Julie Monots «Soft Matter» - ein Kunstwerk an der Rousseau-Ausstellung
Schweiz

Rousseau an frischer Luft: Was Natur, Mensch und Gott heute verbindet

Art Môtiers verwandelt das tausendjährige Dorf im Kanton Neuenburg und den umliegenden Wald in eine Freiluftgalerie. 2026 führen erstmals ein kleiner, barrierefreier und ein grosser, anspruchsvollerer Parcours durch Gassen, Wiesen und Wald. Im Zentrum steht Rousseau.

Sabine Zgraggen

Schon am Sonntagmorgen bilden sich am Bahnhof lange Schlangen vor dem Ticket-Corner. Gut 20 Grad, blauer Himmel, Wolken über dem Val-de-Travers – und überall Menschen, die sich auf den Kunstweg machen.

Vorstellungen von Mutterschaft und Weiblichkeit

Fast am Anfang steht die Kirche von Môtiers. Die ehemalige katholische Pfarrkirche Notre-Dame, heute reformiert, trägt romanische Spuren und viel mittelalterlich-gotische Geschichte in sich.

Ausgerechnet hier installiert Noémie Doge «The Good Mother»: ein Werk, das Vorstellungen von Mutterschaft, Weiblichkeit und gesellschaftlichen Erwartungen aufruft. Stoffbahnen und eine sinnliche Raumwirkung zwingen die Besucherinnen und Besucher nicht zur schnellen Antwort. Man muss hindurchgehen.

Rousseau lebte in Môtiers

Damit ist ein Thema gesetzt, das später immer wieder auftaucht: Wer definiert, was eine «gute» Frau ist? Jean-Jacques Rousseau, der von 1762 bis 1765 in Môtiers lebte, stellte kirchliche und politische Ordnungen radikal infrage. Sein eigenes Frauenbild blieb jedoch erstaunlich traditionell. Die grossen Freiheitsdenker befreiten eben längst nicht alle.

Sandrine Pelletiers «Chimère» am Rousseau-Wasserfall
Sandrine Pelletiers «Chimère» am Rousseau-Wasserfall

Vor der Kirche wartet derweil eine ganz andere Gemeinde: Kinder, Eltern, Neugierige stehen an der Friedhofsmauer und hoffen auf Pipilotti Rists «Nothing». Aus einer Apparatur steigen in unregelmässigen Abständen nebelgefüllte Seifenblasen auf. Niemand weiss genau, wann sie kommen. Für Sekunden schweben sie über Grabsteine und Mauer – leicht, vergänglich, fast wie kleine Auferstehungszeichen.

Fragmente kaputter Gewächshäuser

Dann zieht der Weg hinaus in die Natur. Jan Van Oordt stellt in seinem Pavillon Fragmente kaputter Gewächshäuser wieder ins Grün. Das erinnert an Rousseaus botanische Leidenschaft und sein Herbarium – und zugleich an die Sehnsucht «zurück zur Natur», die heute brüchiger wirkt denn je.

Besonders stark ist Sandrine Pelletiers «Chimère» am Rousseau-Wasserfall. Dort, wo der Philosoph einst Erholung suchte, ist der echte Wasserfall an diesem heissen, trockenen Sommertag versiegt. Gegenüber funkelt in einer Felsnische ein künstlicher Wasserfall aus Glas und Spiegelstücken. Die Kunst zeigt Wasser, wo die Natur keines mehr liefert. Ein poetisches Bild – und unversehens auch eines für den Klimawandel.

Aus dem Wort Liebe ein Schockbild

Im Wald wird aus dem Wort Liebe ein Schockbild. Mahtola Wittmer schreibt «AMOUR» in riesigen Lettern an den Hang, fast wie Hollywood. Erst aus der Nähe erkennt man: Die Buchstaben bestehen aus durchlöcherten Schiess- und Zielscheiben.

Das Werk verweist auf häusliche Gewalt und Femizide. Liebe als grosses Versprechen – und dahinter die Einschüsse. Für Kirchen, die bis heute um Frauenrollen, Macht und Gleichberechtigung ringen, ist das kaum nur ein gesellschaftliches Thema.

Olaf Breunings Affe, der die Erdgeschichte an einem Faden hält
Olaf Breunings Affe, der die Erdgeschichte an einem Faden hält

Auch Olaf Breuning relativiert den Menschen auf humorvolle Weise. Auf rund 150 Metern spannt sich symbolisch die Erdgeschichte; nur die letzten acht Millimeter sind golden. Ein bronzener Affe hält dieses winzige Ende in der Hand. So kurz ist, gemessen an der Geschichte des Planeten, die Zeit des Menschen.

Farbiges, haariges Netz im Wind

Am Ende des grossen Parcours wartet eines der stärksten Bilder: Julie Monots «Soft Matter». Zwischen moosbewachsenen Bäumen hängt ein farbiges, haariges Netz im Wind – fremd, verspielt, beinahe wie der Lebensraum eines Wesens aus einer Fantasiewelt. Natur und Künstlichkeit verschränken sich.

Ähnlich irritieren die zwanzig Hybridblumen am Wegrand, bei denen kaum noch klar ist, was organisch und was gemacht ist. Selbst Hunde bleiben stehen und schnuppern. Art Môtiers funktioniert gerade deshalb so gut, weil das Dorf nicht bloss Kulisse ist. Wege, Bänke, Häuser, Kirche, Friedhof und Wald werden Teil der Ausstellung.

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Und immer wieder taucht Rousseaus alte Frage neu auf: Was ist Natur – und was haben wir Menschen daraus gemacht? Vielleicht gehört eine zweite Frage heute zwingend dazu: Wer durfte eigentlich bestimmen, wie ein Mensch – und besonders eine Frau – zu sein hat?

*Die Ausstellung der Art Môtier im Val de Travers (Neuenburg) dauert noch bis zum 20. September.


Julie Monots «Soft Matter» – ein Kunstwerk an der Rousseau-Ausstellung | © Sabine Zgraggen
6. September 2026 | 17:00
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