«Leben und sterben Sie wohl»: Vom Tod aus mitten ins Leben
«Bevor ich sterbe, möchte ich…» Ein Basler Pflegeheim lädt dazu ein, Träume und Sehnsüchte auf einer Kreidetafel niederzuschreiben. Die Aktion rückt den Fokus weg vom Sterben, hin zum Leben. Und bringt die Nachbarschaft ins Gespräch.
Sarah Stutte
«Bevor ich sterbe, möchte ich…»: Auf der Fassade des Pflegehotels St. Johann in Basel prangen seit Mitte Oktober fünf Schiefertafeln. Darunter können Passantinnen und Passanten persönliche Gedanken aufschreiben.
Halleluja singen und verlieben
Die Tafeln sind jeweils auf Deutsch und Englisch sowie im Dialekt beschriftet – geantwortet wird aber in allen möglichen Sprachen. Unten links an der ersten Platte ist ein Behälter mit Kreide in verschiedenen Farben angebracht. Mit dieser schreiben die Passantinnen und Passanten ganz Unterschiedliches auf die freien Flächen. «Mich so richtig verlieben. Staunen. Lachen» ist dort zu lesen, oder: «Gottes Liebe ausstrahlen». Und: «Auf Erden ein Halleluja singen.»
Im Minutentakt gehen Menschen an der Wand vorbei und bleiben überrascht davor stehen. Manche lesen nur, andere zücken ihre Handys, ein paar wenige suchen nach der Kreide. Eine Frau sagt zur Reporterin: «Das ist eine wirklich schöne Sache.» Auf die Frage, ob sie selbst etwas auf eine der Tafeln schreiben möchte, antwortet sie: «Das muss ich mir erst noch überlegen. Über den Tod sollte man sich ja keine leichtfertigen Gedanken machen».
Alles wird festgehalten
Das unterstreicht auch der Geschäftsführer des Pflegeheims, André Gyr. «Das Ganze ist ein Prozess: Vom Tod richtet sich der Blick ins Leben. Manche kommen mehrmals vorbei, bevor sie tatsächlich etwas schreiben», sagt er. «Auf den Tafeln soll alles Platz finden und erlaubt sein – als offener, spontaner Austausch.»
Er müsse einen Teil der Flächen täglich säubern, um wieder neuen Raum zu schaffen. Mitunter reinige sie auch der Regen, sagt André Gyr. Das spiegle auch die Vergänglichkeit wider, um die es hier gehe. «Nichts geht jedoch verloren. Alles wird zeitnah dokumentiert und auf unserer Homepage aufgeschaltet.»
«Leben und sterben Sie wohl»
Die beschriebene Installation ist Teil einer Veranstaltungsreihe mit dem Titel «Leben und sterben Sie wohl». Die Idee dazu entsprang dem Wunsch, sich mit der Quartierbevölkerung auszutauschen, auch wenn damit vielleicht ein schweres Thema angesprochen wird. Die Veranstaltungsreiche soll laut dem Geschäftsführer eine Ergänzung zur Basler Palliative Care-Woche sein, die jährlich im November in der ganzen Region mit verschiedenen Fachveranstaltungen stattfindet.
André Gyr findet, viele Betroffene und Angehörige würden beim Thema Palliative Care zu wenig abgeholt. «Das stellen wir in Gesprächen immer wieder fest. Die Lebensverlängerung mittels medizinischer Massnahmen steht bei vielen im Vordergrund und widerspricht völlig der Palliative-Care-Strategie, die ein Sterben in Frieden anstrebt – ohne Schmerzen und Ängste. Ich dachte mir, wir müssen etwas tun, um die Diskussion darüber mehr in den Fokus zu rücken.»
André Gyr erfuhr vom Projekt «Before I die». Ursprünglich hatte dieses die Künstlerin Candy Chang aus New Orleans initiiert, als sie sich mit dem Tod eines geliebten Menschen auseinandersetzte. Mittlerweile findet das Schreibprojekt überall auf der Welt Anklang – und war in der Schweiz schon in St. Gallen und Amriswil zu sehen. «Wir waren die ersten, die die Tafeln an der Wand einer Langzeitpflegeinstitution angebracht haben. Hier wird gelacht, geweint und gelebt – doch natürlich auch gestorben», sagt André Gyr.
Wird daraus ein Buch?
Das Ziel, den Dialog im Quartier zu fördern, sei mit den Tafeln erreicht worden. «Unsere Erwartungen wurden übertroffen», sagt André Gyr. Er freut sich darüber, dass junge und alte Menschen plötzlich über etwas reden würden, was sonst gemeinhin als Tabu gelte. «Mehrheitlich sind die Rückmeldungen positiv. Ich hatte aber auch schon einen Mann bei mir im Büro stehen, der die Installation als unethisch bezeichnete. Doch selbst darüber kommt man miteinander ins Gespräch», sagt André Gyr.
Die meisten der 75 Bewohnerinnen und Bewohner des Pflegeheims würden das Projekt ebenfalls begrüssen. «Manche stören sich höchstens an vereinzelten Kommentaren auf den Tafeln, die sie als nicht so wichtig empfinden.» Zum Beispiel über Aussagen zum Ukraine-Krieg. «Putin steht fast immer auf der Tafel», sagt der Geschäftsführer. Teilweise gebe es aber richtig originelle Gedanken: «Wir überlegen uns, die besten als Buch zu veröffentlichen.»
Ein Jahr voller Gedanken
Auf die Frage, welcher Satz ihn bisher am meisten berührt habe, sagt André Gyr: «Eine Frau schrieb auf, dass sie ihr Kind im Bauch noch auf die Welt bringen wolle und den Vater, den sie über alles liebe, hoffentlich ewig lieben werde.» Für weitere hoffnungsvolle Gedanken an der Fassade gibt es noch genügend Zeit und Raum – die Installation soll für mindestens ein Jahr dort hängen bleiben.
* Am Donnerstag, 3. November, finden zwei Podiumsgespräche zum Thema «Leben und sterben Sie wohl» im Pflegeheim St. Johann in Basel statt. Infos zu den Veranstaltungen sowie alle Beiträge der Tafel gibt’s hier.
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