Missbrauchsbetroffener am Kollegium in Altdorf: «Ich schäme mich nicht fremd»
Hansjörg Felber ist Ende der 1960er Jahre von einem Benediktiner-Pater am Kollegium Karl Borromäus in Altdorf UR nackt fotografiert worden. In der jüngsten SRF-Sendung «Rundschau» spricht er darüber und sagt, warum er dies öffentlich macht. Mit Diakon Benedikt Hänggi outet sich ein weiteres Opfer, das von einem anderen Pater sexuell missbraucht wurde.
Barbara Ludwig
Hansjörg Felber besuchte das Kollegium Karl Borromäus in Altdorf UR ab 1968. Er ist einer von mehreren Schülern, die dort von Pater Notker nackt fotografiert wurden – unter dem Vorwand, er brauche Abzüge für den Aufklärungsunterricht.
Über die Übergriffe durch diesen Pater und einen weiteren Mönch berichtete die SRF-Sendung «Rundschau» am Mittwochabend. Die beiden Mönche des Klosters Mariastein im Kanton Solothurn unterrichteten damals an dem Gymnasium, dem auch ein Benediktiner als Rektor vorstand.
«Grober Machtmissbrauch»
In der Sendung berichtet Felber, wie er «füdliblutt auf der Kollegibühne» von Pater Notker fotografiert wurde. Und er sagt auch, wie er den Vorfall heute einordnet: «In der Rückblende ist das, was Notker mit mir gemacht hat, ein grober Machtmissbrauch. Ein Missbrauch seiner Position als Lehrer und Musiklehrer, als Vertrauensperson.»
Für Felber, der als Anwalt in Altdorf arbeitete, sei es ein bewusster Entscheid gewesen, an die Öffentlichkeit zu treten, heisst es in der Sendung. Er wolle «andere ermutigen, vor allem, wenn sie darunter leiden, dass sie rausgehen mit dem», so Felber.
«Der muss sich selbst schämen»
An die Öffentlichkeit zu gehen, könne «befreiend» sein. Es sei wichtig, die eigene Scham abzulegen. «Ich schäme mich nicht, ich schäme mich nicht fremd für jemand anderen, der muss sich selbst schämen», sagt Felber.
Die «Rundschau» berichtete von weiteren Betroffenen, die ebenfalls nackt fotografiert wurden, die aber die anonym bleiben wollen und ihre Geschichte schriftlich schilderten.
Zwei Jahre lang missbraucht
Mit Benedikt Hänggi outete sich ein zweiter Mann mit seinem Namen. Er ist katholischer Diakon. Hänggi wurde von Pater Felix, der als Präfekt eine leitende Funktion an der Schule hatte, mehrfach sexuell missbraucht. Damals war er 14 Jahre alt. Er besuchte das Kollegium Ende der 1960er Jahre. Als Internatsschüler sei er – mit Ausnahme von Ostern und Weihnachten – das ganze Jahr über dort gewesen.
Es begann in der Gemeinschaftsdusche. Der Pater habe ihm befohlen, nackt die Dusche zu putzen. Dabei kam es zum Missbrauch. «Er hat sich entblösst vor mir, masturbiert vor mir.» Er habe ihn gezwungen, sein Glied in den Mund zu nehmen. Das habe sich gesteigert «bis hin, dass er in mich eingedrungen ist», sagt Hänggi in der Sendung. Es blieb nicht bei dem einen Mal. Die brutalen Missbräuche hätten zwei Jahre lang gedauert.
«Wie habe ich das ausgehalten?»
«Kei Ton», das sei das einzige gewesen, was der Pater immer gesagt habe. «Kei Ton». Das sei ihm «bei jeder Handlung» eingefahren. Heute, nach 55 Jahren, frage er sich auch: «Wie habe ich das ausgehalten… Ich habe es ausgehalten, habe es über mich ergehen lassen.»
Hänggi hat die Übergriffe während Jahrzehnten verdrängt. «Ich hatte ein glückliches Leben». Doch plötzlich, nach 55 Jahren, brach alles wieder auf, erzählt er. Wegen einer Begegnung mit einem Priester, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Pater Felix gehabt habe. «Plötzlich, als ich dieses Gesicht sah, hatte ich wieder diese Bilder vor Augen, die ich erlebte in Altdorf.» Nachts habe ihn seine Frau wecken müssen, weil er schrie.
20’000 Franken Genugtuung
Im Falle von Hänggi wurde der Missbrauch von der katholischen Kirche offiziell anerkannt. Er erhielt 20’000 Franken Genugtuung. Das Geld stammt aus einem Fonds für verjährte Missbrauchsfälle, den die Bischöfe 2016 einrichteten.
Als Diakon hat Hänggi eine besonders nahe Beziehung zur Kirche. Dieser sei er treu geblieben, trotz dem traumatischen Missbrauch, heisst es in der Sendung. Hänggi ging 2021 in Pension, er war zuletzt Altersseelsorger im Pastoralraum Basel-Stadt. Noch heute leitet er Gottesdienste.
Vertuscher machen sich «mitverantwortlich»
Die Kirche als Ganzes könne «nichts dafür für einen Missbrauch», sagt er. «Die Kirche sind die Menschen, die an der Basis arbeiten und da wird so viele tolle Arbeit geleistet.» Er nimmt aber auch die Kirchenverantwortlichen in die Pflicht, Priester, Bischöfe, Kardinäle bis hin zum Papst.
Verantwortliche in der Kirche, die Übergriffe deckten, unter den Teppich kehrten oder verniedlichen würden, machten sich «mitverantwortlich», sagt er. «Die (…) sind letztlich auch Mittäter.» Viele missbrauchte Kinder und Jugendliche würden später ein Leben lang leiden.
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