«Nie Weichspüler, sondern immer Kochwäsche»
Hintergrund:
Radio Maria Deutschschweiz ist als Digitalradio bereits auf Sendung
Adliswil ZH, 18.11.10 (Kipa) Er sei zwar ein praktizierender Katholik, aber zu Radio Maria gekommen wie die Jungfrau zum Kind, erzählt Peter Nilitschka, 57. Der Unternehmensberater aus Adliswil ist Präsident des Trägervereins Radio Maria Deutschschweiz. 2011 soll das Digitalradio rund um die Uhr auf Sendung sein und möglichst viele Menschen für eine persönliche Gottesbeziehung gewinnen. Mit dem Segen des zuständigen Diözesanbischofs Vitus Huonder. Und dem Geld des internationalen Netzwerkes World Family of Radio Maria – vorläufig jedenfalls.
Der Soodring in der Adliswiler Industriezone liegt in der Nähe der Bahnstation und direkt an der Bahnlinie. Hier ist Radio Maria Deutschschweiz seit April eingemietet. Gleich beim Eingang des Gewerbegebäudes hängen Porträts von Papst Benedikt XVI. und Bischof Vitus Huonder. Bilder der anderen Mitglieder der Schweizer Bischofskonferenz sollen folgen, hofft Peter Nilitschka. Weiter hinten im Gang das internationale Radio-Maria-Logo mit Marienbild. Schräg gegenüber geht es zur provisorisch eingerichteten Kapelle, aus der regelmässig Gottesdienste übertragen werden sollen.
Im oberen Stockwerk: Büros mit mehreren Arbeitsplätzen, Sitzungsräume und vor allem zwei professionell eingerichtete Sendestudios. Kostenpunkt der Studios inklusive Audiotechnik und Geräuschdämmung: insgesamt rund 250.000 Franken.
Jährlich 250.000 Franken für die Sendekonzession
Die Sendekonzession für DAB+ (»Digital Audio Broadcasting») kostet Radio Maria 250.000 Franken jährlich. DAB ist ein digitaler Übertragungsstandard für den terrestrischen Empfang von Digitalradio, der bis in einigen Jahren das Senden auf Ultrakurzwellen (UKW) abgelöst haben wird. Nilitschka ist jedenfalls überzeugt, dass DAB+ die Zukunft des Radios darstellt. Bereits heute besitze jeder zehnte Haushalt in der Schweiz ein Empfangsgerät für DAB+, und bis in 15 Jahren werde UKW als Sendefrequenz praktisch keine Rolle mehr spielen.
Den Entscheid allerdings, nicht nur auf Internetradio, sondern auch auf das innovative, aber kostspielige DAB+ zu setzen, haben die derzeitigen Geldgeber von Radio Maria Deutschschweiz gefällt: die World Family of Radio Maria. So nennt sich das 1998 in Italien gegründete internationale Netzwerk von Radio Maria. In 53 Ländern auf allen Kontinenten werden mittlerweile 130 Radiostationen mit dem Label «Radio Maria» betrieben. Prinzipiell gilt dabei: Jedes Radio Maria wird ausschliesslich durch Spenden der Hörerfamilie und durch die Mitarbeit von Ehrenamtlichen getragen.
Im Lehramt der Kirche verankert
Was 1983 im italienischen Erba in der Lombardei mit der Gründung eines kleinen Pfarreisenders namens «Radio Maria» begonnen hat, ist inzwischen zu einem weltweiten Instrument der Verkündigung geworden, das sich explizit dem Lehramt der katholischen Kirche verpflichtet weiss. Dementsprechend wird es von zahlreichen Bischöfen geschätzt und gefördert. Radio Maria «ermutigt und begleitet die Gläubigen in ihrem Alltag und gibt denen Antwort, die sich auf dem Glaubensweg befinden oder ihn erst suchen», heisst es in den Leitlinien.
Das Programmraster bei Radio Maria hat gemäss Leitlinien grundsätzlich so auszusehen – wobei lokale Abweichungen durchaus möglich sind: Ein Drittel der Sendezeit soll der Katechese gewidmet sein. Ein weiteres Drittel dem Gebet: Rosenkranz, Stundengebet, Messe. Mit «Sonstigem» wird das letzte Drittel bestritten: Lebenshilfe, Erziehungsfragen, Musik. Und: Als Programmleiter soll gemäss Leitlinien der Weltfamilie von Radio Maria «ein besonders marianischer Priester» wirken – Maria sei schliesslich die erste Gläubige überhaupt gewesen.
«Auch kontrovers, aber mit Substanz»
Radio Maria Deutschschweiz will zur Einheit in der katholischen Kirche beitragen. Das aber gehe vor allem mit Treue zu Papst und Kirche einher, sagt Vereinspräsident Nilitschka: «Der Papst ist ein Brückenbauer und ein Symbol der Einheit. Seine Position macht es möglich, dass alle in dieser Kirche beten und leben können.»
Streitgespräche seien aber keineswegs ausgeschlossen: «Es kann durchaus auch mal kontrovers sein, aber mit Substanz! Wir wollen sagen können: Radio Maria ist nie Weichspüler, sondern immer Kochwäsche.» Und deshalb werde es im Programm auch Platz haben für «interaktive Katechese», bei der einem Referenten im Studiogespräch auch kritische Fragen zur kirchlichen Lehre und zur katholischen Tradition gestellt werden könnten, verspricht Nilitschka.
Was es allerdings auf Radio Maria Deutschschweiz nicht geben wird: «Allabendliche Diskussionen über das Frauen-Priestertum oder den Pflichtzölibat – das ödet wohl nicht nur mich an», meint Nilitschka: «Wir wollen nicht immer über dieselben Fragen streiten, die für manche furchtbar wichtig sind. Wir möchten hingegen Augenöffner sein, damit die Leute merken: da ist eine Breite und eine Tiefe in dieser Kirche, da sind ganz viele Dinge möglich. Letztlich wollen wir mithelfen, dass sich der einzelne Hörer für Christus und damit für eine persönliche Gottesbeziehung entscheidet – und darauf kommt es doch schliesslich an! «
Mittelfristig soll Radio Maria Deutschschweiz eine Hörergemeinde bilden, die trotz unterschiedlichen Ausrichtungen und Schattierungen «freundlich miteinander umgeht».
Im provisorischen Sendebetrieb
Bereits kann Radio Maria Deutschschweiz auf DAB+ empfangen werden. Man stecke jedoch noch immer in einem provisorischen Sendebetrieb, räumt Peter Nilitschka ein: «Schämen müssen wir uns zwar nicht, aber wir sind noch nicht auf jenem professionellen Standard, den wir gerne hätten.» Insbesondere sollen eigene Sendegefässe für ein spezifisch deutschschweizerisches Publikum entwickelt werden. Und: Zwar stehen bereits vier Festangestellte auf der Lohnliste von Radio Maria Deutschschweiz, doch ohne die Mitarbeit von möglichst vielen Freiwilligen wird es nicht gehen.
Derzeit produziert Radio Maria vier bis sechs Stunden pro Tag selber. 2011 sollen zunehmend mehr Sendungen Eigenproduktionen sein. Der Hauptteil des Programms wird gegenwärtig noch von befreundeten Sendern ähnlicher Ausrichtung bezogen: von Radio Gloria, das aus einem Studio im luzernischen Baldegg sendet, sowie von Radio Horeb, das zwar im schwäbischen Balderschwang beheimatet ist, aber auch über ein Sendestudio in Chur verfügt. Radio Horeb gehört ebenfalls zur Weltfamilie von Radio Maria und finanziert sich deshalb ebenfalls ausschliesslich aus den Spenden seiner Zuhörer.
Bis in zwei oder drei Jahren selbsttragend?
Noch hängt Radio Maria Deutschschweiz vollständig von den Geldern ab, die ihm von der World Family of Radio Maria zufliessen. Um welche Summen es sich dabei handelt, will Nilitschka derzeit nicht veröffentlicht haben. Doch wie auch immer: Man sei in der Weltfamilie optimistisch, dass Radio Maria Deutschschweiz bis in zwei oder drei Jahren dank selber erwirtschafteten Spenden selbsttragend sein werde.
Nilitschka baut aber auf Zusicherungen der Weltfamilie, dass man notfalls auch länger für die Finanzierung des Radios sorgen werde – Hauptsache, der Zweck werde erfüllt, wie ihn die Leitlinien formulieren: «Radio Maria ermutigt und begleitet die Gläubigen in ihrem Alltag und gibt denen Antwort, die sich auf dem Glaubensweg befinden.»
Werbemässig will das Radio in der Schweiz laut Nilitschka vom optischen Auftritt der Weltfamilie von Radio Maria abweichen und nicht dessen stilisiertes Marienbild verwenden.
Dass es auch in der Deutschschweiz genügend Spender für ein katholisches Radio gibt, zeigt seit einigen Jahren Radio Gloria. Seinen Betrieb aufgenommen hat es vor sechs Jahren nach dem Besuch von Papst Johannes Paul II. im Juni 2004. Seit Mai 2008 wird Radio Gloria als Vollprogramm rund um die Uhr betrieben – von wenigen Entlöhnten (mit insgesamt 300 Stellenprozenten) und vielen Ehrenamtlichen. Man finanziere sich durch die vielen Kleinspenden der Hörer, sagt Radiogründer Peter Galliker, der auch Präsident des Trägervereins ist.
Ungenügendes Spendenpotential für drei Radios
Galliker bestätigt Aussagen von Peter Nilitschka, wonach auf Programmebene eine Zusammenarbeit mit Radio Maria Deutschschweiz geplant ist – längerfristig sei ein Zusammenschluss der beiden Radios nicht ausgeschlossen.
Dazu rät wohl nicht zuletzt die wirtschaftliche Vernunft. Weder Galliker noch Nilitschka gehen davon aus, dass das Spendenpotential in der Deutschschweiz langfristig gross genug ist, um – inklusive Radio Horeb (Schweiz) – drei ganz ähnlich ausgerichtete katholische Radios am Leben zu erhalten.
Separat:
Reaktionen der Bischofskonferenz und des Bistums Chur
Der Sendestart von Radio Maria Deutschschweiz hat die Verantwortlichen für Medien und Kommunikation der Schweizer Bischofskonferenz (SBK) «überrascht», wie Abt Martin Werlen auf Anfrage erklärt. Man begrüsse jedoch «alle Projekte der Verkündigung des Glaubens, sofern sie zum Aufbau der Glaubensgemeinschaft beitragen und nicht unnötig polarisieren», sagt der Verantwortliche der SBK für Medienarbeit weiter.
Es sei «grundsätzlich erfreulich», wenn engagierte kirchliche Kreise den Mut hätten, sich auf das Wagnis einzulassen, die neuen, aber noch sehr teuren Möglichkeiten des digitalen Radios zur Verkündigung der christlichen Botschaft zu nutzen, meint Simon Spengler, Geschäftsführender Sekretär der Kommission für Kommunikation und Medien der SBK.
Die Vertreter von Radio Maria hätten im Gespräch mit der Kommission betont, dass sie sich ausdrücklich dem kirchlichen Lehramt verpflichtet fühlten. Sie hätten aber gleichzeitig versichert, «innerhalb dieses Rahmens die ganze Bandbreite der katholischen Kirche zu Wort kommen zu lassen». Spengler: «Wird diese Absicht im definitiven Sendebetrieb in die Tat umgesetzt, kann Radio Maria eine echte Bereicherung der kirchlichen Medienarbeit werden.»
Kein Geld vom Bistum Chur
Christoph Casetti, Sprecher des Bistums Chur und Vizepräsident des Trägervereins Radio Maria Deutschschweiz, unterstreicht auf Anfrage, dass die finanzielle Situation des Bistums so «angespannt» ist, «dass an eine materielle Unterstützung von Radio Maria nicht zu denken ist».
Weshalb ist dieses Radio in den Augen des Bistums Chur wichtig? Vor allem für ältere und kranke Gläubige seien die regelmässigen Gottesdienstübertragungen eine «grosse geistliche Hilfe», meint Casetti. Auch sei es im Zusammenhang mit der Neuevangelisierung wichtig, dass die Botschaft des Glaubens in einer «gut verständlichen Sprache» weitergegeben werde.
(kipa/job/gs)



