Mari Carmen Avila, Präventionsbeauftragte des Bistum Lausanne, Genf und Freiburg.
Schweiz

Mari Carmen Avila: Missbrauchstäter muss dem Opfer einen «Grund» geben, ihm zu verzeihen

Im Christentum hat das Verzeihen einen hohen Stellenwert. Doch das Vergeben kann nicht verordnet werden – schon gar nicht, wenn es um sexuellen Missbrauch geht. Vielmehr geschieht dies in einem Prozess, wie die Präventionsbeauftragte Mari Carmen Avila und der Ethiker Thierry Collaud betonen.

Barbara Ludwig

Im zentralen Gebet der Christenheit, dem Vaterunser, bitten Gläubige Gott um Vergebung für ihre Schuld und versprechen, dass sie ebenso ihren «Schuldigern» vergeben. Kann man dieses Gebot, diese Aufforderung zur Vergebung, ausser Kraft setzen, wenn es um sexuelle Übergriffe geht? Gibt es hier Grenzen des Verzeihens? Dazu äussern sich Mari Carmen Avila und Thierry Collaud in einem Doppelinterview mit dem Westschweizer Portal cath.ch.

«Jesus sagt uns nicht, dass wir um jeden Preis – und egal wie – vergeben sollen.»

Avila ist seit drei Jahren Präventionsbeauftragte im Bistum Lausanne, Genf und Freiburg. Collaud ist emeritierter Professor für Moraltheologie und Ethik der Universität Freiburg (Schweiz).

«Jesus sagt uns nicht, dass wir um jeden Preis – und egal wie – vergeben sollen. Angesichts einer tiefen Verletzung kann niemand im Namen des Vaterunsers, der Gerechtigkeit oder der Nächstenliebe zur Vergebung gezwungen werden», sagt Avila. Sie sei selbst mit der Frage des Verzeihens konfrontiert gewesen, aufgrund der Geschichte der Institution, der sie angehöre.

«Stufen der Vergebung»

Die aus Mexiko stammende Expertin ist Mitglied der Gemeinschaft der gottgeweihten Frauen des Regnum Christi in der Schweiz, der Laienorganisation der Legionäre Christi. Der Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel (1920-2008), hatte schwere sexuelle Übergriffe und geistlichen Missbrauch begangen.

Vergebung sei ein langer spiritueller und psychologischer Prozess, betont Avila. Man könne auch von «Stufen der Vergebung» sprechen. «Am Kreuz vergibt Jesus seinen Angreifern nicht selbst, sondern bittet seinen Vater, ihnen zu vergeben, denn sie wissen nicht wissen, was sie tun.» Das sei etwas anderes.

«Um zu vergeben, muss die schlechte Tat von beiden Seiten anerkannt werden.»

Auch Collaud betont, das Vergeben könne nicht vorgeschrieben werden. Sage man dem Opfer, es müsse vergeben, erzeuge man in ihm Schuldgefühle. Vergebung sei weder Vergessen noch Entschuldigung.

«Um zu vergeben, muss die schlechte Tat von beiden Seiten anerkannt werden. Es muss eine Einigung über diese gemeinsame Erinnerung geben», sagt Collaud. Vergeben bedeute nicht, auf die Beurteilung der Tat zu verzichten und zu sagen: «Wir sprechen nicht mehr darüber.» Das käme einer Verleugnung gleich. Der Ethiker sieht die Rolle der Kirche darin, Räume zu schaffen, in denen Vergebung «als Gnade» entstehen könne.

Thierry Collaud, emeritierter Professor für Moraltheologie und Ethik.
Thierry Collaud, emeritierter Professor für Moraltheologie und Ethik.

Mari Carmen Avila sagt, es könne lange dauern, bis Betroffene überhaupt über den erlittenen Missbrauch sprechen könnten. Es sei wichtig, ihnen aufzuzeigen, dass sie als Opfer nicht schuldig seien. Anschliessend sollten sie sich an die Kirche oder eine unabhängige Opferhilfeorganisation wenden.

Verleugnung oder Verharmlosung bei den Tätern

«Logischerweise» sollte auch der Täter den Prozess der Anerkennung durchlaufen, so die Expertin. Das sei für ihn jedoch oft schwer zu akzeptieren, und so bleibe er «in der Verleugnung oder Verharmlosung». Diese beiden Prozesse sollten zusammenlaufen. «Der Täter muss dem Opfer einen ‹Grund› geben, ihm zu vergeben und seine Entschuldigung anzunehmen.» Sie müsse allerdings zugeben, dass sie das noch nie erlebt habe, gesteht Avila.

Thierry Collaud sieht den Umgang mit den Tätern und dem Verleugnen als Herausforderung auch für die Zivilgesellschaft. Und fragt: Wie kann die Kirche, die sich als Expertin in Menschlichkeit versteht, den Dialog zwischen allen Parteien wieder in Gang bringen: dem Opfer, dem Täter, der Gemeinschaft und schliesslich der Gesellschaft insgesamt?

«Zu lange hat man zu den Missbrauchsfällen niemanden gehört, dann hat man die Opfer gehört, dann ein wenig die Kirche als Institution, aber man hat fast nichts von den Tätern und den beteiligten Gemeinschaften gehört», stellt der Ethiker fest.

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Mari Carmen Avila, Präventionsbeauftragte des Bistum Lausanne, Genf und Freiburg. | © Raphaël Zbinden
5. November 2025 | 16:00
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