Schweiz

«Mit ‹Humanae vitae› hat sich die Kirche viel Kredit verspielt»

Freiburg, 24. Juli 2018 (kath.ch) Vor 50 Jahren veröffentlichte Papst Paul VI. das Lehrschreiben «Humanae vitae» über Empfängnisverhütung und sorgte damit für einen Skandal: «Die Kirche hat im Schlafzimmer nichts verloren», lautete die Reaktion. Die negative Spirale, die dieses Schreiben ausgelöst hat, wirkt bis heute nach, glaubt Daniel Bogner, Professor für Moraltheologie und Ethik an der Universität Freiburg.

Martin Spilker

Herr Bogner, wenn Sie heute «Humane vitae» hören, woran denken Sie?

Daniel Bogner: An eine Etappe der Kirche, in der sich das Lehramt auf problematische Weise vom Kirchenvolk entfremdet und einen guten Teil seiner inneren Autorität verloren hat. Das II. Vatikanische Konzil zwischen 1962 und 1965 war beim Thema Familienplanung – wohlweislich – zurückhaltend. Mit «Humanae vitae» hat sich die Kirche dann viel Kredit verspielt, den sie durch das Konzil und seine Impulse bei vielen Menschen gewonnen hatte.

Bereits vor 50 Jahren wurde das Dokument abgelehnt. Welche Bedeutung hat es heute?

Bogner: Die theologisch-ethische Bedeutung und vor allem seine reale Wirkung halten sich in engen Grenzen. Viele Katholiken stossen sich daran, dass in diesem Schreiben die Würdigung des Gewissens überhaupt nicht vorkommt. Damit wird eine Sicht vom Menschen vorgelegt, die wieder hinter die Standards des Konzils zurückfällt, wie sie dort etwa im Beschluss zur Religionsfreiheit formuliert worden waren.

«Humanae vitae» hat viele geöffnete Türen wieder zugestossen.

Es ist die Idee eines mündigen, zu Verantwortung fähigen Menschen, dem Freiheit zugemutet werden kann. «Humanae vitae» unterläuft diese Aussagen und hat viele geöffnete Türen wieder zugestossen. Die Menschen fühlen sich in ihrer Urteilskompetenz – zumal in einer Frage der persönlichen Lebensführung – nicht ernst genommen.

Können Sie das konkretisieren?

Bogner: «Humane vitae» verleitet offenbar zu irrtümlichen Aussagen. Dazu zählt etwa die Verknüpfung von Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch, wie das kürzlich der Churer Bischof Vitus Huonder gemacht hat. Es handelt sich bei beiden Sachverhalten um voneinander verschiedene Fragestellungen, die ethisch unterschiedlich zu bewerten sind.

In Bezug auf die Empfängnisverhütung von einer «Kultur des Todes» zu sprechen, ist grotesk. Es wird der Realität, in der Menschen sich heute befinden, nicht gerecht und bringt nur zum Ausdruck, wie weit man sich kirchlich von der Wirklichkeit entfernt hat.

Auf Rückfrage von kath.ch hiess es selbst aus Kirchenkreisen, die katholische Kirche habe die Kompetenz verloren, zu solchen Themen Stellung zu beziehen.

Bogner: Der eigentliche Fehler von «Humanae vitae» aus meiner Sicht ist, dass er unter dem schönen Titel «Weitergabe des Lebens» allein auf die biologischen und technischen Aspekte der Fortpflanzung eingeht. Zugrunde gelegt wird dabei ein festgefahrenes Verständnis einer «Schöpfungsordnung», aus der vermeintlich eindeutig abzulesen sei, welches Verhalten des Menschen gut und richtig ist.

Nach dem Schreiben zweifelten viele Leute, ob das katholische Lehramt wissenschaftliche Erkenntnisse überhaupt wahrnimmt und akzeptiert. Im Konzil hatte sich die Kirche dafür noch sehr offen gezeigt.

«Weitergabe des Lebens» könnte auch erziehungsorientiert verstanden werden.

«Weitergabe des Lebens» wird vor allem zeugungsorientiert und nicht, wie man das auch verstehen könnte, erziehungsorientiert verstanden. Da hätten viele Paare und Eltern durchaus Unterstützung und guten Rat nötig und wären dankbar, wenn die Kirche sich für die grosse Aufgabe interessiert, wie aus jungen Menschen reife Persönlichkeiten werden können.

Aber auch in andern Fragen von Partnerschaft wie Scheidung oder Homosexualität sieht sich die katholische Kirche mit ihrer festen Linie hartem Wind ausgesetzt.

Bogner: Scheidung, Homosexualität, Abtreibung und Empfängnisverhütung – das sind alles grundverschiedene Dossiers, die im Einzelnen angeschaut und unterschiedlich bewertet werden müssen. Wer alles in einen Topf wirft, verkennt die Fähigkeit der theologischen Tradition, zu differenzierten und angemessenen Einschätzungen zu gelangen, die lebensförderlich sind und in Einklang mit der Botschaft vom lebensfreundlichen Gott stehen.

«Es geht nicht darum, einfach blind zu gehorchen.»

«Selbstbestimmung oder Gehorsam» – vor diese Alternative wird man als Christ häufig gestellt. Genau darin besteht aber der Fehler. Es in diesem Gegensatz zu formulieren, ist Ausdruck einer bestimmten kirchenpolitischen Ideologie. Es verkennt, dass auch die Fähigkeit zur ethischen Selbstbestimmung Teil der Schöpfungsordnung ist und dass es nicht darum geht, einfach blind zu gehorchen.

Wenn die Kirche keine mündige, verantwortungsbewusste Gläubige mehr hat, ist sie bankrott. Eine dem kritischen Gewissensurteil verpflichtete Selbstverantwortung ist letztlich das grössere Glaubenszeugnis als der fraglose, blinde Gehorsam. Wo die Kirche hierfür sensibel ist, hören ihr die Menschen auch zu, schenken ihr Vertrauen.

Und wo wird das heute spürbar?

Bogner: Es ist eine Herausforderung und hängt sehr stark von der Sprache, vom Stil ab, mit der sich die Kirche zu Wort meldet. Wo Menschen sich Orientierung wünschen, da wollen sie auch als Persönlichkeiten ernst genommen werden, nicht bevormundet. Der Papst und viele Bischöfe haben wohl eingesehen, dass «Humanae vitae» ein Fehler war und dass es nicht die erste Aufgabe der Kirche ist, sich derart konkret in die Lebensführung der Menschen einzuschalten.

«Natürlich gibt es ‹Kulturen des Todes›, zu denen man Stellung beziehen sollte.»

Und natürlich gibt es heute «Kulturen des Todes», zu denen man dringend Stellung beziehen sollte, etwa die Lebensfeindlichkeit eines Turbokapitalismus und einer Leistungsgesellschaft, in der es darauf ankommt, sich von Anfang an gut zu verkaufen und darzustellen, um Anerkennung zu finden und in der beinahe alles über den Geldwert bewertet und entschieden wird.

Hierzu wäre die Stimme der Kirche dringend nötig. Mit «Humanae vitae» hat sie sich hingegen auf ein Terrain begeben, bei dem sie aus der Defensive gar nicht mehr hinauskommt.

«Humane vitae» bleibt ein kirchliches Lehrschreiben und als Moraltheologe müssen sie sich damit auseinandersetzen. Ebenso mit Stellungnahmen wie der von Bischof Huonder. Was soll damit heute in der Seelsorge gemacht werden?

Bogner: «Humanae vitae» ist ein offizielles Dokument, mit dem ich mich natürlich auseinandersetze – ganz einfach, weil es ja existiert. Viele Aussagen darin sind auch richtig und wertvoll, etwa über die Qualität von Ehe und den Respekt, den Partner sich in einer Beziehung schulden. Aber dies wird eben überdeckt durch die einschlägigen Aussagen zur Empfängnisverhütung. Die Kirche ist in der Pflicht, Menschen, die sich durch solche Äusserungen von ihr entfernen, zurückzugewinnen.

Kirche sollte eine Instanz sein, die Menschen einlädt und ermutigt.

Aus meiner Sicht eignet sich das Dokument nicht, um heute mit Menschen über Fragen gelingender und verantwortungsvoll gelebter Beziehung ins Gespräch zu kommen. «Humanae vitae» wird als ein Verbotstext wahrgenommen. Kirche sollte aber nicht eine Instanz sein, die Menschen etwas verbietet, sondern die Menschen zu etwas einlädt und ermutigt.

Kommentar von kath.ch-Redaktor Martin Spilker: Wer interessiert sich heute noch für «Humanae vitae»?

Die «Schweizer Kirchenzeitung» SKZ hat in ihrer aktuellen Ausgabe (Nr. 13) der Enzyklika «Humanae vitae» einen Schwerpunkt gewidmet.


Junges Paar | © pixabay.com CCO
24. Juli 2018 | 11:03
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«Humanae vitae» und «Amoris laetitia»

Am 25. Juli 1968 veröffentlichte Papst Paul VI. das Lehrschreiben «Über die Weitergabe des Lebens». «Humane vitae», so der lateinische Originaltitel des Dokuments, erscheint in einer Zeit, in der erstmals im Reagenzglas gezeugte menschliche Embryonen der Mutter wieder erfolgreich eingesetzt werden können und sogenannte «Retortenbabys» zur Welt kommen. Gleichzeitig findet in den 1960er-Jahren eine Enttabuisierung der Sexualität statt, die Antibabypille kommt auf den Markt und es wird, zuerst von feministischer Seite, die Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs gefordert. In diese Zeit fällt zudem eine weltweit starke Bevölkerungszunahme.

«Humanae vitae» nimmt diese unterschiedlichen Entwicklungen auf und stellt den Fragen zu Sexualität und Fortpflanzung eine lehramtliche Haltung gegenüber. Wie ein erst vor kurzem erschienenes Buch zeigt, stand Papst Paul VI. mit seiner ablehnenden Haltung gegenüber der künstlichen Empfängnisverhütung aber ziemlich alleine da.

Konkret angesprochen sind katholische Eheleute; nicht zuletzt, weil es nach katholischer Lehre vor einer Eheschliessung zu gar keinem Geschlechtsverkehr kommen darf. Darin ist von der «Untrennbarkeit der liebenden Vereinigung und Fortpflanzung» die Rede und jegliche Verhütungsmethoden werden abgelehnt.

Im Dokument «Amoris Laetitia», das Papst Franziskus nach den beiden Synoden zu Ehe und Familie 2014 und 2015 verfasst hat, wird nebst vielem anderen das Thema Empfängnisverhütung auch wieder aufgenommen. Hier allerdings werden sowohl Sexualität als auch das Ehe- und Familienleben an sich viel breiter betrachtet. In diesem Dokument, 2016 erschienen, wird jetzt jedoch von einer «geburtenfeindlichen Mentalität» und «verhütungsfördernden Politik gesprochen, die «junge Menschen zwingt, keine Familie zu gründen, weil es ihnen an Chancen für die Zukunft mangelt».

Doch im Unterschied zum «ex cathedra» veröffentlichten Lehrschreiben «Humanae vitae» entdeckt beispielsweise Hanspeter Schmitt, Professor für Theologische Ethik an der Theologischen Hochschule Chur, in «Amoris Laetitia» von Papst Franziskus «Hinweise auf ein dialogisches Lehramt». (ms)