«Oh happy day»: Gott schenkte Tina Turner ihre soulige Stimme
Tina Turner – die Queen des Rock’n’Roll und des Soul ist tot. Die Afroamerikanerin begann ihre Karriere wie viele andere schwarze Musikstars in der Kirche. Kein Wunder. Denn Gospel, das gesungene Evangelium, ist zusammen mit dem Blues die Wiege des Soul – der Musik mit der besonderen Seele.
Wolfgang Holz
Tina Turner ist in einem Nest in Tennessee auf die Welt gekommen. In Nutbush. Einem Kaff mit bescheidenem Charme. «A one horse town», wie sie es später einmal in einem Funk-Song besungen hat.
Und doch war es hier, wo sich ihre herrliche Stimme erstmals in den Äther schwang. Und zwar im Namen und im Geiste Gottes. Denn die ersten Erfahrungen als Sängerin sammelte Tina Turner als Kind im Chor der baptistischen Kirche in Nutbush, wo sie aufwuchs.
Gospel und Blues im Kirchenchor
Sie sang also Gospel – jene Musik neben dem Blues, die als Stilrichtungen zuerst auf den Baumwollfeldern des Südens gesungen wurden. Dort, wo afroamerikanische Sklaven früher von weissen Grossgrundbesitzern geknechtet wurden.
Dort, wo aber auch Martin Luther King in den 1950-er und 60-er Jahren seinen Traum der Befreiung der diskriminierten afroamerikanischen Bevölkerung zur Massenbewegung realisierte. Und dafür sorgte, dass die Rassentrennung gesetzlich aufgehoben und das uneingeschränkte Wahlrecht für die schwarze Bevölkerung der US-Südstaaten eingeführt wurde.
Königin des Gospels – Mahalia Jackson
Tina Turner wurde zwar keine zweite Mahalia Jackson. Doch sie steht in derselben Tradition afroamerikanischer Sängerinnen wie die legendäre «Königin des Gospels» aus New Orleans.
Die 28 Jahre ältere US-amerikanische Gospelsängerin hatte 1963 zum Abschluss des Bürgerrechts-Marschs nach Washington neben Martin Luther King gestanden und nach dessen berühmter «I have a dream»-Rede vor 200’000 Menschen das Lied «How I got over» gesungen. Mahalia Jackson starb vor gut 50 Jahren.
Tina Turner war mit ihrer Stimme spirituell beseelt
Errungene Freiheiten, für die Tina Turner nicht mehr singen musste. Sie rockte mehr lust- und leidvoll durchs Leben. Dabei ist sie von Anfang an spirituell beseelt gewesen und hat dies in ihrer späteren Karriere im Buddhismus ausgelebt.
Es ist deshalb kein Wunder, dass der Gospel eben auch Tina Turner jene soulige Stimme verliehen hat, hervorgerufen durch die musikalische Anrufung Gottes. Sie steht damit in einer Reihe mit anderen Soul-Legenden.
Aretha Franklin: die Soulstimme
Denn beispielsweise auch die Wurzeln von Aretha Franklin, der «First Lady Of Soul», die ebenfalls aus Tennessee stammte, liegen im Gospel.
Ihr Vater arbeitete als Baptistenprediger und nahm die kleine Aretha regelmässig mit in die Kirche, wo sie mit ihren Schwestern Carolyn und Erma im Chor sang. Kaum zu glauben: Zu den Gottesdiensten erschienen unter anderem auch Sam Cooke und eben die später weltberühmte Gospelsängerin Mahalia Jackson. Franklin starb 2018.
Der Gospel war als «Godspel», also auch die «Gute Nachricht» des Evangeliums: eine christliche afroamerikanische Stilrichtung in der Musik. Sie hat sich Anfang des 20. Jahrhunderts aus dem Spiritual sowie aus Elementen des Blues und Jazz entwickelt. Als den oder das Gospel bezeichnet man im Deutschen ein dieser Musikrichtung zugehöriges Werk. Eine Musikrichtung, die es zweifellos in sich hat.
Esther Marrow: Erlösende Wirkung des Gospelsongs
Warum das so ist, erklärte Queen Ester Marrow (82) von den Harlem Gospel Singers, eine Zeitgenossin Tina Turners, vor Jahren einmal im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: «Gospelmusik gehört zur prägenden Erfahrung der meisten Afroamerikaner. Für alles, Jazz, Blues, sogar Hiphop, ist Gospelmusik die Wurzel.»
Und sie weiss auch, warum es so etwas wie die erlösende Wirkung des Gospelsongs nicht in Europa gibt. Esther Marrow:«Die Afrikaner, die nach Amerika gebracht wurden, kommunizierten häufig durch Singen miteinander. Und sie glaubten an Gott. Sie vertrauten darauf, dass dieses Leben nicht ewig so weitergehen könne. Sie beteten inbrünstig und behielten ihre Gefühle nicht für sich. Das ist der Unterschied zwischen unserer und europäischer Musik. Europäer scheinen alles in sich zu begraben.»
Gospel ist nicht der Sound, sondern die Botschaft: «Oh happy day»
Der afroamerikanische Musiker Edwin Hawkins, von dem der Songtext zum legendären «Oh happy day» stammt – einem Song, der wirklich unter die Haut geht –, formulierte es noch eindrücklicher. Gospel strahle quasi eine göttliche Wirkung auf Gospelsinger aus. «Gospel ist nicht der Sound, der Klang – es ist die Botschaft. Wenn es von Jesus Christus handelt, ist es Gospel», sagte die 2018 verstorbene Gospellegende.
Wer Gospel singt oder gesungen hat, hat also eine Botschaft. Eine spirituelle Botschaft mit Seele, die eine Persönlichkeit prägt. Vor allem Musikerinnen und Musiker. Vielleicht ist das auch der grundlegende Unterschied, warum der afroamerikanischen Bevölkerung die Musik so im Blut liegt. Zudem durchdrungen von der leidvollen Erfahrung der historischen Unterdrückung.
Mario Pinggera: «Tina Turner war eine der ganz Grossen!»
Doch zurück zu Tina Turner. Auch Mario Pinggera, Pfarrer im zürcherischen Richterswil und Kirchenmusikexperte, ist ein Fan der verstorbenen Zürcherin. Er hat Tina Turner als Sängerin ebenfalls geliebt und verehrt: «Absolut! Sie war eine der ganz Grossen!»
Kann man denn im Fall von Tina Turner sagen, dass jemand wie sie, die Gott ihre Stimme mit Leidenschaft und Glauben geliehen hat, über beste Aussichten verfügte, dass ihre Stimme eben auch in ihrer Karriere gehört wurde?
Singen in der Kirche als Sprungbrett für die spätere Karriere
«Gebet hat noch niemandem geschadet, im Gegenteil. Umso mehr, wenn es gesungen wird¯, ist Pinggera überzeugt. Für viele afroamerikanische Sängerinnen habe der Gospel daher als Sprungbrett für die spätere Gesangskarriere gedient. «An erster Stelle steht beim Gospel jedoch der geistliche Inhalt. Grosse Sängerinnen und Sänger haben auch in unseren Breiten nicht selten im Kirchenchor begonnen», ist der Zürcher Pfarrer überzeugt.
Im Umkehrschluss fragt man sich: Hat die wunderbare Soul-Stimme von Tina Turner Gott gehört, weil sie für ihn gesungen hat?
Gott motiviert zum Singen: «Glory Hallelujah!»
Glaubt man der US-amerikanischen Sängerin Dionne Warwick, die mehrere Gospel-Schallplatten aufgenommen hat, ist Gott zumindest die ultimative Motivation, um zu singen. «Ich danke Gott immer wieder für meine Stimme und alles, was ich erreichen durfte. Die Stimme ist ein Geschenk Gottes, und ich hoffe, dass ich sie so nutze, wie er sich das vorgestellt hat!» sagte die 82-Jährige einmal. «Gott ist der Grund, weshalb ich singe. Glory, glory Hallelujah. Ich werde dir immer mein Lob geben, denn Du bist der Grund, weshalb ich singe.»
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