Kommentar zur Umweltenzyklika Laudato si von Kurt Zaugg-Ott und Kurt Aufdereggen

18.6.15 (kath.ch) Die Klarheit, mit der Papst Franziskus in seiner Enzyklika zum Klimawandel und zur globalen Umweltsituation Stellung bezieht, ist bemerkenswert. Das Lehrschreiben richtet sich an alle Menschen, die auf diesem Planeten wohnen (13). Es brauche eine neue universale Solidarität, «um den durch den menschlichen Missbrauch der Schöpfung Gottes angerichteten Schaden wieder gutzumachen" (14).

Kurt Aufdereggen und Kurt Zaugg-Ott*

Die Gründe für den angerichteten Schaden sieht der Papst in der Eigendynamik einer ungebremsten technischen und wirtschaftlichen Entwicklung, die zu wenig von ethischen Werten beeinflusst wird. Er kritisiert den Fortschrittsmythos und den damit verbundenen «Konsumismus» und die Wegwerfmentalität. Bezüglich Klimawandel anerkennt er die Resultate der Klimaforschung, die menschliches Handeln als Hauptursache für den Temperaturanstieg der Moderne sieht (23).

Die Stärke der Enzyklika liegt aber nicht unbedingt in der Analyse des Zustandes der Welt, sondern im Versuch, dem Niedergang eine positive Vision gegenüber zu stellen. Die theologischen und spirituellen Kapitel der Enzyklika atmen einen menschen- und schöpfungsfreundlichen franziskanischen Geist. Die Voraussetzung für unser Dasein und das Dasein der Schöpfung sei die Liebe Gottes: «Der Erdboden, das Wasser, die Berge – alles ist eine Liebkosung Gottes." (84) Die Geschöpfe der Welt seien darum kein herrenloses Gut, sondern Eigentum Gottes, der ein Freund des Lebens sei (89). Das Empfinden einer innigen Verbundenheit mit der Natur sei notwendigerweise verbunden mit dem Mitleid und der Sorge um die Menschen.

Der vorherrschenden technologischen Denkweise, die das Wirtschaftswachstum und die Gewinnmaximierung anheizt, setzt Papst Franziskus die Freiheit des Menschen gegenüber, die Technik zu beschränken, sie zu lenken und in den Dienst einer anderen Art des Fortschritts zu stellen, der gesünder, menschlicher, sozialer und ganzheitlicher sei (112). Die Sinnfrage müsse gestellt werden. Denn unser Dasein habe nur einen Sinn, wenn wir den künftigen Generationen einen bewohnbaren Planeten übergeben könnten (160). Der Papst verlangt ein neues Denken: Wir müssen in der Logik des freien Geschenks zu denken lernen, das wir empfangen und weitergeben. Wenn die Erde uns geschenkt ist, dann können wir nicht mehr nur von einem utilitaristischen Kriterium der Effizienz und der Produktivität für den individuellen Nutzen her denken (159).

Eine wichtige Rolle könne die christliche Spiritualität spielen. Sie ermutige zu einem prophetischen und kontemplativen Lebensstil, sie befähige, sich zutiefst zu freuen, ohne auf Konsum versessen zu sein. Die Tugenden der Genügsamkeit und der Demut müssten neu Wertschätzung erfahren (224).

Papst Franziskus ist nicht wirtschafts- oder technikfeindlich. Aber er hinterfragt die aktuelle Entwicklung und glaubt an die Möglichkeit, dass die «menschliche Hausgemeinschaft» das Steuer auf der Erde herumreissen und neue Wege einschlagen kann. Hintergrund ist die Glaubensüberzeugung, dass Gott seine Welt nicht im Stich lässt. Wirtschaft und Technik sind für eine nachhaltige Entwicklung unabdingbar. Der Papst verlangt aber ein Primat der Werte und der ethischen Orientierung. Die Kirche wolle nicht nur an die Pflicht erinnern, die Natur zu schützen, sondern sie müsse vor allem auch den Menschen gegen seine Selbstzerstörung schützen (79). Das ist ein dringend notwendiger Aufruf, auf den schon lange viele Menschen gewartet haben. Hoffentlich kommt er nicht zu spät.

*Kurt Zaugg-Ott ist Leiter der Arbeitsstelle «oeku Kirche und Umwelt» in Bern,
Kurt Aufdereggen ist dort Umweltbeauftragter. (gs)

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