Thilo Stadelmann ist Professor für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften.
Schweiz

Menschlichkeit im Zeitalter der künstlich intelligenten Roboter

Wie kann Kirche verantwortungsbewusst mit künstlicher Intelligenz umgehen? Mit dieser Frage beschäftigte sich am Dienstag eine Fachtagung der Paulus Akademie. In Vorträgen und Workshops wurden die ethischen und theologischen Herausforderungen der neuesten Technik zur Diskussion gestellt.

Stefan Betschon

Sie können im Handumdrehen schwierigste mathematische Rätsel lösen, chemische Experimente simulieren, medizinische Daten analysieren, dicke Bücher zusammenfassen, Gedichte schreiben, Bilder erzeugen, Filme herstellen. Könnten sie nicht auch lernen, wie man sich im Umgang mit Menschen korrekt und ethisch sauber verhält? Die Rede ist von künstlich-intelligenten Computerprogrammen (KI). Könnte man ihnen nicht Ethik einprogrammieren?

Ein Skandal

Die Verantwortlichen der amerikanischen KI-Firma Anthropic haben sich genau diese Frage gestellt. Anthropic gilt als eine der weltweit führenden KI-Firmen und beschäftigt Hunderte von Computerwissenschaftern, darunter viele, die als die besten ihres Fachs gelten.

Um sich in Sache Ethik kundig zu machen haben Verantwortliche der Firma – so berichtete die «New York Times» – Dutzende von Religionswissenschafter, Philosophen und Theologen an den Firmenhauptsitz in San Francisco eingeladen, darunter Fachleute aus christlichen, jüdischen, hinduistischen, sikhistischen und indigenen Traditionen, Priester, Rabbis, Mönche und auch einen katholischen Kardinal. Von diesen Experten wollten die Computerprogrammierer wissen, wie man einem Computer Moral beibringen kann.

Es ist ein Skandal. Nicht darin besteht der Skandal, dass Computerwissenschafter den Dialog mit geisteswissenschaftlich gebildeten Frauen und Männer suchen, sondern darin, dass diese Computerwissenschafter offenbar nicht wissen, was jeder Theologie-Student nach dem ersten Semester weiss: Moralfähigkeit setzt Menschsein voraus, denn nur Menschen haben ein Gewissen, besitzen Freiheit, können autonom handeln und deshalb Verantwortung übernehmen, nur Menschen können aufgrund ihrer eigenen «Verletzbarkeit» die Konsequenzen von unmoralischen Entscheidungen nachempfinden. Menschen sind eben etwas anderes als Maschinen.

Gestaltungschancen ausloten

«Menschen sind Personen: von Gott geschaffen und angesprochen, in ihrer Würde unverfügbar und etwas anderes als Maschinen»: Dieser Satz steht am Anfang einer zehn Thesen umfassenden Verlautbarung, die von der Evangelisch-Reformierten Kirche der Schweiz und von der Schweizerischen Bischofskonferenz sowie von den Christkatholiken und den Freikirchen erarbeitet und vergangenen Woche veröffentlicht wurde.

Dieser Satz wirkt auf den ersten Blick banal. Er gewinnt aber an Aussagekraft, wenn man ihn im Zusammenhang mit den jüngsten Innovationen im Bereich der KI betrachtet und ihn nicht als Ausdruck von Resignation, sondern als Handlungsaufforderung begreift: «Wir gestalten die KI-Revolution gemeinsam». So lautet die zehnte These der ökumenischen Verlautbarung zur KI.

Der Aufgabe, die zehn Thesen der KI-Verlautbarung vor dem Hintergrund der aktuellen technischen Entwicklung zu konkretisieren, widmete sich am Dienstag in Zürich eine Fachtagung. Es gehe darum, so versprach das Programm der Paulus Akademie, die «kirchliche Verantwortung» im Zusammenhang mit der KI ernst zu nehmen, «Gestaltungschancen» auszuloten und «Orientierungswissen» zu erarbeiten.

Wir basteln uns einen KI-Assistenten

In der Paulus Akademie konnten die Teilnehmenden am Dienstagnachmittag erfahren, wie sie die KI in ihrem Berufsalltag einsetzen können. In einem Workshop wurde die Entwicklung eines «Kirchgemeinde-Assistenten» auf der Basis des Large Language Models von Mistral angepackt. Angeleitet von Simeon Stiefel von der Schweizerischen Evangelische Allianz konnten die Teilnehmenden bei der Arbeit an einem Prototypen lernen, wie sie eine für ihre Zwecke massgeschneiderte KI-Lösung selber erschaffen können.

Ein «Kompass für die Urteilskraft» und «konkrete Impulse für Medienkompetenz in kirchlichen Bildungsräumen» versprach ein Workshop über Fake News. Alexandra Kaiser-Duliba vom Institut für Sozialethik der Theologischen Fakultät der Universität Luzern zeigte auf, wie KI und digitale Plattformen die Meinungsbildung verändern.

Aus Freiburg i.Ü. vom Zentrum Glauben und Gesellschaft war Oliver Dürr angereist, der zusammen mit Manuel Schmid vom Basler Kompetenzzentrums Theologie und Ethik in einem Workshop die Menschenbilder, die die KI prägen, zur Diskussion stellte.

Nur Mut

Angefangen aber hatte der Dienstag mit einem fulminanten Referat von Thilo Stadelmann. Er ist Professor für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur. Anders als man es von einem promovierten Informatiker erwarten würde, sprach Stadelmann weniger über Technik als vielmehr über Technologie, das ist eine ideologisch verbrämte Technik, eine Weltanschauung.

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In diesem Licht betrachtet, kann einem die KI Angst einjagen. Man glaubt dann vielleicht, dass auch das menschliche Gehirn nichts anderes sei als ein Computer, dass die künstlichen Computer den Menschen bald übertrumpfen und unterjochen könnten, dass es für Menschen bald keine Arbeit mehr gebe, dass KI auf grosse Rechenzentren angewiesen sei, die Unmengen an Strom und Wasser verbrauchten, dass die KI sich bald der menschlichen Kontrolle entziehen könnte, dass die Welt dem Untergang geweiht sei.

Wer diese Annahmen ungeprüft übernimmt, kann in Resignation versinken. Indem Stadelmann mit Verweis auf verlässliche Studien solche ideologischen Vorannahmen zerpflückte, wollte er seinen Zuhörerinnen und Zuhörern Mut machen, sich an der Gestaltung der KI-Zukunft zu beteiligen.

Jenseits von Alarmismus und Naivität

Bei der Begegnung mit technischen Artefakten sind Menschen rasch bereit, ihre sehr menschlichen Gefühle und Erwartungen auf das Gegenüber zu übertragen. Diese Gefühle und Erwartungen bilden Erzählungen, in die die Technik eingewickelt wird. Die Schwierigkeit, eine neue Technik zu verstehen, besteht manchmal darin, ihre innere Funktionsweise zu trennen von den Narrativen, die sie einhüllen.

Die KI, darauf hat am späten Morgen kurz vor dem Mittagessen Manuel Schmid hingewiesen, wird manchmal mit einer «Heilserzählung», manchmal mit einer «Unheilserzählung» in Verbindung gebracht. Beide Sichtweisen sind gefährlich, denn sie können lähmen. Der Mensch denkt dann vielleicht, er müsse nichts mehr tun, die KI werde es schon richten. Oder er denkt, er könne nichts mehr tun, die KI habe eh das Kommando schon übernommen. Diese Lähmung gilt es zu überwinden: «Wir gestalten die KI-Revolution gemeinsam».


Thilo Stadelmann ist Professor für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. | © Stefan Betschon
22. Oktober 2026 | 17:00
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