Marjan Marku, Pfarrer im Domkapitel des Bistum St.Gallen
Schweiz

Marjan Marku: «Ich glaube nicht, dass es im Kosovo zu einem Bürgerkrieg kommt»

Mit grosser Sorge beobachtet Marjan Marku die Ausschreitungen im Norden Kosovos. Die katholische Kirche könnte zum Frieden beitragen – ist aber eine kleine Minderheit. Die serbisch-orthodoxe Kirche ist eine nationale Kirche. Das mache es schwierig, sie als Friedenstifterin einzusetzen. «Vielleicht hat Russland auch Interesse daran, dass nun dort ein Krisenherd entsteht», sagt Marku.

Jacqueline Straub

Sie arbeiten als Priester in der Schweiz, sind aber im Kosovo geboren. Wie blicken Sie auf die Ausschreitungen im Norden Kosovos?

Marjan Marku*: Mit grosser Sorge. Dass die Demonstranten Nato-Truppen und Journalisten angegriffen haben, ist sehr schmerzhaft. Menschen werden verletzt. Das darf nicht sein. Jeder Mensch ist wichtig, ganz egal was für eine Sprache gesprochen wird, zu welcher Nation man gehört oder welche Religion man hat.

Wie kam es zu diesem Konflikt?

Marku: Im Norden Kosovos leben viele, die sich als ethnische Serben verstehen. Kosovo ist seit 2008 ein unabhängiger Staat. Doch für die Serben ist der Kosovo weiterhin ein Teil von Serbien. Kosovo wird nicht als Staat akzeptiert. Bei den jetzigen Unruhen vermuten viele Beobachter, dass die serbische Regierung dahintersteckt.

Banner in der Innenstadt von Belgrad gegen die NATO.
Banner in der Innenstadt von Belgrad gegen die NATO.

Ursprung des momentanen Konflikts waren aber Bürgermeisterwahlen.

Marku: Richtig. Im September letzten Jahres sind dort die Bürgermeister und alle serbisch-stämmigen Beamten zurückgetreten. Deswegen hat Kosovo neue Wahlen organisiert. Doch bei der letzten Wahl hatten sich die meisten Serbinnen und Serben in Kosovo nicht beteiligt. Die Serben haben diese Wahlen boykottiert. Die Regierung wollte die neu gewählten Bürgermeister einsetzen. Diese wurden aber von den Serbinnen und Serben im Norden Kosovos nicht akzeptiert. Es entstanden Demonstrationen und Gewalt brach aus.  

Sehen Sie auch Schuld bei der kosovarischen Regierung?

Marku: Die kosovarische Regierung konnte die Menschen im Norden offensichtlich nicht richtig integrieren oder einbeziehen. Vielleicht wollten die Serben und Serbinnen es auch nicht – das kann ich zu wenig beurteilen.

«Einfach weniger Politik und mehr Menschlichkeit.»

Wo sehen Sie eine Lösung in dem Konflikt?

Marku: Alle sollten die gleichen Rechte haben. Wenn jeder jedem die gleichen Rechte zugestehen würde, könnte das zum Frieden beitragen. Die Albaner im Süden Serbiens und die Serben in Kosovo sollen gleiche Rechte haben. Das wäre für mich eine sehr gerechte und gute Lösung. Einfach weniger Politik und mehr Menschlichkeit.

Und was braucht es noch?

Marku: Versöhnung. Und Versöhnung kann es nur dann geben, wenn es ein Bewusstsein gibt, dass etwas falsch gemacht wurde. Bis heute gab es keine Entschuldigung dafür, dass 20’000 Frauen vergewaltigt und über 10’000 Menschen umgebracht wurden.

«Die serbische Polizei nahm mich mit und schlug mir dreimal ins Gesicht.»

Haben auch Sie Demütigungen im Kosovo erlebt?

Marku: Als ich ein junger Kaplan war, stellte ich mein Auto an die Strassenseite, weil ich zwei befreundete Priester grüssen wollte. Die serbische Polizei nahm mich darauf hin mit und schlug mir dreimal ins Gesicht. Ich habe mich so gedemütigt gefühlt. Es wurden so viele Menschen malträtiert, belästigt, niedergemacht.

Was sind Ihre Befürchtungen?

Marku: Ich denke nicht, dass es zu einem Bürgerkrieg kommen wird, weil es in Kosovo Nato-Truppen gibt. Die Serbinnen und Serben drohen immer wieder mit Krieg. Sie sind in höchster Bereitschaft und militärisch stark. Das eigentliche Problem ist für mich aber, dass die Serbinnen und Serben sehr eng mit Russland verbunden sind. Russland unterstützt Serbien. Und vielleicht hat Russland auch ein Interesse daran, dass nun dort ein Krisenherd entsteht – damit nicht mehr alle auf die Ukraine blicken.

Dom des Heiligen Sava in Belgrad
Dom des Heiligen Sava in Belgrad

Kann die katholische Kirche einen Beitrag zum Frieden in diesem Konflikt leisten?

Marku: Im Kosovo ist die katholische Kirche eine kleine Minderheit. Dennoch könnte sie eine grosse Rolle in Bezug auf den Frieden spielen. Aber: die orthodoxe Kirche im Kosovo ist zahlenmässig grösser. Sie ist eng mit dem Staat verbunden. Die serbisch-orthodoxe Kirche ist eine autokephale, eine nationale Kirche. Das macht es schwierig die orthodoxe Kirche als Friedenstifterin einzusetzen. Sie ist zu sehr im Konflikt verwoben und kaum neutral.

*Marjan Marku (60) lebt seit 1999 in der Schweiz. Zuerst war er Albaner-Seelsorger. Seit 2012 ist er in Bistum St. Gallen tätig und seit 2017 als Pfarrer in der Seelsorgeeinheit Walensee. Er ist im Südosten von Kosovo aufgewachsen.


Marjan Marku, Pfarrer im Domkapitel des Bistum St.Gallen | © Sabine Rüthemann
1. Juni 2023 | 12:00
Lesezeit : ca. 3  Min.
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