Schweiz

«Lasst uns über Marias Kopftuch reden»

Zürich, 23.12.16 (kath.ch) «Wie hast du’s so mit Kopftüchern?» Die Ausstellung «Kopftuch» der Künstlerin Eliane Zinner wollte eine Woche lang genau das wissen. Denn: Assoziiert heute nicht jeder mit dem Begriff Kopftuch automatisch den Islam? Diese Ausstellung beweist: Es steckt viel mehr dahinter.

Francesca Trento

In einer Nebenstrasse in Zürich Wiedikon steht auf dem Boden neben einer Laterne mit flimmernder Kerze ein Bild mit einem Kopftuch – ohne Gesicht. «Zur Kopftuch-Ausstellung» steht darauf geschrieben. Im Innenhof liegt das Atelier A. Hohe Decken, weisse Wände, ein langer Holztisch – und die Bilder. Quadratisch, schwarz, dass nur der Anblick einen fast erschlägt. Gleichzeitig weich, sensibel und farbig, dass nur der Anblick tief berührt. Kopftücher aller Art, aus unterschiedlichen Regionen, Kulturen und Zeiten starren einen mit schwarzem Hintergrund an. Alle ohne Gesichter, aber nicht ohne Identität.

Kein Unterschied zwischen denen und uns

«Die Frauen, die heute in arabischen Ländern eine Burka tragen, scheinen uns unterdrückt und unfrei. Aber sind wir das nicht ebenso, hier im Westen?», meint die Künstlerin Eliane Zinner gegenüber kath.ch. In der hiesigen Kultur sehe man ständig halbnackte Frauen, «ein Minirock muss her», damit man in der Gesellschaft Platz finde. «Wo ist dann der Unterschied zwischen den Frauen, die gezwungen sind, sich zu bedecken, und denen, die gezwungen sind, sich zu entkleiden?»

Die Künstlerin ist nicht alleine mit ihren Gedanken. Die Ausstellung war nicht lediglich ein «Bilder ausstellen, reinkommen, anschauen und wieder gehen», wie Flurina Schumacher, Mitglied beim Kulturverein Méthode, der die Ausstellung ermöglichte, sagt. Nach der Vernissage fand fast täglich eine offene Diskussionsrunde statt – am Holztisch, mit Blick auf die Kopftücher.

Wir wollen ein Tabu-Thema enttabuisieren

Obwohl es viel mehr Besucher und Besucherinnen hätte geben dürfen, so Schuhmacher, empfinde sie die letzte Woche als erfolgreich. «Die Diskussionen fanden mal in kleineren oder grösseren Runden statt. Aber sie fanden statt.» Und das sei das, was sie damit erreichen wollten. Ein Tabu-Thema zu enttabuisieren.

Maria und ihr Kopftuch

Dieses Stattfinden ist auch der Künstlerin wichtig und auch Grund für das Malen dieser Bilder. Wunderbare Bilder, berührende Bilder, bewegende Momentaufnahmen mit Pinsel und Farbe. So schön, dass eins davon mit dem dritten Platz «Kunst heute Award 2016» ausgezeichnet wurde. Ein menschliches, alltägliches, historisches Thema seien sie, die Kopftücher, so Zinner. «Die Heilige Maria trug ja ebenso ein Kopftuch», wobei sie neben diesem Bild steht und scheu lächelt, weil sie es nicht mag, fotografiert zu werden – «wieso sollte eine Muslimin heute kein Kopftuch tragen dürfen?».

Am Holztisch wird wieder diskutiert. «Bei mir auf Arbeit sehe ich oft eine Eritreerin mit einer wunderschönen Kopftuchbedeckung», meint eine Frau am Tisch. «Würde ich so etwas anziehen, sähe das schrecklich aus», lacht sie. Das habe auch mit der Kultur etwas zu tun, antwortet ihr ein Kollege. Der Kleidung seien irgendwie schon Grenzen gesetzt in den einzelnen Gesellschaften. «Du kannst nicht alles anziehen, ohne krumm angeschaut zu werden.» – «Nennst du das Freiheit?», fragt sie. «Sind wir nicht alle irgendwie unfrei?»

Sind wir nicht alle irgendwie unfrei?

Vor allem die Frauen, wie Zinner mit ihrer Kunst verdeutlicht. «Frauen waren immer schon und sind es auch heute noch: die grösste Schwäche der Männer.» Sie meine das natürlich nicht pauschal. Und doch hätten die Frauen immer deren Wünschen zu entsprechen – ob es jetzt mit einer Burka sei, damit die Männer beim Anblick des weiblichen Körpers nicht schwach werden oder mit einem bauchfreien Top – damit sie den Männern zugänglich erschienen. «Frauen sollten das Recht über ihren Körper, ihre Kleidung, ihr Auftreten haben und sagen können: Ich bin dir nicht einfach so zugänglich.» Was Frauen eben mit ihrer Verschleierung ausdrücken.

Mehr Diskussion gefragt

Die Ausstellung sei jedoch erst der Anfang, so die Künstlerin. Sie und der Verein Méthode suchen weitere Ausstellungsmöglichkeiten. Und wieder soll es mehr sein als «Bilder ausstellen, reinkommen, anschauen und wieder gehen», so Zinner. «Ich wünsche mir, dass das Thema seinen Platz in der Gesellschaft findet», sagt sie währendem die Besucher und Besucherinnen weiter über Freiheit diskutieren – am Holztisch mit Blick auf die Kopftücher.

SRF berichtete ebenso in der Sendung «Kulturplatz» über die Ausstellung (ab min. 3:38).

Das rote Kopftuch | © Eliane Zinner
23. Dezember 2016 | 13:58
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