Carla Hagen: «Fürsorgerinnen beschimpften die Kinder als ‹Vaganten› und ‹Zigeuner›»
Das katholische Seraphische Liebeswerk hat sich bis in die 1980er-Jahre aktiv an den Kindswegnahmen bei Jenischen beteiligt. Ziel war, die «erblich minderwertigen» Kinder aus einem «abstossenden Milieu» in Heimen zu «korrekten» Katholikinnen und Katholiken zu formen. Dies zeigt die Religionswissenschafterin Carla Hagen in ihrer neusten Publikation auf.
Regula Pfeifer
Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» hat über Jahrzehnte Kinder aus Familien gerissen, die den damaligen Familienidealen nicht entsprachen. Der Bundesrat entschuldigte sich, Betroffene erhielten Entschädigungen. Sie haben die Rolle von katholischen Institutionen darin untersucht. Ihr Fazit: Müsste sich auch die katholische Kirche entschuldigen und Entschädigung leisten?
Carla Hagen: In meiner Arbeit ging es um Menschen, die ins Visier von Behörden und anderen Institutionen gerieten, weil sie als «Zigeuner» oder «Vaganten» wahrgenommen wurden. In den bisherigen Entschuldigungen ist dieser Aspekt zu wenig berücksichtigt worden.
«Es braucht unbedingt eine Entschuldigung, die sich ausdrücklich an die Jenischen richtet.»
Aus meiner Sicht braucht es unbedingt eine Entschuldigung, die sich ausdrücklich an die Jenischen richtet – nicht nur seitens des Bundes, sondern auch von weiteren beteiligten Institutionen, inklusive der katholischen Kirche. Denn die Kinder wurden nicht einfach aus allgemeinen Fürsorgevorstellungen heraus entrissen, sondern ganz konkret aus einer antiziganistischen Haltung gegenüber den jenischen Familien.
Genauso wichtig fände ich, diese Frage breiter aufzuarbeiten, weitere Institutionen und Behörden in den Blick zu nehmen. Vieles ist noch unerforscht, gerade im Hinblick auf antiziganistische Mechanismen, die solchen Eingriffen zugrunde lagen.
Sie haben mit jenischen Betroffenen gesprochen. Fordern die nun erwachsenen jenischen Personen eine Entschuldigung?
Hagen: Da möchte ich nicht anstelle der Jenischen sprechen – das liegt in der Kompetenz und Zuständigkeit ihrer Organisationen und Vertreter:innen.
Was haben diese Menschen erlebt in und durch katholische Institutionen?
Hagen: Den jenischen Familien wurden Kinder unter Zwang oder enormem Druck weggenommen. Und in den katholischen Institutionen waren diese Kinder oftmals Gewalt und Missbrauch ausgesetzt. Sie wurden nicht nur von ihren Eltern, sondern auch von ihren Geschwistern getrennt, und familiäre Kontakte wurden systematisch unterbunden.
«Viele Betroffene erzählen, dass ihre Bedürfnisse kaum je ernst genommen wurden.»
Viele Betroffene erzählen, dass ihre Bedürfnisse kaum je ernst genommen wurden – allein, weil sie als «Vaganten» oder «Zigeuner» abgestempelt waren. Man unterstellte ihnen, sie seien diebisch, triebhaft oder verlogen. Selbst Kleinkindern wurde von Betreuerinnen vorgeworfen, sie seien zu faul zum Arbeiten, wofür sie bestraft wurden. Hinzu kamen gravierende Versäumnisse, beispielsweise hinsichtlich der medizinischen Behandlung. Auch hatten die Kinder kaum Schutz vor Ausbeutung oder Missbrauch.
«Häufig behielten die Institutionen auch später die Kontrolle über ihre ehemaligen ‹Zöglinge›.»
Häufig zog sich das weiter, auch im Erwachsenenalter. Die Institutionen behielten die Kontrolle über die Finanzen und Löhne der ehemaligen «Zöglinge» und versuchten, die Wahl des Partners, des Wohnorts und der Arbeitsstelle zu beeinflussen.
Wie prägte das ihr Leben?
Hagen: Viele Betroffene wurden gleich mehrfach desintegriert. Sie gehörten nicht zur Mehrheitsbevölkerung, denn ihnen war von klein auf eingetrichtert worden: Du bist anders, du bist weniger wert. Gleichzeitig fühlten sie sich auch unter den Jenischen nicht wirklich zugehörig, weil ihnen die tiefen familiären und kulturellen Bindungen fehlten, die andere Jenische von Kindheit an erlebten. Diesen Kontakt mussten sie sich später mühsam neu erarbeiten.
«Die Betroffenen erfuhren religiöse Institutionen als Orte von Gewalt, Kontrolle und Verlogenheit.»
Auch in religiöser Hinsicht bleib eine Entfremdung: Sie konnten sich nicht als Katholikinnen oder Katholiken identifizieren, weil sie die Religion in der Kindheit nicht als hilfreich erlebten, sondern religiöse Institutionen als Orte von Gewalt, Kontrolle und Verlogenheit erfahren hatten.
Jenische Kinder kamen vor allem in die katholische Fürsorge. Weshalb?
Hagen: Die Fürsorge war in der Schweiz bis Mitte 20. Jahrhundert konfessionell organisiert: Katholische Kinder kamen in katholische Einrichtungen, reformierte Kinder in reformierte. Da die meisten Jenischen katholisch waren, landeten ihre Kinder folglich in katholischen Institutionen.
Sie haben das Seraphische Liebeswerk als Beispiel katholischer Fürsorge untersucht. Das war früher noch recht verbreitet in der Schweiz – im Unterschied zu heute. Sie betreuten nicht nur Kinder in ihren Heimen, sondern spielten auch eine Rolle bei den Kindswegnamen.
Hagen: Ja, bereits in Studien über das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse» wurde erwähnt, dass das Seraphische Liebeswerk mit diesem zusammenarbeitete. Lange nahm man jedoch an, seine Rolle sei eher passiv gewesen – die dort Mitwirkenden hätten lediglich die Kinder aufgenommen und die Logistik bereitgestellt. Meine Untersuchung zeigt nun aber, dass das Seraphische Liebeswerk deutlich aktiver beteiligt war: Die verschiedenen Sektionen suchten eigenständig nach jenischen Familien und bemühten sich um Kindswegnahmen – auch unabhängig vom «Hilfswerk».
«Die Liebeswerk-Sektionen baten katholische Pfarrer, jenische Familien zu melden.»
Können Sie dazu ein Beispiel geben, wie das ging?
Hagen: Die Sektionen wandten sich direkt an katholische Pfarrer in ihrer Region und baten sie, jenische Familien zu melden. Auf solche Hinweise hin initiierten sie die Wegnahme der Kinder – formal in Zusammenarbeit mit den politischen Gemeinden, die meist zustimmten, weil sie von der finanziellen Unterstützung des Seraphischen Liebeswerks profitierten.
«Teilweise setzten Liebeswerk-Zuständige die Kindswegnahmen gegen den Willen der Gemeinden durch.»
Teilweise gingen die Zuständigen des Seraphischen Liebeswerks aber noch weiter: Sie setzten Wegnahmen auch gegen den Willen einzelner Gemeinden durch oder holten nachträglich weitere Kinder aus derselben Familie. Besonders drastisch ist ein Fall, den ich dokumentieren konnte: Dort wuchsen Kinder aus drei Generationen derselben Familie im Seraphischen Liebeswerk auf.
Die katholischen Fürsorgerinnen und Betreuerinnen haben ihre Tätigkeit auch ideell begründet. Wie genau?
Hagen: Im 20. Jahrhundert waren die Spannungen zwischen Katholizismus und Protestantismus noch sehr ausgeprägt. Das katholische Milieu fühlte sich politische und gesellschaftlich benachteiligt und verstand die Fürsorgearbeit auch als Mittel, diesem Machtgefälle entgegenzuwirken. Ein zentrales Anliegen war daher, katholisch geborene Kinder unbedingt im katholischen Glauben zu halten und sie vor einem Übertritt ins reformierte Umfeld zu «bewahren».
«Die Kinderfürsorge war Teil eines konfessionellen Machtkampfs.»
Mit der Bewegung der «Katholischen Aktion» konnten zudem zahlreiche Laien für diese Aufgabe mobilisiert werden – was den Aufbau grosser Fürsorgeprojekte wie des Seraphischen Liebeswerks überhaupt erst ermöglichte. Die Kinderfürsorge war damit nicht nur sozial motiviert, sondern auch Teil eines konfessionellen Machtkampfs.
Und nicht zuletzt verstand sich das Seraphische Liebeswerk als «Ort der Rettung» vor der drohenden «Entchristlichung», die man in den Veränderungen im Zusammenhang mit der Modernisierung wahrnahm.
«Obwohl Jenische katholisch waren, wurde ihnen abgesprochen, ihre Kinder im Glauben erziehen zu können.»
Es ging wohl auch um «Besserung» von Menschen…
Hagen: Ja. Meine Recherchen zeigen, dass Menschen aus armen Familien und der Arbeiterschicht generell als «verbesserungswürdig» galten. Bei den Jenischen kam zusätzlich ein klar antiziganistisches Motiv hinzu: Obwohl sie katholisch waren, wurde ihnen abgesprochen, ihre Kinder im Glauben erziehen zu können – man hielt sie für «erblich minderwertig» und sprach von einem «abstossenden Milieu». Damit wurden die Kindswegnahmen legitimiert.
«Sie wollten die Kinder vor angeblicher ‹Entchristlichung›, ‹Sittenzerfall› und ‹religiöser Verwahrlosung› retten.»
Ziel war es, aus den Kindern «korrekte» Katholikinnen und Katholiken zu formen, sie vor angeblicher «Entchristlichung», «Sittenzerfall» und «religiöser Verwahrlosung» zu retten. Aus den Mädchen sollten »stramme katholische Mütter» werden, aus den Buben «wackere Staatsmänner und Ritter Christi». Man sprach auch davon, sie zu «brauchbaren Menschen» machen zu wollen.
Wahrscheinlich waren nicht nur katholische Zeitgenossen rassistisch eingestellt gegenüber Jenischen…
Hagen: Antiziganistische Vorstellungen waren damals in weiten Teilen der Gesellschaft verankert – sie fanden sich bei Polizeibehörden ebenso wie in der Psychiatrie. Es gab aber auch kritische Stimmen, die jedoch kaum Gehör fanden.
«Der katholische Glaube wurde in den Heimen oft als Mittel eingesetzt, um Zwang auszuüben oder Gewalt zu rechtfertigen.»
Offenbar spielte der katholische Glaube eine wichtige Rolle in der Erziehung der jenischen Kinder – oft erfolglos…
Hagen: Die Fürsorgerinnen handelten in der Überzeugung, eine «von Gottes Segen geleitete» Erziehung zu bieten. Tatsächlich aber wurden der katholische Glaube und religiöse Rituale in den Heimen oft als Mittel eingesetzt, um Zwang auszuüben oder Gewalt zu rechtfertigen. Viele der betroffenen Kinder verbanden Religion daher nicht mit Trost oder Halt, sondern mit Kontrolle und Missbrauch – und wandten sich später vom Glauben ab.
«Welche Rolle die Caritas spielte, bleibt eine offene Frage.»
Neben dem Seraphischen Liebeswerk war offenbar auch die Vorgängerin der heutigen Caritas Schweiz in die Kindswegnahmen und Kinderbetreuung involviert…
Hagen: Die verschiedenen Sektionen des Seraphischen Liebeswerks waren Mitglied des Caritasverbandes und dadurch breit verankert und personell eng miteinander verbunden. Welche konkrete Rolle die Caritas selbst bei den Kindswegnahmen und Platzierungen spielte, ist allerdings bislang noch nicht ausreichend erforscht und bleibt eine offene Frage.
In welchem Zeitraum geschahen die Kindswegnahmen mit katholischer Beteiligung und weshalb hörte es auf?
Hagen: Die Praxis der Kindswegnahmen als Fürsorgemittel reicht bis ins 19. Jahrhundert zurück. Mein Untersuchungsbericht hat die Zeit von den 1930er-Jahren bis in die 1980er-Jahre im Blick – für diesen Zeitraum lassen sich Eingriffe mit katholischer Beteiligung klar nachweisen. Im Verlauf des 20. Jahrhunderts professionalisierte und verstaatlichte sich die Soziale Arbeit zunehmend. Die Aktivitäten von konfessionellen Organisationen gingen Schritt für Schritt zurück und mussten sich diesen Entwicklungen anpassen – auch jene des Seraphischen Liebeswerks.
«Die Schwestern des Seraphischen Liebeswerks waren nicht offen für einen unverstellten Blick in ihre Vergangenheit.»
Das Seraphische Liebeswerk Solothurn existiert bis heute. Haben Sie die Leitung der Gemeinschaft mit Ihren Erkenntnissen konfrontiert?
Hagen: Zu Beginn meines Forschungsprojekts habe ich die Leitung des Seraphischen Liebeswerks Solothurn kontaktiert und um Zugang zu ihrem Archiv in Solothurn gebeten. Dieser Bitte wurde jedoch nicht entsprochen; man verwies mich auf die Akten, die 2010 ans Bundesarchiv übergeben wurden. Diese konnte ich nach einem offiziellen Bewilligungsverfahren einsehen. Die Schwestern des Seraphischen Liebeswerks waren also nicht offen für einen unverstellten Blick in ihre Vergangenheit.
Das Liebeswerk führt heute eine Tagesstruktur für Kinder. Nach allem, was Sie heute wissen aufgrund Ihrer Forschung: Würden Sie ihr Kind dort betreuen lassen?
Hagen: Heute haben Eltern die Wahl: Wir können selbst entscheiden, wo wir unsere Kinder betreuen lassen, und sie wieder herausnehmen, wenn etwas nicht unseren Vorstellungen entspricht. Diese Möglichkeit hatten die jenischen Eltern damals nicht. Sie mussten ihre Kinder abgeben und sahen sie oft erst wieder im Erwachsenenalter – wenn überhaupt. Unter diesen heutigen Bedingungen könnte ich mir vorstellen, meine Kinder in eine Tagesstätte des Seraphischen Liebeswerks zu geben.
«Das Schicksal der Jenischen hat mich tief berührt.»
Weshalb haben Sie in Ihrer Dissertation die Rolle des katholischen Seraphischen Liebeswerks bei den Kindswegnahmen aus jenischen Familien untersucht?
Hagen: Einerseits gab es zu diesem Thema eine klare Forschungslücke. Andererseits habe ich mich schon in meiner Jugend für die Geschichte der Jenischen interessiert – ihr Schicksal hat mich tief berührt. Als Religionswissenschaftlerin faszinierte mich zudem, wie Menschen, die so schwierige Erfahrungen mit religiösen Akteur:innen gemacht haben, heute zur Religion stehen und die Welt wahrnehmen.
Religionswissenschafterin in Bern
Die Religionswissenschaftlerin Carla Hagen hat sich in ihrem Buch «Jenische Weltsichten» (2025) mit der Rolle von katholischen Institutionen bei der Verfolgung der Jenischen in der Schweiz auseinandergesetzt und gefragt, wie sich dieses «kollektive Trauma» auf die (religiöse) Identität von Jenischen auswirkt.
Zurzeit forscht sie am Departement für Sozialanthropologie und Kulturwissenschaftliche Studien an der Universität Bern zum Umgang mit Unsicherheit in der Covid-Krise. (rp)
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