Marco Rima: «Jeder von uns ist Teil des Göttlichen»
«Don’t worry, be happy» – so lautet das neue Unterhaltungsprogramm von Comedian Marco Rima, das im Oktober startet. Für den katholisch aufgewachsenen Zuger, der aus der Kirche ausgetreten ist, aber jeden Abend betet, verträgt sich Humor und Glauben durchaus. Humor habe aber auch eine Verantwortung, wie er im Interview klarstellt.
Wolfgang Holz
Herr Rima, Sie sind Comedian. Haben Sie in Ihren Programmen auch schon mal Witze über die katholische Kirche gemacht?
Marco Rima: Ich habe tatsächlich mal eine Nummer gespielt, bei der sich ein kleiner Junge bei einem Pfarrer Stocker vorstellt. Dieser fragt ihn dann: «Was willst Du hier, Du kleiner Bub.» – «Meine Eltern haben mich zu Ihnen geschickt zum Religionsunterricht.» – «Und kennst Du Gott?» – «Wen, Gott?» – «Ja, Gott!» – «Wer ist Gott?» – «Sakristan, kommen Sie her, wir haben hier einen Jungen, der nicht weiss, wer Gott ist…» Und dann entsteht ein Zwiegespräch zwischen dem Pfarrer und dem kleinen Jungen, der nicht alles versteht. Das war eigentlich eine sehr lustige Nummer.
«Der Herrgott verfügt wahrscheinlich über einen grossartigen Humor.»
Aber?
Rima: Auf der anderen Seite geht es eben auch um Dogmen. Und dann ist es halt so, dass es tiefreligiöse Leute gibt, die solche Witze nicht ertragen, weil sie das Gefühl haben, es ist alles blasphemisch, wenn man über Gott und Jesus spricht. Ich sehe das ganz anders, weil der Herrgott wahrscheinlich über einen grossartigen Humor verfügt, und er vermutlich herzlich gelacht hätte über diese Nummer.
Grundsätzlich besteht schon die Frage: Wie vertragen sich Humor und Glaube? Ein dänischer Karikaturist, der den Propheten Mohammed einst mit einer Bombe als Turban zeichnete, konnte bekanntlich nur noch unter Polizeischutz in Sicherheit leben, und weltweit kam es wegen den Karikaturen zu Mordanschlägen.
«Bei gewissen Religionen muss man sich allerdings wirklich fünfmal überlegen, ob man einen Scherz machen möchte.»
Rima: Wenn man sich die verschiedenen Jahrhunderte anschaut, gab es grossartigen Humor – auch in der katholischen Kirche. Es gibt andererseits Religionen, die haben noch keine Reformation erlebten, wie etwa der Islam. Luther hatte Glück, das irgendwelche Fürsten keinen Bock mehr hatten, Geld zu zahlen für diese Ablassbriefe.
Das hat ihm schlussendlich das Leben gerettet. Jan Hus wurde noch umgebracht auf dem Konzil von Konstanz. Es hängt immer davon ab, wer gerade die Kirchenführer sind. Bei gewissen Religionen muss man sich allerdings wirklich fünfmal überlegen, ob man einen Scherz machen möchte.
«Humor darf nicht alles.»
Das heisst: Über den Islam haben Sie noch keinen Witz gemacht?
Rima: Nein. Ich kenne mich im Islam auch nicht so aus. Es gibt generell viele Witze, die sind sehr platt und flach. Auch in der katholischen Kirche. Beispielsweise Witze, die Übergriffe von Priestern in Sachen Missbrauch aufs Korn nehmen. Da bin ich sehr zurückhaltend. Humor hat auch eine Verantwortung. Humor darf nicht alles. Ich möchte die Menschen nicht vor den Kopf stossen.
Sie sind römisch-katholisch und im katholischen Zug aufgewachsen. Gehen Sie noch in die Kirche?
Rima: Ja, ich gehe hin und wieder in die Kirche. Ich bin zwar aus der Kirche ausgetreten…
«Grundsätzlich gehe ich gern in Kirchen und besuche Messen.»
…warum sind Sie denn aus der Kirche ausgetreten?
Rima: Ich war vor gut 20 Jahren mal in Rom mit meiner Schwester. Und zwei Mädchen wollten damals in den Petersdom, waren aber falsch gekleidet. Sie wurden von einem Türsteher weggejagt. Obwohl sich die beiden jungen Frauen dann etwas übergezogen haben, wurde ihnen trotzdem keinen Einlass mehr gegeben. Da wurde ich so sauer.
Auch weil zwei Geistliche so richtig hämisch gegrinst haben. Das war für mich wie ein emotionaler Bruch, und ich wollte mit dieser Organisation nichts mehr zu tun haben. Grundsätzlich gehe ich gern in Kirchen und besuche Messen.
Glauben Sie an Gott?
Rima: Ja! Ich denke, jeder von uns trägt das Göttliche in sich. Wir sind quasi Teil des Göttlichen. Wir sollten deshalb auf uns achten, aufeinander Rücksicht nehmen und liebenswürdig miteinander umgehen. Menschen, die einem schlecht begegnen, sollte man zumindest versuchen zu verstehen und ihnen immer wieder eine Türe offenhalten.
«Ich habe einen sehr naiven Glauben an Gott. Ich glaube an den Himmel.»
Beten Sie auch hin und wieder?
Rima: Ich bete jeden Abend. Ich spreche ein ganz einfaches Kindergebet für mich: «Müde bin ich, geh zur Ruh, schliesse meine Äuglein zu…» Ich bete das heute noch. Nach dem Gebet versuche ich, mit dem Herrgott zu reden.
Mit meinem Papa, der leider verstorben ist. Ich bitte für die Familie. Ich habe einen sehr naiven Glauben an Gott. Ich glaube an den Himmel und daran, dass ich die liebsten Menschen, die ich vor ein paar Jahren verloren habe, auch wieder treffe. Das Schönste am Glauben ist: Man muss ihn nicht erklären oder beweisen. Glaube ist nicht Wissen.
«Ich glaube, dass die Kirche schon immer Krisen durchgemacht hat..»
Wie wichtig sind für Sie Spiritualität und Transzendenz?
Rima: Sie sind sehr wichtig. Gerade wenn ich auf dem Velo sitze und beispielsweise von Oberägeri nach Barcelona oder Split radele, erlebe ich dies als meditativen Prozess. Wenn ich durch die Landschaften fahre und die Natur bestaune und viel Zeit habe nachzudenken. Das schätze ich sehr. Ich bin eigentlich ständig im Gespräch mit dem Göttlichen.
Haben Sie mit Ihren Kindern auch Taufe, Erstkommunion und Firmung gefeiert?
Rima: Ich habe vier Kinder. Zwei sind aus erster Ehe. Mein grosses Glück ist meine Familie. Meine erste Frau ist reformiert. Wir haben es den Kindern deshalb offengelassen und ihnen gesagt, dass sie diese Sakramente später nachholen können, wenn sie dies wünschen. Getauft sind alle meine Kinder. Meine erste Tochter hat jetzt geheiratet.
Die katholische Kirche steckt derzeit in einer existenziellen Krise. Stichwort Missbrauch. Stichwort Kirchenaustritte. Stichwort Säkularisierung. Was glauben Sie, müsste die Kirche machen, um wieder mehr Bedeutung in unserer Gesellschaft zu erlangen?
Rima: Ich glaube, dass die Kirche schon immer Krisen durchgemacht hat. Es gab Zeiten, da hatten die Päpste Geliebte. Dann hat man den Zölibat eingeführt, damit die Kirche nicht auch noch zahlen musste für die vielen unehelichen Kinder. Also, die Kirche war aus meiner Sicht immer in einem Prozess. Ich bin überzeugt, dass Kirche und Glauben schon immer in Bewegung waren.
Aber früher war es doch einfach so: Im Dorf waren der Gemeindepräsident, der Lehrer und der Pfarrer die wichtigsten Personen. Der Pfarrer spielt längst keine bedeutende Rolle mehr…
«Der Respekt gegenüber Menschen hat grundsätzlich abgenommen.»
Rima: …der Lehrer und der Gemeindepräsident auch nicht mehr.
Vielleicht, aber sind wir nicht in unserer Gesellschaft etwas zu liberal und säkular geworden?
Rima: Der Respekt gegenüber Menschen hat grundsätzlich abgenommen. Auch der Respekt gegenüber den Eltern. Auch in der Schule ist der Ton ein anderer geworden. Die Aufgabe der Kirche war es früher sicher auch, Grenzen zu setzen. Ich schätze es sehr, dass man heutzutage die Möglichkeiten hat, sich zu wehren und sich zu widersetzen. Am Ende fehlt für mich in der Gesellschaft vor allem ein wenig der Wille, sich zusammenzuraufen. Schlimm finde ich, dass nun auch Familien zerstört werden.
«Ich bin zu Tanten und Onkels gegangen, die gar nicht meine Tanten und Onkels waren.»
Wie meinen Sie das?
Rima: Beispielsweise haben Väter und Mütter, die ihre Kinder acht Stunden pro Tag in die Kita stecken, doch gar keinen Zugriff mehr auf ihre Kinder. Unsere Eltern haben das noch anders organisiert: Ich bin zu Tanten und Onkels gegangen, die gar nicht meine Tanten und Onkels waren. Aber man hat sich sozial untereinander organisiert. Es geht darum, sich sozial einzubringen in die Gesellschaft. Dabei geht es nicht immer um Weltpolitik, sondern auch mal einfach nur darum, beim Nachbarn nachzufragen, ob es ihm gutgeht.
«Ich glaube schon, wenn man die Wertschätzung für das Göttliche spürt, dann ist man ganz bestimmt glücklicher unterwegs, als wenn da gar nichts ist.»
Brauchts denn Religion aus Ihrer Sicht überhaupt noch?
Rima: Wahrscheinlich je länger umso mehr, denke ich. Viele Leute haben keinen Halt mehr. Ich glaube schon, wenn man die Wertschätzung für das Göttliche spürt, dann ist man ganz bestimmt glücklicher unterwegs, als wenn da gar nichts ist. Vielleicht müsste der Dorfpfarrer aber einfach auch mal wieder an der Tür klingeln und einen fragen, wie es einem so geht – als kleines Beispiel für eine engagierte, persönliche Missionierung. Ich kann mich erinnern: Meine Mutter war damals furchtbar enttäuscht, als der Pfarrer sie beim Tod meines Vaters nicht persönlich besucht hat. Man muss die Menschen überraschen.
Wird in der Kirche vielleicht auch zu wenig gelacht?
Rima: Bei einem Patenonkel, der gestorben ist, hat der Pfarrer eine wunderbare Abdankungsfeier organisiert, an der auch herzlich gelacht wurde. Es gibt Pfarrer und Lehrer, die sind unfassbar begabt, können wunderbare Geschichten erzählen und haben auch Humor. Andere vielleicht etwas weniger. Ich würde nie behaupten, dass der Humor in der Kirche fehlt.
«Für mich ist es das Ziel als Kabarettist, dass mein Publikum mit einem grossen Seufzer nach Hause geht.»
Ist Lachen denn schlussendlich nicht auch eine Form von Erlösung?
Rima: Absolut. Auf jeden Fall. Für mich ist es das Ziel als Kabarettist, dass mein Publikum mit einem grossen Seufzer nach Hause geht. Mit so einem wohltuenden Seufzer: Das hat jetzt wieder mal gutgetan. Dabei lösen sich Knoten.
Ich habe Nummern im Programm, die gehen auf den Lacher. Ich habe Nummern, bei denen sich manche nicht wohlfühlen, weil sie vielleicht etwas sozialkritisch sind. Und dann singe ich Lieder, die emotional wirken. Ich sehe bei meinen Vorstellungen jeweils die Menschen in den ersten zwei, drei Reihen. Bei solchen Gefühlssongs sehe ich Paaren an, ob sie eine gute oder schlechte Beziehung haben.
Wirklich? Woran sehen Sie das?
Rima: Manche reichen sich in solchen Augenblicken die Hand oder lehnen sich aneinander an. Andere drehen sich voneinander weg oder versteifen sich sogar richtiggehend. Weil sie plötzlich merken: Es ist was falsch gelaufen. Unterm Strich versuche ich als Kabarettist aber, den Menschen die verschiedenen Leckereien des Lebens aufzutischen.
«In der Kirche ist das Wort Gottes ja auch eine frohe Botschaft.»
Da passt der Name für Ihr neues Programm «Don’t worry, be happy!» ja bestens. Das könnte übrigens auch ein Pfarrer von der Kanzel zu seinen Gläubigen sagen. Ist dieser Slogan heutzutage so eine Art Minimalkonsens für persönliche Erfüllung und Glücksein?
Rima: Ich denke, wie leben in einer Welt, in der viel schlecht geredet wird. Natürlich ist dieser Song «Don’t worry, be happy!» so leicht und so hübsch und strahlt die Message aus: Es geht immer weiter, und wenn Du das mit viel positiven Gedanken ausfüllst und mit frohem Mut ins Leben gehst, dann wirst Du feststellen, dass vieles toll ist. Spass macht.
In der Kirche ist das Wort Gottes ja auch eine frohe Botschaft. Sprich: Die Kirche will uns eine frohe Botschaft verkünden. Genau das will ich eigentlich auch. Nach dem Motto: Schau mal, wir haben ein schönes Leben. Wir haben tolle Familien. Ein Dach überm Kopf. Uns geht’s richtig gut. Wenn wir dies wahrhaben und geniessen, sind wir vielleicht auch bereit, es zu teilen. Uns für andere einzusetzen.
*Eigentlich ist Marco Rima (63) ausgebildeter Primarschullehrer. Doch seit Jahrzehnten tritt er im In- und Ausland sowie im Fernsehen erfolgreich als Kabarettist und Comedian auf. Er lebt mit seiner Familie in Oberägeri ZG.
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