Markus Heil: «Josef Stübi ist kein Revoluzzer, aber auch kein Ja-Sager»
Markus Heil (56) hat sich schon vor Jahrzehnten mit Josef Stübi (61) gezofft – und immer wieder zusammengerauft. Er freut sich, dass sein Pastoralraumleiter neuer Weihbischof wird: «Josef Stübi ist keine Diva.» Ein Gespräch über Liturgie, die Ohnmacht eines Weihbischofs – und das Teamplay mit Bischof Felix Gmür und Generalvikar Markus Thürig.
Raphael Rauch
Wie würden Sie Josef Stübi als Mensch beschreiben?
Markus Heil*: Er ist leutselig im guten Sinne. Kommunikativ. Er hat ein grosses Herz. Er lässt sich nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Er ist keine Diva. Er ist bescheiden, bodenständig.
Schon länger wartet das Bistum Basel auf einen neuen Weihbischof. Hatten Sie Josef Stübi auf dem Schirm?
Heil: Ja, er war bei mir ganz oben auf der Shortlist. Er bringt die idealen Voraussetzungen für einen guten Weihbischof mit. Er ist kein Revoluzzer, aber auch kein Ja-Sager. Er mag Menschen, liebt die Liturgie und braucht keine Macht oder nur selten.
«De facto ist der Weihbischof ziemlich ohnmächtig.»
Was meinen Sie damit?
Heil: Nach aussen hin sieht die Ernennung zum Weihbischof ja wie ein Karrieresprung aus. De facto ist der Weihbischof aber ziemlich ohnmächtig. Er hat einen Termin nach dem anderen – oft mit repräsentativen oder liturgischen Aufgaben. Eine Firmung jagt die nächste, hier ein Pastoralbesuch, da ein Pontifikalamt. Am Ende kann er nichts entscheiden. Und selbst wenn er in der Bischofskonferenz ein spannendes Dossier wie die Frauenfrage erhält, kann er ausser Zuhören und Politik im Konsens des Kollegiums wenig machen.
Hat ein Pfarrer mehr Macht?
Heil: Ich würde sagen: Ja! In einer Pfarrei oder in einem Pastoralraum können Sie Experimente wagen, was ausprobieren. Sie haben ein Budget und ein Team, mit dem Sie etwas gestalten können. Innovation kam im Bistum Basel in den letzten Jahrzehnten oft von der Basis, nicht von Solothurn. Entweder Josef Stübi überrascht uns alle – oder er könnte sich bald in der Rolle wiederfinden, in der schon Weihbischof Denis Theurillat nicht immer glücklich war. Man wird zur Projektionsfigur unterschiedlicher Erwartungen, ist am Ende jedoch weniger entscheidend, als man meint.
Kommen wir zur neuen Priester-WG in Solothurn, bestehend aus Bischof Felix Gmür, Weihbischof Josef Stübi und Generalvikar Markus Thürig.
Heil: Über deren Gruppendynamik im Bischofshaus kann man nur Kaffeesatz lesen. Ich würde da nicht zu viele Überraschungen erwarten. Der Bischof ist der Bischof, der Generalvikar ist der Generalvikar – und Josef Stübi hat den Spielraum, den die beiden ihm lassen. Gut wäre es durchaus, wenn er viele Aufgaben von Bischof Felix Gmür übernehmen könnte. Dann hätte der Bischof mal endlich Zeit für die grossen, strategischen Fragen.
Es ist ein offenes Geheimnis, dass der Berner Pfarrer Ruedi Heim mit den Hufen scharrt und Thürigs Nachfolger werden will. Mit welchem Generalvikar würde das Duo Gmür–Stübi besser zusammenarbeiten: mit Thürig oder mit Heim?
Heil: Dieses offene Geheimnis kenne ich nicht. Wahrscheinlich ist Josef Stübi auch deshalb Weihbischof geworden, weil er nicht mit den Hufen scharrte (lacht).
Wie haben die Menschen in Ihrem Pastoralraum auf die Ernennung Josef Stübis reagiert?
Heil: Die Menschen in Baden sind sehr stolz. Sie freuen sich für Josef, wenngleich sie natürlich bedauern, dass sie ihn verlieren.
«Wir hatten das Heu nicht immer auf derselben Bühne.»
Sie haben mir im Vorfeld unseres Gesprächs gesagt, dass Sie sich mit Josef Stübi auch öfters gezofft haben. Worum ging’s da?
Heil: Die heftigen Streits sind über 20 Jahre her. In der damaligen diözesanen Dekanen-Konferenz hatten wir sehr unterschiedliche Standpunkte. Ich kann nicht mehr genau sagen, worum es damals ging. Ich habe da gerne unübliche Fragen gestellt und auch herausgefordert. Als ich später im Pastoralraum angefangen habe, wussten wir beide, dass wir das Heu nicht immer auf derselben Bühne hatten – und trotzdem gut miteinander auskommen können.
Welchen Standpunkt vertritt Josef Stübi in liturgischen Fragen?
Heil: Er mag eine gute Liturgie – basierend auf einer guten Pastoral.
«Josef Stübi ist nicht päpstlicher als der Papst.»
Was heisst das?
Heil: Josef Stübi weicht eigentlich nicht von den Regeln ab, ist aber auch nicht päpstlicher als der Papst. Der gesunde Menschenverstand ist ihm wichtig. Josef Stübi war Präsident der Liturgischen Kommission, als Kurt Koch Bischof von Basel war.
In welche Schublade würden Sie Josef Stübi stecken?
Heil: Ich tue Josef Stübi hoffentlich nicht unrecht, wenn ich sage, dass er sich bei der Fronleichnamsprozession sehr wohl fühlt. Er liebt die Liturgie, ohne extreme Positionen zu vertreten, und wird auch in Pontifikalämtern eine gute Figur machen.
Hätte Josef Stübi den liturgischen Rüffel-Brief verhindert, wenn Bischof Felix Gmür ihn gefragt hätte?
Heil: Moment mal! Das war doch kein Rüffel-Brief, sondern eine Ermutigung für die Seelsorgenden (lacht). Ich weiss nicht, wie Josef Stübi im Vorfeld auf den Rüffel-Brief reagiert hätte. Auf der einen Seite ist er ein Mann der Basis, der weiss, dass solche Briefe gar nicht gut ankommen. Auf der anderen Seite weiss er, dass er als Weihbischof eine andere Rolle hat. Ich hoffe, dass er nicht zu einem Bischof wird, der nur noch Floskeln von sich gibt. Gerade in der Frauenfrage vertritt er durchaus eine klare Haltung, welche ich auch im Einbezug seiner Pfarreiseelsorgerin Ella Gremme in der Weiheliturgie entdecke.
Nochmals: Hätte Josef Stübi den Rüffel-Brief verhindert?
Heil: Ich kann’s wirklich nicht sagen. Wir im Pastoralraum können uns gut an die Regel halten, dass die Priester die Krankensalbung spenden. Aber nicht, weil wir hier sonderlich klerikal ticken oder brav wären (lacht).
«Es gibt Priester, die einem das Messbuch rüberreichen mit der Bitte, weiterzumachen.»
Läuft bei Ihnen alles brav nach Messbuch?
Heil: Nach Messbuch schon! Im Bistum Basel gibt es zwei Sorten von Priestern. Die einen beten das Hochgebet alleine. Und die anderen schieben einem im Gottesdienst das Messbuch rüber mit der Bitte, weiterzumachen. Dann lesen Nicht-Priester Teile vor, die in traditioneller Vorstellung dem Priester vorbehalten wären. Aber darüber ist es ja schon vor zehn Jahren in der Pfarrei-Initiative gegangen, das ist der Aufregung nicht wert. Es sind eher die älteren Priester, die das Messbuch rüberschieben. Früher kam das häufiger vor als heute. In jedem Fall entscheidet der Priester, wie die Eucharistie gefeiert und wie das Hochgebet gebetet wird. Das kam mir in den Liturgie-Diskussionen in den letzten Monaten zu kurz.
Vor Jahren soll Josef Stübi Priestern, die unbedingt an der klassischen Beichtkatechese festhalten wollten, sinngemäss gesagt haben: «Versucht’s, aber das wird nicht klappen. Man kann mit Kindern nicht mehr so beichten wie vor 40 Jahren…»
Heil: Genau so ist der Josef! Er kennt die pastorale Realität und weiss, dass man das Thema Sünde heute ganz anders angehen muss. Es geht darum, kreativ und offen mit dem Thema Versöhnung und Neuanfang umzugehen. Ich kann mich an gute Gespräche mit Josef erinnern: Wie gestalten wir einen Versöhnungsweg so, dass er die Menschen anspricht – und Versöhnung trotzdem oder gerade deswegen einen starken sakramentalen Charakter hat?
Was sehen Sie an Josef Stübi besonders kritisch?
Heil: Loyalität ist sicher etwas Positives als Weihbischof. Aber in der Frage der Organisation der Pastoralräume hätte ich mir mehr kritische Distanz gewünscht. Wenige im Bistum Basel finden, dass die Pastoralräume wirklich gut funktionieren – aber die Order kam ja von oben und Josef Stübi hat das umgesetzt.
«Josef Stübi sagte zu mir: Mach’ gute Arbeit, mach’ keinen Ärger – und melde dich, denn du was brauchst!»
Wie führt Josef Stübi Mitarbeiter-Gespräche?
Heil: Das kann ich Ihnen nicht sagen, weil er mit mir keines geführt hat. Er hat einfach gesagt: Mach’ gute Arbeit, mach’ keinen Ärger – und melde dich, denn du was brauchst! Diesen Freiraum schätze ich sehr.
Josef Stübi hat sich für einen Wahlspruch auf deutsch entschieden: «Hoffnung leben». Was ist das für ein Signal?
Heil: Auch das ist der Josef! Hier schimmert das Bescheidene, Bodenständige durch. Er braucht nichts Lateinisches, was vielleicht besonders klug klingt. Dumm ist er nicht!
* Diakon Markus Heil (56) ist Gemeindeleiter in Wettingen und Würenlos. Der künftige Weihbischof Josef Stübi ist sein Pastoralraumleiter. Markus Heil war Präsident der Pfarrei-Initiative, die sich immer wieder mit den Bischöfen und mit Rom angelegt hatte.
Um 15 Uhr beginnt heute in der Kathedrale von Solothurn die Bischofsweihe von Josef Stübi. Das Bistum Basel bietet von 14.45 Uhr an einen Livestream an.
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