Markus Zimmermann, Titularprofessor an der Universität Freiburg (Schweiz).
Schweiz

Markus Zimmermann: Suizidkapsel «symbolisiert eine völlige Ablösung von anderen Menschen»

Seit Tagen steht die Frage im Raum, ob der «Sarco» von Philip Nitschke im Wallis zum Einsatz kommt. Markus Zimmermann kritisiert die Suizidkapsel. «So zu gehen, abgekapselt von den Mitmenschen, ist eine sehr unmenschliche Art des Sterbens», sagt der katholische Ethiker.

Barbara Ludwig

Vergangene Woche wurde bekannt, dass der australische Sterbehilfeaktivist Philip Nitschke die von ihm erfundene Suizidkapsel erstmals im Wallis einsetzen will. Der katholische Theologe und Ethiker Markus Zimmermann hält diese Art von Suizidbeihilfe für höchst problematisch. Am Mittwoch hat eine Organisation die Kapsel in Zürich vorgestellt.

So zu gehen, «abgekapselt von der Umwelt, von den Mitmenschen» sei eine «sehr unmenschliche Art des Sterbens», sagt Zimmermann im Interview mit der NZZ vom Mittwoch. Der «Sarco» – so der Name des sargähnlichen Geräts – banalisiere und trivialisiere diesen Moment. «Der moderne Hyperindividualismus wird hier auf die Spitze getrieben.» Ein Einsatz würde zudem zu einer stärkeren Regulierung der Sterbehilfe in der Schweiz führen.

«Inszenierung, die dem realen Leben nicht gerecht wird»

Auch wenn es die unterschiedlichsten Vorstellungen vom guten Sterben gebe, wollten die meisten Menschen nicht alleine sterben, sagt Zimmermann. Er präsidiert die Nationale Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin.

Die Suizidkapsel "Sarco"
Die Suizidkapsel "Sarco"

Die Kapsel symbolisiere eine völlige Ablösung von den anderen Menschen. «Es ist eine Inszenierung, die dem realen Leben und Leiden vieler Menschen, die sich Hilfe und Begleitung wünschen, in keiner Weise gerecht wird», so der Ethiker.

Einsatz könnte Regulierung auslösen

Zimmermann befürchtet nicht, dass der Hype um den «Sarco» den «Suizid-Tourismus» in die Schweiz weiter ankurbeln würde. Weil immer mehr Länder die Suizidhilfe liberalisierten, werde sich das Problem des Sterbetourismus in absehbarer Zeit «von selbst lösen», vermutet er.

Der Ethiker rechnet hingegen mit etwas anderem: Heute sei in der Schweiz sehr wenig geregelt, die Suizidhilfe sei nur strafbar, wenn selbstsüchtige Motive vorliegen. «Sterbehilfeorganisationen unterliegen keiner Aufsichtspflicht, sie kontrollieren sich quasi selbst.» Der Einsatz des Sarco würde wahrscheinlich dazu führen, dass es in der Schweiz schneller zu einer Gesetzgebung zur Suizidhilfe komme.

Motive der Helfer beleuchten

Zimmermann ist der Ansicht, bislang würden die Motive von Personen, die anderen beim Suizid helfen, weitgehend ausgeklammert. «Im Fall von Sarco habe ich den Verdacht, dass Nitschke um jeden Preis jemanden gesucht hat, der bereit ist, sich das Leben mit dem Ding zu nehmen.» Die Behörden müssten einschreiten, falls eine Patientin zu diesem Schritt gedrängt würde.

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Voraussetzung für ein vertretbares Motiv sei, dass zwischen den beteiligten Personen eine Beziehung bestehe, so Zimmermann. Gemäss Ethikrichtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften gelte als Kriterium für die Suizidhilfe, dass eine sterbewillige Person unerträglich leide. Hier würden die Richtlinien fordern, dass ein Arzt das unerträgliche Leiden der sterbewilligen Person auch nachvollziehen könne. «Und dazu braucht es eben eine Beziehung», erklärt der Ethiker.

Organisation stellt Kapsel in Zürich vor

Am Mittwochvormittag hat in Zürich die Organisation «The Last Resort» den «Sarco» im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt. Sie bekräftigte, dass die Suizidkapsel in der Schweiz eingesetzt werden soll, meldet die Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Wann und wo sie zum Einsatz kommen soll, liess die Organisation aber offen. Fiona Stewart ist Gründungsmitglied der Organisation. An der Pressekonferenz sagte sie, sie gehe davon aus, dass die Kapsel noch in diesem Jahr zum Einsatz kommen werde.

Verbot durch Walliser Kantonsarzt

Ob Nitschke bei seinen Walliser Plänen bleibt, ist demnach unklar. Hinzu kommt, dass der Walliser Kantonsarzt den Einsatz des Gerätes verboten hat.

So hatte der stellvertretende Walliser Kantonsarzt Cédric Dessimoz am Montag in der Westschweizer «Tagesschau» erklärt, die Benutzung des Apparates sei illegal. Er verglich den «Sarco» mit einem Anästhesiegerät. Die Kapsel unterstünde dem Medizinalprodukte-Gesetz und müsste vor Gebrauch von der Heilmittelbehörde Swissmedic zugelassen werden.

Auch die katholische Kirche im Wallis äusserte sich dezidiert ablehnend. Am Sonntag hatte Paul Martone, Mediensprecher des deutschsprachigen Teils des Bistums Sitten, die Pläne von Philip Nitschke kritisiert und dessen Motivation in einem Beitrag auf kath.ch hinterfragt.


Markus Zimmermann, Titularprofessor an der Universität Freiburg (Schweiz). | © Stéphane Schmutz / STEMUTZ.COM
17. Juli 2024 | 17:00
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