dient auch als Rohstoff für Kokain und fällt deshalb unter das internationale Betäubungsmittel-Abkommen von 1961. Bolivien hat wie Peru und Kolumbien nicht nur günstige Wachstumsbedingungen für die höhenliebende Heilpflanze, sondern auch ein Problem mit dem Drogenhandel.

Staatspräsident Evo Morales, selbst früher Koka-Bauer und Gewerkschafter, setzt sich seit vielen Jahren dafür ein, den Anbau der Kulturpflanze zu legalisieren. (kna)