Nikita Katsuba
Story der Woche

Nikita Katsuba: «Jungpriester repräsentieren immer weniger Mitte der Gesellschaft»

Eine Priesterstudie zeigt: Junge Priester sind überwiegend konservativ und fremdeln mit Kirchenreformen. Es braucht eine «neue Art» Priester, um die derzeitige komplexe Lage der Kirche zu bewältigen, sagt der Sozialwissenschaftler Nikita Katsuba.

Jacqueline Straub

Sie haben eine grossangelegte Studie zu Priestern in Deutschland durchgeführt. Welches Ergebnis hat Sie besonders erstaunt?

Nikita Katsuba*: Am meisten hat mich erstaunt, dass die Ergebnisse paradoxerweise kaum überraschend sind, insofern sie ein stereotypisches Bild von Priestern bestätigen.

«Konservative Ansichten zur Kirche und Politik vervollständigen dieses Bild.»

Inwiefern?

Katsuba: Katholische, monokonfessionelle Herkunftsfamilien, kirchlich-religiöse Erziehung, prägende Eindrücke von Kirche während der entscheidenden Sozialisierungsphase, konservative – um nicht zu sagen veraltete – Vorstellungen über den Priesterberuf und über die eigene Rolle als Priester. Konservative Ansichten zur Kirche und Politik vervollständigen dieses Bild. Ausreisser, die diesem Muster nicht entsprechen, gibt es zwar, sie befinden sich jedoch in der Minderheit.

Sie haben bei der Studie die Priester der Weihejahrgänge 2010 bis 2021 untersucht.

Katsuba: Es handelt sich hierbei um junge Priester – durchschnittlich 37 Jahre alt. Mit ihrem Habitus unterscheiden sie sich allerdings deutlich von ihren Altersgenossen aus der Gesamtbevölkerung.

Paul Zulehner in Schaan
Paul Zulehner in Schaan

Wie haben sich Priester in den letzten 30 Jahren verändert?

Katsuba: Die Daten unserer Studie beziehen sich zwar nur auf die Weihejahre 2010 bis 2021 und erlauben daher keinen direkten Vergleich mit früheren Zeiträumen. Wir haben jedoch die Ergebnisse mit der «Priesterstudie 2000» von Paul Zulehner verglichen und bemerkenswerte Ähnlichkeiten festgestellt. Obwohl keiner der Priester aus unserer Studie im Jahr 2000 im Amt war, zeigen unsere Befragten ähnliche Motivationsmuster in ihrem Beruf. Wir konnten drei Motivationsmuster finden: Gemeinde, Liturgie und Volkskirche. Sie ähneln also Zulehners Priestertypen (zeitnaher Kirchenmann, zeitloser Kleriker und zeitgemässer Gemeindeleiter) aus den Vorgängergenerationen, obwohl sich die Gesellschaft in dieser Zeit dramatisch verändert hat.

Dieser Aspekt ist vermutlich vor allem hinsichtlich der fortschreitenden Säkularisierung relevant.

Katsuba: Die Mehrheit der Priester mit ihrem traditionell-katholischen Habitus repräsentiert immer weniger die Mitte der Gesellschaft – wie es noch vor einigen Jahrzehnten der Fall war – und zunehmend einen konservativen, demografisch alternden und schwindenden Rand.

«Mit dem Rückgang der Religiosität sinkt auch die Wahrscheinlichkeit einer Berufung.»

Sehen Sie bei den Priestern eine indirekte Wirkung der Säkularisierung?

Katsuba: Die Bedeutung von Religion und Kirche nimmt in ihren Herkunftsfamilien stetig ab. Hier zeigt sich ein berufungstheologisches Dilemma: Priester rekrutieren sich grösstenteils aus religiös-katholischen Familien, deren Religiosität jedoch zunehmend abnimmt. Mit dem Rückgang der Religiosität sinkt auch die Wahrscheinlichkeit einer Berufung.

Wie sehen die Priester der Zukunft aus?

Katsuba: In den strategischen Empfehlungen, die wir basierend auf den Studienergebnissen skizziert haben, deuten wir zwei Szenarien an. Im Szenario «Konzentration» wird die Berufungspastoral weiterhin aus dem katholischen Milieu schöpfen und versuchen, mit verschiedenen Mitteln und vorhandenen Ressourcen gezielt junge Männer aus diesem Milieu anzusprechen.

Priesterweihe  im Bistum Basel
Priesterweihe im Bistum Basel

Und im zweiten Szenario?

Katsuba: Im zweiten Szenario «Diversifikation» sollte die Kirche versuchen, diese Milieubeschränkung zu überwinden, sich für andere Lebenswelten öffnen und schliesslich ein attraktiver Arbeitgeber und Einsatzort für die junge Generation aus den Milieus der gesellschaftlichen Mitte werden – wie es früher einmal der Fall war – und damit neue Berufungen von Männern unterschiedlicher sozio-demografischer Hintergründe zu fördern. Nur dieses Szenario ermöglicht es, den dramatisch sinkenden Zahlen der Priesterkandidaten entgegenzuwirken.

Was braucht es hierfür?

Katsuba: Es erfordert eine systematische Umsteuerung in allen Aspekten von Kirche – von moralischen Fragen bis hin zu ihren administrativen Praktiken. Die Antwort auf die Frage, welchen dieser Wege die Kirche einschlägt, definiert auch das zukünftige Bild des Priestertums, das sich in der Berufungspastoral, den Ausbildungswegen sowie der Einstellungspolitik niederschlägt. Wird sie weiterhin die konservative Linie verfolgen und entsprechende Männer rekrutieren oder wird sie sich der Diversität der modernen Gesellschaft öffnen? Denn die Priester sind das Gesicht und die Leitungsfiguren, die letztlich die Gestalt der Kirche formen.

Priester feiert Eucharistie.
Priester feiert Eucharistie.

Die Studie zeigt: Junge Priester kommen aus meist volkskirchlichen Strukturen, sind überwiegend konservativ und fremdeln mit Kirchenreformen. Was heisst das für die Zukunft der Kirche?

Katsuba: Das zeigt, wie die Meinung von wichtigen Repräsentanten von Kirche und der Gesellschaft – auch der Katholiken – zu einer breiten Palette aktueller Fragen in Politik, Moral und Kirche immer weiter auseinandergehen. Die aktuellen Daten der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung zeigen, wie unzufrieden die Katholiken mit dem Zustand der Kirche sind. Allein das Ergebnis dieser Studie ist erstaunlich: Selbst die Katholiken in Deutschland vertrauen der evangelischen Kirche mehr als der katholischen. Auf den Vertrauensverlust folgt der Austritt. Die meisten jungen Priester sind jedoch eher zufrieden mit ihrer Kirche, fordern zwar mehr spirituelle Angebote, sind aber hinsichtlich grundsätzlicher Reformen zurückhaltend. Es ist schwer vorstellbar, dass die Kirche diese komplexe Lage ohne Priester «neuer Art» bewältigen kann.

«Diese Zeit steht der Kirche angesichts der hohen Austrittszahlen allerdings kaum zur Verfügung.»

Und wenn es der Kirche jetzt gelingt würde, solche Priesterkandidaten zu gewinnen…

Katsuba: … würden die ersten von ihnen erst in etwa acht Jahren Priester werden. Um einen wesentlichen Einfluss auf das Priestertum zu haben, müsste ihre Anzahl über mindestens ein weiteres Jahrzehnt hinweg zunehmen. Das bedeutet, dass die Änderungen in der Priesterberufung, die jetzt eingeleitet werden sollen, erst in etwa 20 Jahren in der Kirche breit sichtbar werden. Diese Zeit steht der Kirche angesichts der hohen Austrittszahlen allerdings kaum zur Verfügung.

Bei der Weltsynode im Oktober 2023 sassen die Teilnehmenden um runde Tische.
Bei der Weltsynode im Oktober 2023 sassen die Teilnehmenden um runde Tische.

Können mit den jungen Priestern überhaupt synodale Prozesse und Reformen umgesetzt werden?

Katsuba: Eine pauschale Antwort wäre, dass diese Themen für junge Priester eher wenig interessant sind. Auf die Frage, wie die Kirche reformiert werden soll, erwähnen über drei Viertel der jungen Priester mehr Angebote mit spirituellem Tiefgang oder eine stärkere Ausrichtung auf die Vermittlung von Glaubensinhalten. Deutlich weniger, nämlich 37 Prozent, sprechen sich für eine gesteigerte Teilhabe der Laien in der Kirche aus. Die Themen der Demokratisierung in der Kirche oder die Abschaffung des Zölibats unterstützen nur rund 30 Prozent der Befragten. Und nur einer von vier Priestern würde für die Frauenordination stimmen.

Frauen erzählen von ihrer priesterliche und diakonische Berufung
Frauen erzählen von ihrer priesterliche und diakonische Berufung

Die synodalen Prozesse stehen also unter den Befragten nicht im Fokus ihrer Aufmerksamkeit.

Katsuba: Die Studie ergab eine relativ kleine Gruppe junger Priester (rund 18 Prozent), die all diese Themen unterstützen und insgesamt hinsichtlich ihrer Herkunft und Weltanschauung dem konservativen Priesterbild kaum entsprechen. Wenn synodale Prozesse umgesetzt werden, dann könnte gerade diese Gruppe Hoffnungsträger sein.

«Die Priester fehlen, weil die Kirche als Ganze Vertrauen verloren hat.»

Welche Fehler machen die Diözesen in der Suche und Ausbildung von Priesternachwuchs?

Katsuba: Das Fazit der Studie an dieser Stelle wäre, dass der Schlüssel zur Lösung nicht primär in den Händen der Diözesen liegt. Die Priester fehlen nicht, weil bestimmte Inhalte in der Priesterausbildung oder in der Werbung für den Beruf fehlen, sondern weil die Kirche als Ganze Vertrauen verloren hat. Einige befragte Priester berichteten, dass sie sogar in ihren religiösen Familien und unter Freunden auf Widerstand stiessen, als sie sich entschieden Priester zu werden. Nicht zuletzt aufgrund von Missbrauchsfällen, aber auch wegen des insgesamt schlechten Images ist die Kirche kein angesehener Arbeitgeber mehr. Um dies zu ändern, bedarf es einer systemischen Wende, die die Diözesen alleine natürlich nicht vollziehen können.

«Von den Priestern wird oft erwartet, zusammengelegte Grosspfarreien zu managen.»

Und wie könnte das bestehende Problem durch die Priesterausbildung aufgefangen werden?

Katsuba: Die Studie hat gezeigt, dass junge Priester eher darauf abzielen, ihre eigene Spiritualität zu leben und Seelsorger zu sein. Dieses Bild entspricht jedoch nicht mehr der Realität, denn heutzutage wird von den wenigen Priestern oft erwartet, als Pfarrer zusammengelegten Grosspfarreien zu managen. Die Aufgabe der Priesterausbildung wäre es daher, den Priesternachwuchs besser darauf vorzubereiten, Leitungsfunktionen zu übernehmen und Team- sowie Kommunikationsfähigkeiten zu entwickeln.

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Können die erfassten Daten auch auf die Schweiz übertragen werden oder etwas über die Priester hierzulande aussagen?

Katsuba: Streng genommen haben wir zwar nur deutsche Jungpriester befragt, aber Daten aus den USA deuten darauf hin, dass eine gewisse konservative Tendenz unter katholischen Priestern – im Vergleich zur Gesamtgesellschaft – möglicherweise ein internationales Phänomen ist. Ich möchte keineswegs eine weltweite konservative Wende in der Kirche vorhersagen, aber es könnte die Hypothese aufgestellt werden, dass das Priestertum in Industrieländern – und damit auch in der Schweiz – aufgrund ihrer soziostrukturellen Ähnlichkeiten – wie etwa der Säkularisierung – vergleichbare Transformationen erlebt. Hier bewegen wir uns jedoch im Bereich der Spekulation.

*Nikita Katsuba ist Sozialwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für angewandte Pastoralforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Zusammen mit dem Theologen und Sozialwissenschaftler Matthias Sellmann hat er im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz eine Studie zur Soziodemografie und Motivation der Priesterkandidaten in Deutschland herausgegeben. Die Publikation «Wer wird Priester?» ist im Echter Verlag erschienen.


Nikita Katsuba | © zvg
16. August 2024 | 06:00
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