Missbrauch: «Man muss Worte finden, um über solche Übergriffe sprechen zu können»

Wie geht es weiter mit der Bekämpfung sowie mit Opfern des Missbrauchs in der Kirche? Die Interessengemeinschaft für Missbrauchsbetroffene im kirchlichen Umfeld (IG MikU) hat zu einer Veranstaltung eingeladen. Die Expertinnen und Experten informierten vor allem über Grundsätzliches und Organisatorisches.

Wolfgang Holz

Die Pilotstudie, welche die Universität Zürich vor gut einem Jahr präsentiert hat, ist ein Meilenstein. Sie lieferte erstmals klare Zahlen zu Fällen sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche. Die Untersuchungen wurden im Auftrag der römisch-katholischen Kirche durchgeführt, wobei erstmals Archive der Bistümer und Orden in der ganzen Schweiz unter die Lupe genommen wurden. Die Studie konnte von 1950 bis heute 1002 Missbrauchsfälle identifizieren.

Vreni Peterer von der IG MIKU
Vreni Peterer von der IG MIKU

«Es gibt Personen, die uns einfach mitteilen, was ihnen in der Vergangenheit vorgefallen ist, ohne weitere rechtlichen Schritte einleiten zu wollen.»

Doch wohin wenden sich Opfer sexuellen Missbrauchs – historische und aktuelle? Angelica Venzin, Präsidentin des Diözesanen Fachgremiums «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld» im Bistum Chur, berichtete als eine der Expertinnen bei der Infoveranstaltung der IG MikU, die von Léa Burger vom SRF am Dienstagabend geleitet wurde, über ihre Arbeit.

«Es gibt Personen, die uns einfach mitteilen, was ihnen in der Vergangenheit vorgefallen ist, ohne weitere rechtlichen Schritte einleiten zu wollen», sagt Venzin. Dann gebe es solche Missbrauchsbetroffenen, die für das, was ihnen widerfahren sei, eine finanzielle Entschädigung forderten und einen Antrag auf Genugtuung stellten. «Die maximale Entschädigungssumme beträgt 20’000 Franken», erklärte Venzin.

Das Priesterseminar des Bistums Chur, Sankt Luzi, am 20. Juli 2021 in Chur (Schweiz).
Das Priesterseminar des Bistums Chur, Sankt Luzi, am 20. Juli 2021 in Chur (Schweiz).

Drei Ansprechpersonen pro Bistumsregion

Das Fachgremium arbeitet mit insgesamt sechs Ansprechpersonen, in drei Bistumsregionen. «Die Personen sind frei wählbar und unterliegen der Schweigepflicht», so Venzin.

Auch Michael Thöni von der Opferhilfe Graubünden berichtete über seine Tätigkeit. «Es handelt sich nicht selten um sehr aufwendige, zeitintensive Prozesse», sagt er. Wobei er in der Opferhilfe ein breites Spektrum an Missbrauchsfällen bearbeite, nicht nur die von kirchlichen Missbrauchsbetroffenen.

«Wir beraten Personen über mögliche rechtliche Schritte, begleiten und informieren die Betroffenen und stehen an ihrer Seite, wenn es zu Strafverfahren und Schadenersatzforderungen kommt.» Man gehe auf die Wünsche der Antragsteller ein.

Spendenkasse in einer Bündner Kirche
Spendenkasse in einer Bündner Kirche

«Neben unserer Recherchearbeit in den kirchlichen Archiven haben wir Kontakt mit zahlreichen Betroffenen.»

Aber Missbrauchsbetroffene wenden sich nicht nur an Opferberatungsstellen. Es wollen offensichtlich auch viele mit denen sprechen, die darüber forschen. Stichwort Pilotstudie. «Neben unserer Recherchearbeit in den kirchlichen Archiven haben wir Kontakt mit zahlreichen Betroffenen», erzählt Magda Kaspar, eine der beteiligten Historikerinnen an der Pilotstudie der Universität Zürich.

Interessanterweise würden diese Gespräche nicht nur Betroffenen die Möglichkeit bieten, über ihre traumatischen Erlebnisse zu erzählen. «Diese Gespräche, die einer extremen Geheimhaltung unterliegen und zu deren Akten nur wenige Personen Zugang haben, dienen uns als wichtiger Abgleich für unsere Recherchen in den Archiven», so Kaspar.

Magda Kaspar
Magda Kaspar

«Kirche hat Archive gut geöffnet»

Denn man wisse ja nicht mit letzter Gewissheit, ob nicht doch irgendetwas in den Archiven geheim gehalten, entfernt oder vernichtet worden ist. «Grundsätzlich hat die Kirche die Archive gut geöffnet, selbst wenn noch gewisse Archive der Öffnung harren», attestiert Kaspar.

Über die Aufgaben und die Wichtigkeit der Prävention gegen Missbrauch äusserte sich die neue Co-Leiterin der Präventionsstelle von spirituellem Missbrauch und sexueller Ausbeutung des Bistums Chur, Dolores Waser Balmer. Sie leitet die Stelle ab November neu zusammen mit der Theologin Elena Furrer.

Flächendeckend und besprechbar

«Zwei Dinge sind in unserer Präventionsarbeit zentral», so Waser. Zum einen sei die Besprechbarkeit wichtig, um Missbrauch verhindern zu können. «Das heisst, man muss Worte finden, um über solche Übergriffe sprechen zu können, um sie zum Thema machen zu können. Zum anderen geht es um die flächendeckende Bewusstseinsbildung in Sachen Missbrauch.»

Dolores Waser Balmer
Dolores Waser Balmer

Gleichzeitig müsse man davon wegkommen, so Waser, das Gespräch über Missbrauchsprävention ständig als etwas nur «Schweres» zu empfinden. Je akzeptierter das Thema sei, desto leichter lasse sich darüber reden.

Das gute Beispiel eines Seelsorgers

Sagts und führt das Beispiel eines Seelsorgers an, der sie besorgt kontaktierte, weil dieser mit einem Schüler allein Lerninhalte nacharbeiten wollte und dabei plötzlich bemerkte, dass dies in der Aussenwirkung problematisch sein könnte. Im Kontakt mit ihm und den Eltern habe man im Voraus dann alles entsprechend aufgleisen können. «Das Lerngespräch zwischen dem Schüler und dem Seelsorger selbst hat dann in einem Raum mit einer von aussen einsehbaren Glasscheibe stattgefunden.»

Unabhängige kantonale Opferhilfestellen

Last, but not least durfte natürlich ein weiterer Missbrauchsexperte in der Schweiz, Stefan Loppacher, in der Expertenrunde nicht fehlen. Loppacher soll ja bekanntlich bis Anfang nächsten Jahres die Entflechtung von Opferberatung und kirchlichen Meldestrukturen bewerkstelligen. Betroffene kirchlicher Gewalt sollen neu ausschliesslich durch unabhängige kantonale Opferhilfestellen beraten werden.

Stefan Loppacher leitet ab 1. Juli 2024 die neue nationale Fachstelle «Missbrauch im kirchlichen Umfeld».
Stefan Loppacher leitet ab 1. Juli 2024 die neue nationale Fachstelle «Missbrauch im kirchlichen Umfeld».

 Der frühere Präventionsbeauftragte des Bistums Chur sprach dabei über die Schwierigkeiten dieses Projekts. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang, was er an der Veranstaltung zu der Schwierigkeit der Beratung von Opfern spirituellen Machtmissbrauchs zu sagen hatte.

Seelsorgerliche Betreuung bei spirituellem Missbrauch

«Denn für solche Fälle braucht es unbedingt auch eine seelsorgerliche Betreuung durch Seelsorgende, die über sehr spezifische Beratungsskills und das nötige Fachwissen verfügen – die gibt es aber nicht wie Sand am Meer», versicherte Loppacher.

Es sei letztes Jahr versucht worden, einen Pool an solchen Seelsorgenden zusammenzustellen. Dies sei jedoch nicht gelungen. «Der Hauptgrund, der dies erschwert, ist dass es für Seelsorgende heikel ist, in diesem Themenfeld vertrauliche Seelsorgegespräche zu führen, ohne dass gleich eine Meldepflicht greift.» Hier brauche es eine Klärung.

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Weiter betonte Loppacher, dass spiritueller Missbrauch immer auch ein Verstoss gegen eine Berufsethik darstelle und als solcher geahndet werden müsste. Dazu fehlten jedoch noch die Grundlagen.


Missbrauch (Symbolbild) | © Pixabay/Magwood Photography, Inhaltslizenz
2. Oktober 2024 | 15:00
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