Der Vorstand des Seraphischen Liebeswerks Solothurn: (V.l.n.r.) Estela Gabutan, Käthy Arnold, Mary Ann Siacor, 
Marie-Theres Rotzetter
Schweiz

Oberin über Kindswegnahmen bei Jenischen: «Wir bedauern, an diesem Unrecht mitgewirkt zu haben»

Das katholische Seraphische Liebeswerk in Solothurn reagiert «tief betroffen» auf die Aussagen im Buch «Jenische Weltsichten» von Carla Hagen. Darin wird der Organisation vorgeworfen, an den Kindswegnahmen bei Jenischen aktiv mitgewirkt zu haben.

Regula Pfeifer

Die Seraphischen Liebeswerke – von denen es früher schweizweit mehrere gab – haben laut der Religionswissenschafterin Carla Hagen nicht nur jenische Kinder in ihren Heimen aufgenommen und betreut. Vielmehr haben sie auch «eigenständig nach jenischen Familien gesucht und sich um Kindswegnahmen bemüht». Das sagte Hagen in einem Gespräch mit kath.ch.

Die Kindswegnahmen geschahen demnach unter Zwang oder enormem Druck auf die Eltern. Der Eltern-Kind-Kontakt sei anschliessend systematisch unterbunden worden. Und die Kinder, die in Heimen des Liebeswerks aufwuchsen, waren Gewalt und Missbrauch ausgesetzt. Dies geschah noch bis in die 1980er-Jahre, zeigt Carla Hagen in ihrer Publikation «Jenische Weltsichten» auf.

Käthy Ardnold, Oberin und Präsidentin des Vereins Seraphisches Liebeswerk Solothurn
Käthy Ardnold, Oberin und Präsidentin des Vereins Seraphisches Liebeswerk Solothurn

Entschuldigung der Oberin

Kath.ch fragte das Seraphische Liebeswerk in Solothurn um eine Stellungnahme zu den happigen Vorwürfen an. Nun reagiert Käthy Arnold, Präsidentin des gleichnamigen Vereins und Oberin der Schwesterngemeinschaft.

«Die Aussagen und geschilderten Schicksale machen uns tief betroffen», lässt sie mitteilen. «Dass wir an diesem Unrecht mitgewirkt haben, bedauern wir und entschuldigen uns dafür in aller Form bei den Menschen, die Leid erfahren haben.»

Solche Worte hat die Religionswissenschafterin im Interview mit kath.ch gefordert: «Aus meiner Sicht braucht es unbedingt eine Entschuldigung, die sich ausdrücklich an die Jenischen richtet – nicht nur seitens des Bundes, sondern auch von weiteren beteiligten Institutionen, inklusive der katholischen Kirche.»

Absicht war Respekt für alle Menschen

Die im Buch aufgezeigten Vorkommnisse bezeichnet Arnold als «sehr bedauerlich, ja beschämend». Sie entsprächen keineswegs der Absichten des Seraphischen Liebeswerks Solothurn. Denn die Organisation wolle seit langem «alle Menschen mit Respekt» behandeln, die sie unterstütze. Ziel sei «immer das Wohl der Betroffenen», früher wie heute.

Jenische Kinder und Mütter an ihrem Standplatz vor Zürich, 1958
Jenische Kinder und Mütter an ihrem Standplatz vor Zürich, 1958

Die Religionswissenschafterinnen hat von jenischen Menschen erfahren, welche dieses Schicksal hatten, dass diese von den katholischen Fürsorgerinnen oft als «Vaganten» und «Zigeuner» beschimpft und bestraft worden waren.

Ihnen sei unterstellt worden, diebisch, triebhaft und verlogen zu sein. Hagen ortet hier eine «antiziganistische Haltung». Aufgrund derer sei es laut Hagen sogar zu gravierenden Versäumnissen gekommen, etwa zu verzögerten oder falschen medizinischen Behandlungen bei den betreffenden Kindern.

Antiziganistischer Zeitgeist

Oberin Käthy Arnold verweist in ihrer Antwort dazu auf Hagens Publikation. Darin dokumentiere sie «den damaligen Zeitgeist». Sie weise «auf die gesellschaftlich und staatlich weit verbreitete antiziganistische Haltung hin».

Tatsächlich ordnet Hagen diese feindselige, abwertende Haltung gegenüber Jenischen ein und erwähnt auch deren extremen Auswüchse: den Völkermord an den Fahrenden im Nationalsozialismus, der zeitgleich zum Massenmord an jüdischen Menschen geschah.

Die jenischen Menschen, die als Kinder ihren Familien entrissen und in Heime der Seraphischen Liebeswerke gesteckt wurden, litten lange an ihrem Schicksal. Sie waren fortan «mehrfach desintegriert», sagt Hagen. Sie fühlten sich weder der Mehrheitsbevölkerung zugehörig, da ihnen die Fürsorgeinnen das immer abgesprochen hatten. Aber auch nicht den Jenischen, da «ihnen die familiären und kulturellen Bindungen zu ihnen fehlten». Solche Kontakte hätten sie später mühsam knüpfen müssen.

Betroffen über leidvolle Erfahrungen von Jenischen

Auch dieses lange Leiden spricht Oberin Käthy Arnold an, sie sagt: «Die Vorwürfe von jenen Menschen, die unter ihrer Vergangenheit leiden, belasten uns, und wir fühlen mit ihnen.» Ebenso äussert sie ihr tiefes Bedauern, «dass die leidvollen Erfahrungen das Leben von betroffenen jenischen Familien über Generationen geprägt hat und bis in die heutige Zeit nachwirkt.»

Gleichzeitig erklärt sich die Oberin bereit, proaktiv an der Aufarbeitung der eigenen Geschichte mitzuwirken. «Wir sind bereit, in einen vertieften Dialog mit Vertretenden und Forschenden zu treten und hoffen dadurch zu weiteren Erkenntnissen beizutragen.»

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Das Seraphische Liebeswerk Solothurn heute

Das Seraphische Liebeswerk Solothurn (SLS) ist ein Verein und besteht aus den aktuell 23 Mitgliedern der mehrheitlich älteren Schwesterngemeinschaft, wie das SLS schreibt. Dem Verein angegliedert sind einige Sozialwerke, die heute grösstenteils von angestellten Fachpersonen betrieben werden. Der Verein ist Arbeitgeber von rund 70 Personen, viele mit Teilzeitpensen.

Zu den Sozialwerken des SLS gehört eine Überbrückungshilfe, die auf Anfrage von Sozialdiensten und Fachstellen Familien und Einzelpersonen gewährt wird. Ebenso die Kleiderbörse Solothurn, wo Menschen am Existenzminimum mit einer Bezugskarte der Sozialdienste Kleider beziehen können.

Das SLS betreibt auch ein «Welcoming House» in Solothurn, einen Ort der Begegnung für Menschen philippinischer Herkunft, der von einer ebensolchen Mitschwester geleitet wird. Das SLS gibt zudem das Magazin «Antonius von Padua» heraus. Es bietet ein Sorgentelefon an und beantworten Sorgenbriefe.

Eine Initiative des SLS ist zudem die Schule für Sozialarbeit – gegründet 1933. Diese gehört heute zur Fachhochschule Olten. Auch die Beratungsstelle Scala für Paare, Eltern und Familien stammt vom SLS, hat einen eigenen Trägerverein, wird aber noch vom SLS grundfinanziert. Das SLS führt auch eine Kindertagesstätte, die laut eigenen Angaben «von qualifizierten Fachpersonen geführt wird» und durch KibeSuisse, den Verband Kinderbetreuung Schweiz, zertifiziert ist. (rp)


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11. September 2025 | 17:06
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