Die urkirchlichen Wurzeln des Teilens
Am kommenden Sonntag begeht die Weltkirche zum 100. Mal den Sonntag der Weltmission. Die Kollekte für den Solidaritätsfonds der Weltkirche unterstützt über das Päpstliche Missionswerk der Glaubensverbreitung die pastorale und soziale Arbeit von rund 1’130 Ortskirchen in Afrika, Lateinamerika, Asien und Ozeanien.
Markus Cott*
Der Apostel Paulus organisierte etwa Mitte des 1. Jahrhunderts die wohl erste «internationale» Kollekte für eine christliche Gemeinde. Die Gemeinde in Jerusalem war, vermutlich infolge einer Hungersnot in Judäa, auf die Unterstützung anderer Gemeinden angewiesen. An die Korinther schrieb Paulus: «Im Augenblick soll euer Überfluss ihrem Mangel abhelfen, damit auch ihr Überfluss einmal eurem Mangel abhilft. So soll ein Ausgleich entstehen» (2 Kor 8, 13–14).
Paulus verstand also das Teilen mit Bedürftigen auch als Investition in die Zukunft, die über die Kurzsichtigkeit der eigenen Lebenspanne hinausgeht und generationenübergreifend ist. Welche Institution, wenn nicht die Kirche mit ihrer vielschichtigen zweitausendjährigen Geschichte, sollte dafür sorgen, subjektivistische Sichtweisen zu sprengen und Horizonte aufzureissen?
Weltkirchliches Bewusstsein zeigt sich in gelebter Solidarität, im Austausch von Ideen und in der Verbundenheit in Gebet und Liturgie. Deshalb führte Papst Pius XI. 1926 einen weltweiten Solidaritätstag ein. Dieser «Sonntag der Weltmission» wird heuer zum 100. Mal gefeiert.
Singen zur grösseren Ehre Gottes
Mit Blick auf Bolivien, das Land, das dieses Jahr Missio Schweiz in den Fokus rückt, lässt sich eines mit Gewissheit sagen: Das Wirken des Schweizer Jesuiten Martin Schmid (1694 – 1772) ging weit über seine Lebensspanne hinaus und prägte eine Gegend, etwa viermal so gross wie die Schweiz, bis heute.
Als der Baarer im August 1730, 36 Jahre alt, in der Chiquitanía mit einer in Potosí angefertigten Orgel ankam, fand er sich in relativ jungen Gemeinschaften wieder. Die erste Reduktion inmitten des Trockenwaldes im heutigen Bolivien wurde erst 1691 von den Jesuiten gegründet; in Paraguay reichen entsprechende Gründungen bis ins Jahr 1609 zurück.
Bei Pater Schmids Ankunft wohnten in sieben Dörfern etwa 10’000 Menschen. Als er 1767 gezwungenermassen, wie alle Jesuiten auf Geheiss des Königs, das Land verlassen musste, war die Bevölkerung auf 24’000 angestiegen, verteilt auf zehn Ortschaften. Zusammen mit einheimischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern konnte Schmid prächtig ausgestattete Kirchen bauen.
Bei dieser Zusammenarbeit waren nicht nur Pater Schmids handwerkliche Fähigkeiten und seine solide musikalische Ausbildung, die er im Jesuitenkolleg in Luzern genossen hatte, entscheidend, sondern auch sein Charakter. Er wird als äusserst sanftmütige und liebenswürdige Person beschrieben, die über ein aussergewöhnliches pädagogisches Geschick verfügte. Seine Lebensfreude kommt dann am stärksten zum Ausdruck, wenn er davon berichtet, wie er getanzt habe – wie einst David vor der Bundeslade.
Alte Kirchenmusik aus Bolivien in der Schweiz erleben
«In allen Kirchen hört man täglich musikalische Gesänge», so schrieb Schmid 1744 an einen Mitbruder in Luzern. Es werde in den Kirchen gesungen, damit die, «die erst vor kurze Zeit mit den wilden Thieren die Wälder bewohnten, jetzt ihren Schöpfer zu loben verstehen».
Die Musik, die Schmid in Bolivien komponiert hat, wird in den nächsten Tagen in der Schweiz hör- und erlebbar: Am Freitag in der Franziskanerkirche in Fribourg (19.00 Uhr), am Samstag in der Kirche St-Croix in Carouge (18.30 Uhr), am Sonntag in der Jesuitenkirche Luzern (15.00 Uhr). Kommende Woche, am Freitag, 23. Oktober in der Kirche St. Martin in Baar (ZG, 18.00 Uhr), am 24. Oktober in der Kirche Guthirt in Zürich (18.30 Uhr) und am 25. Oktober in der Kathedrale Vaduz (17.00 Uhr). Bei den musikalischen Vespern sind alle eingeladen, in die einfachen gregorianischen Antwortgesänge einzustimmen; Solistinnen und Solisten tragen die mehrstimmigen Kompositionen von Pater Schmid vor.
Mission als Quelle der Lebendigkeit
Papst Leo XIV. schreibt in seiner Botschaft zum Sonntag der Weltmission: «Die Einheit der Jünger ist kein Selbstzweck: Sie ist auf die Sendung ausgerichtet» und fordert Christinnen und Christen auf, «die Verschiedenheit als Reichtum anzunehmen».
Die Kirche im Vielvölkerstaat Bolivien lebt von einem farbigen Reichtum und einer bezaubernden Vielfalt, vom östlichen Tiefland bis zum Altiplano auf 4000 m ü. M. Davon kann Bernardeth Caero Bustillos, Professorin an der Universität Cochabamba, berichten. Sie weilt die nächsten zwei Wochen zu Besuch in der Schweiz.
Die missionarische Hochblüte der Schweiz der 1950er- und 1960er-Jahre mag zwar verblasst sein. Doch wenn sich Missionarinnen und Missionare aus aller Welt treffen, zeigt sich eine grosse Lebensfreude und Glaubensstärke. So bewahrheitet sich das Sprichwort: «Geteilte Freude ist doppelte Freude, geteiltes Leid ist halbes Leid» – umso mehr, wenn es die Freude des Evangeliums ist.
*Markus Cott ist Nationaldirektor von Missio Schweiz.
Hier geht es zur › Bestellung einzelner Beiträge von kath.ch.




