«Menschen sind in fragilen Situationen anfällig für Radikalisierung»

Bern, 17.2.18 (kath.ch) Muslimische Seelsorge im Asylzentrum sei ein Mehrwert für alle Beteiligten, hiess es an der Medienkonferenz zum Pilotprojekt im Zürcher Bundesasylzentrum Juch vom Freitag. Im Interview konkretisiert Hansjörg Schmid, Leiter des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft (SZIG), diese Aussage. Das SZIG hat das Projekt während eines Jahres wissenschaftlich begleitet.

Sylvia Stam

Warum sind muslimische Seelsorger ein Gewinn für die Asylsuchenden?

Schmid: Die Gesuchsteller haben durch sie in ihrer angespannten Lebenssituation jemanden, der Zeit für sie hat, der sie ein Stück weit begleiten kann in ihren Sorgen und Nöten. Christliche Seelsorger kommen hier oft an Grenzen in Bezug auf die Sprache und das Wissen über die muslimische Religion.

Inwiefern sind sie ein Mehrwert für das Asylzentrum?

Schmid: Mit den muslimischen Seelsorgern sind auch Fachleute zum Thema Islam vor Ort. Es gibt manchmal ganz praktische Fragen zum Essen oder zur Gesundheit. Ausserdem konnten wir beobachten, wie sich unter den Seelsorgern ein interreligiöser Teamgeist entwickelt hat. Christliche Seelsorger hatten viele Fragen zum Islam, in dieser Hinsicht konnten sie von ihren muslimischen Kollegen vieles lernen.

Im Internet können sie rasch auf salafistische Prediger stossen.

Was kann muslimische Seelsorge zur Prävention gegen Radikalisierung beitragen?

Schmid: Menschen sind in fragilen Lebenssituationen anfällig für Radikalisierungen. Im Internet können sie rasch auf salafistische Prediger stossen. Es geht darum, den religiösen Raum nicht leer zu lassen, sondern mit einem Projekt zu füllen und so zu gestalten, dass ein positives Verhältnis der Asylsuchenden zur schweizerischen Gesellschaft entstehen kann.

Wie wird verhindert, dass sich ein muslimischer Seelsorger mit radikalem Gedankengut als Seelsorger betätigt?

Schmid: Das Staatssekretariat für Migration (Sem) hat schriftliche Unterlagen eingeholt, der Nachrichtendienst des Bundes wurde konsultiert. Das Anforderungsprofil verlangt ausserdem Qualifikationen im religiösen Bereich, im Bereich der Kommunikation, Sprachkenntnisse und einen guten Leumund der Person.

Imame brauchen Kompetenzen für Seelsorge und Kommunikation.

Das Sem hat zusammen mit Vertretern der Kirchen und der jüdischen Gemeinschaften Auswahlgespräche geführt. Schliesslich sollte die Kooperation mit der Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) sicherstellen, dass die Personen bekannt sind, weil sie etwa schon in anderen Projekten positiv in Erscheinung getreten sind.

Das Pilotprojekt hat gezeigt, dass es mehr Ausbildungsangebote braucht. In welchen Bereichen?

Schmid: Als muslimische Seelsorger kommen einerseits Personen in Frage, die in sozialen Berufen tätig sind und sich intensiv mit islamischen Themen beschäftigt haben. Diese bringen bereits soziale und kommunikative Kompetenzen mit. Auf der anderen Seite gibt es Imame, die über Kenntnisse im religiösen Bereich verfügen. Sie brauchen aber oft noch Kompetenzen für Seelsorge, Kommunikation und den Asylbereich.

Seelsorge ist ein ursprünglich christlicher Begriff.

Für den Asylkontext gibt es einen Weiterbildungslehrgang an der Universität Bern. Wenn jemand im Herkunftsland islamische Theologie studiert hat, wissen wir aber nicht, ob er etwas über Seelsorge gelernt hat. Daher braucht es auch spezifische Angebote, die den Brückenschlag zwischen der islamischen Theologie, den Humanwissenschaften und der Seelsorgepraxis herstellen.

Bietet sich das SZIG hierfür an?

Schmid: Das SZIG bietet erste Weiterbildungen zu diesem Thema an und orientiert diese stark an den Bedürfnissen der Muslime wie der Institutionen, in denen die Seelsorge geleistet wird. Es handelt sich auch um ein dynamisches Feld für die Forschung: Seelsorge ist ein ursprünglich christlicher Begriff. Muslime sind da durch die Anforderungen der Praxis hineingeraten.

Darüber hinaus gibt es im Gesundheitssektor die Debatte um Spiritual Care. Wie man den Islam und muslimische Seelsorge in diesem Feld verorten kann, ist eine Herausforderung, die noch zu lösen ist.

Manche Asylsuchende wollen eine Moschee besuchen.

Wer kommt als muslimischer Partner ausser der Vioz in Frage?

Schmid: Wir haben uns vor allem die kantonalen Organisationen angeschaut, weil Religionsangelegenheiten auf kantonaler Ebene geregelt werden. Im Asylzentrum scheint es mir zudem wichtig, dass die Seelsorge auch lokal verankert ist. Manche Asylsuchende wollen eine Moschee besuchen. Und wenn es zu Konflikten kommt, ist eine Organisation wie die Vioz vor Ort gut vernetzt und pflegt auch Kontakte mit der Polizei.

Neben der Vioz verfügt bisher vor allem die Uvam, der Dachverband der Muslime im Kanton Waadt, über intensive Kommunikationsstrukturen und auch über eine eigene Arbeitsgruppe von muslimischen Seelsorgern.

Welche Rolle könnte die Fids als grösster nationaler Dachverband spielen?

Schmid: Die Föderation islamischer Dachorganisationen Schweiz hat eine wichtige Koordinationsfunktion. Sie kann das Anliegen der Seelsorge an ihre Mitgliederorganisationen weitergeben und den Diskussionsprozess moderieren. Es braucht eine Diskussion innerhalb der muslimischen Organisationen, wie kantonale und nationale Organisationen in diesem Feld untereinander und mit dem Staat zusammenarbeiten wollen.


Hansjörg Schmid, Leiter des Schweizerischen Zentrums für Islam und Gesellschaft der Universität Freiburg | © Sylvia Stam
17. Februar 2018 | 12:17
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Pilotprojekt muslimische Seelsorge

Seit Juli 2016 sind im Bundesasylzentrum Juch in Zürich zwei muslimische Seelsorger und eine Seelsorgerin mit insgesamt 70 Stellenprozenten im Einsatz. Das Staatssekretariat für Migration (Sem) hat dieses Pilotprojekt in enger Zusammenarbeit mit den Landeskirchen und dem israelitischen Gemeindebund entwickelt. Mit der Umsetzung wurde die Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (Vioz) betraut. Das Schweizerische Zentrum für Islam und Gesellschaft (SGIZ) an der Universität Freiburg hat das Projekt im ersten Jahr wissenschaftlich begleitet und evaluiert.

Es hat untersucht, wie sich die muslimische Seelsorge auf das Zusammenleben in einem Zentrum für Asylsuchende und deren Integration auswirkt und wie sich ein solch erweitertes Seelsorgekonzept auf Bundesasylzentren ausweiten liesse. (sys)