Missio-Direktor: «Die Frau mit den knackigen Botschaften hat es mir angetan»
Erwin Tanner war an der Seligsprechung der Missio-Gründerin Pauline Jaricot in Lyon. Ihre Botschaft findet der Direktor von Missio Schweiz motivierend, weil für alle Menschen umsetzbar. Mission ist für ihn ein guter Begriff, wenn man den Kern der Wahrheit anderer Religionen anerkennt.
Was bedeutet Ihnen die seliggesprochene Pauline Jaricot persönlich?
Erwin Tanner*: Mich motiviert sie für meinen Glauben. Pauline Jaricot schöpfte ihre Kraft aus dem Gebet und der Eucharistie. Was sie im Gespräch mit Gott wahrgenommen hat, das versuchte sie in ihrem Leben umzusetzen. Sie hat den Armen und Bedürftigen geholfen. Das ist eine wunderbare Botschaft, die ich übrigens erst so richtig kenne, seit ich Direktor von Missio Schweiz bin. Diese Frau mit ihren knackigen Botschaften hat es mir angetan. Ausserdem würde ohne Pauline Jaricot Missio schlicht nicht existieren.
Welche knackigen Botschaften meinen Sie?
Tanner: Ein Gebet pro Tag und eine Münze pro Woche. Das umzusetzen schaffen alle Menschen, wenn sie es nur wollen. Das ist ganz im Sinne des Gleichnisses vom Senfkorn. Ich kann mich nach meinen eigenen Möglichkeiten einsetzen. Das ist motivierend. Mit ihrem Ansatz ist Pauline Jaricot für alle gläubigen Christinnen und Christen ein Vorbild. Allerdings hat sie betont, dass es nötig ist, sich in Gemeinschaften zusammenzufinden. Etwa zum lebendigen Rosenkranz. Auch ich denke, dass die Christinnen und Christen keine Einzelkämpfer sein sollten.
Wie funktionieren diese Rosenkranz-Gruppen?
Tanner: Stellen Sie sich den Rosenkranz vor mit 165 Perlen. Immer 15 Personen beten zusammen die Gesätze. Zehn Mal 15 Ave-Maria und einmal 15 Vater-unser. Zusammen bilden die Betenden eine lange Kette, die von der Idee her letztlich weltumspannend sein soll.
Eine schöne Vorstellung, aber unrealistisch mit Blick in die Schweizer Kirchen…
Tanner: Bei den sogenannten Mainstream-Katholikinnen und Katholiken ist der lebendige Rosenkranz gewiss kein verbreitetes Gebet. Wir haben heute ein ähnliches Umfeld, wie Pauline Jaricot es damals hatte. Sie lebte in einer antiklerikalen und antikatholischen Gesellschaft in Lyon. Sie hatte die Idee, dass die Einzelnen in der Gruppe sich gegenseitig in ihrem Glaubensleben bestärken.
Es gibt also durchaus Parallelen zu heute?
Tanner: Ja. Als Katholikinnen und Katholiken befinden wir uns in einem immer säkulareren, kirchenindifferenteren Umfeld; wir sind immer mehr in der Minderheit und wir müssen unsere Stühle zusammenrücken und uns auf das Wesentliche konzentrieren.
Was ist das Wesentliche?
Tanner: Das Gebet, die Gottesliebe und die Nächstenliebe. Das schaffen wir aber nur gemeinsam und nicht, indem wir uns gegenseitig das Leben schwer machen.
Wer hat den Seligsprechungsprozess vorangetrieben?
Tanner: Das war die Erzdiözese von Lyon, damals unter der Leitung von Erzbischof Barbarin.
Hat Missio diesen Prozess finanziert?
Tanner: Primär hat die Erzdiözese Lyon dies finanziert. Wie grosse die Beiträge des päpstlichen Missionswerks in Frankreich waren, weiss ich nicht. Die Feier der Seligsprechung hat ebenfalls die Diözese Lyon finanziert. Sie sind die erste, die mich nach den Finanzen fragt.
Sie sind Direktor eines Missionswerkes und arbeiten mit Spenden, da geht es per se um Finanzen. Transparenz im Umgang mit Geld ist zentral für das Vertrauen der Menschen, finden Sie nicht?
Tanner: Sie haben recht. Ebenso wichtig ist es aber, dass die Medien die Sachverhalte richtig darstellen, nicht so verzerrend, wie dies der Spiegel in Deutschland in Bezug auf Missio Aachen getan hat.
Die Grundprinzipien von Pauline Jaricot waren die Glaubens-, Gebets- und Solidargemeinschaft. Wie kann Missio funktionieren, wenn wir in einer säkularisierten Welt darauf nicht mehr bauen können?
Tanner: Es ist ein schwieriger Stand für uns gläubige Christen. Gerade auch für ein katholisches Missionswerk wie Missio. Aber wir sind voller Hoffnung und machen weiter. Denn wenn sich die Kirche nicht erweitert, wird sie schliesslich sterben. Und das entspricht nicht unserer Sendung.
Welche Aktionen planen Sie?
Tanner: Im Herbst starten wir eine Aktion mit dem Titel: «Auf der Suche nach den Paulinen im Hier und Jetzt». Pfarreien, motovierte Gruppen sollen nach Menschen suchen, welche die Anliegen der Pauline Jaricot umsetzen und damit auch die päpstliche Botschaft im Weltmissionsmonat: Ihr werdet meine Zeuginnen und Zeugen sein bis in die entferntesten Ecken der Welt.
Wie können Sie gewährleisten, dass die Hilfe des Missionswerkes nachhaltig ist?
Tanner: Wir versuchen Ortskirchen zu helfen, die finanziell und pastoral nicht selbsttragend sind. Wir tun dies in einem partnerschaftlichen Verhältnis. Pauline Jaricot hat uns das vorgemacht. Als Tochter eines reichen Seidenfabrikanten hat sie den Arbeitenden genau zugehört und sich etwas sagen lassen. Zusammen mit ihnen konnte sie dann etwas aufbauen. Nachhaltig ist ein Projekt dann, wenn wir in ganz kleinen Schritten vorangehen, Hand in Hand mit den Kirchen vor Ort. Die Projekte kommen von den Bischöfen, den Ordensgemeinschaften oder Gemeinden vor Ort, denn sie wissen am besten, was sie brauchen.
Lassen sich denn mit Ihrer Hilfe die zugrunde liegenden Missstände beheben?
Tanner: Vor diesem Problem stehen sowohl alle Hilfswerke als auch wir Missionswerke. Die Frage, ob die Ursache bekämpft werden kann, ist schwierig zu beantworten. Es braucht die Politik, damit die nötigen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Veränderungen in Gang kommen. Von sich aus können wir das nicht bewerkstelligen. Aber als päpstliches Missionswerk stehen wir im Dienst der Universalkirche. Der Papst setzt sich kontinuierlich dafür ein, dass sich die Verhältnisse ändern. Aber letztlich sind es die Menschen vor Ort, die sich einsetzen müssen.
Als päpstliches Hilfswerk haben Sie einen Missionsauftrag. Was bedeutet das genau?
Tanner: Unser Anliegen ist es, in Abgrenzung zu einem Hilfswerk wie der Fastenaktion, dass wir die Botschaft von Jesus Christus anbieten und Ortskirchen aufbauen helfen, damit sie ihren pastoral-karitativen Auftrag wahrnehmen können. Wir versuchen mit den Christen vor Ort, diese Botschaft umzusetzen. Ausserdem haben wir keine eigenen Projekte. Wir bekommen Projekte von Rom zugeteilt und finanzieren diese dann direkt. Natürlich versuchen wir, Beziehungen zu den unterstützten Ortskirchen über lange Zeit zu pflegen, das steigert die Nachhaltigkeit.
Wie wird für Sie der umstrittene Begriff Mission zu einem guten Begriff?
Tanner: Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Kirche auf die Inkulturation gesetzt. Die Auffassung, dass jede Religion einen Kern an Wahrheit hat, die in sich gut ist, hat sich durchgesetzt. Mit dieser Vorstellung hat sich der einst kolonialistisch gefärbte Begriff der Mission gewandelt. Heute wollen wir den Glauben nicht aufzwingen, sondern wir bieten die Frohbotschaft Jesu Christi an. Das bedeutet vor allem, für die anderen ein anziehendes und begeisterndes Vorbild zu sein.
* Erwin Tanner-Tiziani ist seit Januar Direktor von Missio Schweiz. Zuvor war er Generalsekretär der Schweizer Bischofskonferenz. (aktualisiert um 14.30 Uhr)
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