Leo Karrer | © Vera Rüttimann
Schweiz
Leo Karrer | © Vera Rüttimann

80 Jahre Leo Karrer: «Ich lasse mir die Freude an der Kirche nicht nehmen!»

Freiburg, 9.4.17 (kath.ch) Der bekannte Freiburger Pastoraltheologe Leo Karrer wird am 10. April 80 Jahre alt. Sein Leben lang hat er sich eingesetzt für eine synodale, geschwisterliche Kirche und für ein «Christsein als Mut zur wahren Menschlichkeit», gemäss dem Untertitel seines jüngsten Buches.

Vera Rüttimann

«Die Stunde der Laien» heisst der Titel eines Buches, das Leo Karrer 1999 veröffentlicht hat. Es gilt heute als ein Standardwerk zu einer Theologie der Laien. Darin spricht er «von der Würde eines namenlosen Standes». Der Pastoraltheologe hat sich schon früh für die Laien eingesetzt und gilt als ihr Nestor.

Dafür war der gebürtige Röschenzer besonders prädestiniert: Leo Karrer stand ab 1969 im kirchlichen Dienst als bischöflicher beauftragter Mentor der in Münster studierenden Laientheologen. Zudem war er wissenschaftlicher Assistent des einflussreichen Konzilsberaters Karl Rahner.

Über den eigenen Kirchturm hinausdenken

Stephanie Klein, Professorin für Pastoraltheologie an der Universität Luzern, hebt die Bedeutung Karrers für die Wissenschaft hervor: «Leo Karrer hat die Pastoraltheologie als Wissenschaft massgeblich geprägt. Sein Ansatz auf der Grundlage der Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils und der Nationalen Synoden ist es, von den Menschen und ihrer Erfahrung her nach Gott zu fragen und Theologie zu entwickeln.» Die durch das Konzil angestossene Entwicklung des neuen Berufsstands «Pastoralassistent» habe er von Beginn an begleitet und durch seine Theologie das neue Selbstverständnis der Laientheologen unterstützt.

Von den Menschen her nach Gott fragen

Auch in der Schweiz wurde Leo Karrer zum Förderer derselben. 1978 wurde er durch den Basler Bischof Anton Hänggi als Bischöflicher Personalassistent ins Personalamt berufen. Karrer war der erste Laientheologe im Personalamt und auch im Ordinariat.

1982 bis 2008 war Leo Karrer Professor für Pastoraltheologie an der Universität Freiburg. Stephanie Klein betont: «Leo Karrer hat ganzen Generationen von Studierenden das Rüstzeug für eine solide pastoraltheologische Reflexion und praktische Arbeit mitgegeben. Es war ihm ein Anliegen, kirchliche Selbstgenügsamkeit und Enge zu überwinden und über den eigenen Kirchturm hinauszudenken.»

Seelsorger und Mentor

Auch nach seiner Berufung als Professor nach Freiburg war ihm die Verbindung zu seiner Herkunftsdiözese ein wichtiges Anliegen. Marco von Arx, Sekretär des Basler Generalvikars Markus Thürig, erläutert dies: «Aufmerksam verfolgt er die pastoralen und personellen Entwicklungen im Bistum Basel und steht bis heute mit vielen Seelsorgerinnen und Seelsorgern, aber auch mit Mitgliedern der Diözesankurie in einem lebendigen Austausch.

Er ist immer auch Seelsorger geblieben.

Während vieler Jahre habe er sich als Mitglied der damaligen Diözesanen Fortbildungskommission für eine fundierte Weiterbildung der Seelsorgerinnen und Seelsorger engagiert. «Sein offenes Herz, sein Mitgehen und Mitfühlen an der Lebensgeschichte seiner Mitmenschen zeichnet ihn ganz besonders aus. Und so ist er neben all seiner wissenschaftlichen Tätigkeit immer auch Seelsorger geblieben.»

Der Herbert Haag-Preisträger war in zahlreichen internationalen wissenschaftlichen Organisationen tätig.  So war er von 1993 bis 2001 Vorsitzender der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen und von 2001 bis 2004 Präsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie.

Mitglied der «Fünfer-Bande»

Für Stefan Orth, Redaktor der Herder Korrespondenz, gehört Leo Karrer in Deutschland noch heute zu den bekanntesten Theologen. Der deutsche Journalist erklärt: «Das liegt auch daran, dass sich Leo Karrer als Mitglied der berühmt-berüchtigten «Fünfer-Bande», wie sich der eingeschworene Kreis von fünf Pastoraltheologen nannte – die anderen waren: Otmar Fuchs, Norbert Greinacher, Hermann Steinkamp und Norbert Mette – immer wieder zu kirchenpolitischen Fragen geäussert und Reformen angemahnt hat.» Als Verfechter einer Theologie, die die gesellschaftlichen Entwicklungen genau verfolge und reflektiere, habe Leo Karrer zudem Massgebliches für eine mediensensible Theologie geleistet, vor allem mit Blick auf die Auseinandersetzung mit Spielfilmen.

Mann der Tat

Der Jubilar meldet sich seit je her nicht nur mit Artikeln mit Wut und Glut zu Wort, er ist auch ein Netzwerker und Mann der Tat, wie Erwin Koller, Theologe und ehemaliger Leiter der «Sternstunden» von Schweizer Fernsehen SRF, vielfach miterleben konnte: 1987 lancierte Karrer die Idee einer «Tagsatzung» der katholischen Kirche in der Schweiz mit dem Ziel, alle relevanten Kräfte der katholischen Kirche in der Schweiz zu versammeln. Sein Engagement für die Kirche Schweiz hat er jedoch stets mit dem Blick über alle Grenzen hinaus verbunden. Auch die «Katholischen Dialoge», die bis heute im Romero-Haus in Luzern durchgeführt werden, hat er mitgetragen.

Kämpfer gegen Mutlosigkeit und Resignation

Erwin Koller erinnert an die Überzeugung Karrers, dass Praktische Theologie nur auf der Grundlage einer soliden Theorie betrieben werden könne – und dass umgekehrt erst in der Begegnung mit den Menschen erkennbar wird, was eine Theologie wert sei. Deshalb seien für Karrer die Einleitungssätze von «Gaudium et spes» auch der «Notenschlüssel» zum Verständnis des Konzils und des kirchlichen Handelns in der Gegenwart: «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi. Und es gibt nichts wahrhaft Menschliches, das nicht in ihren Herzen seinen Widerhall fände.»

Leo Karrers Abschiedsvorlesung an der Universität Freiburg trug 2008 den Titel: «Auch im Winter wächst das Brot». Der Text ist ein Plädoyer gegen Mutlosigkeit und Resignation in der Kirche. Denn Leo Karrer sagte einmal: «Ich lasse mir die Freude an der Kirche nicht nehmen!»


 

 

Leo Karrer | © Vera Rüttimann
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