Charles Martig, Direktor Katholisches Medienzentrum | © 2014 kath.ch
Schweiz
Charles Martig, Direktor Katholisches Medienzentrum | © 2014 kath.ch

Kommentar zur Flüchtlingsfrage: Kirche muss Farbe bekennen!

Zürich, 28.8.15 (kath.ch) Die Migrationscharta gleicht einem Paukenschlag. Über 100 Theologen und Theologinnen fordern die Kirchen auf, mutig zu sein. Die Grenzen der Schweiz sollen geöffnet werden. Die katholische Kirche in der Schweiz kann sich in der derzeitigen dramatischen Situation nicht zurückhalten: Sie muss sich in die Politik einmischen. Vorbild könnte Kardinal Schönborn sein, der angesichts der Tragödie in Österreich ein deutliches Signal setzt. Ein Kommentar von Charles Martig, Direktor Katholisches Medienzentrum.

Charles Martig

Der Tod von mehr als 70 Flüchtlingen in einem Lastwagen auf der Ostautobahn im Burgenland ist ein tragischer Fall. Kardinal Schönborn hat umgehend darauf reagiert und ein Bekenntnis abgegeben: «Diese furchtbare Tat macht die menschliche Not der Flüchtlinge deutlich, die von uns allen eine grossherzige Haltung verlangt – und mutige Entscheidungen.» Schönborn zeigte sich entsetzt über die «unbeschreibliche Menschenverachtung der Schlepper». «Europa muss endlich geeint vorgehen, um diesen Kriminellen mit allen zulässigen Mitteln das Handwerk zu legen», so der Kardinal. Die gemeinsame Bewältigung der Flüchtlingstragödie sei eine Bewährungsprobe für die europäischen Werte.

Haltung zeigen

Es geht um Haltung. Es geht um die Verteidigung von christlichen Werten. Es geht um Menschlichkeit, Grechtigkeit und Solidarität, wie sie in der Migrationscharta gefordert werden. Von den Kirchenleitungen in der Schweiz wird nun ebenfalls verlangt, dass sie sich klar politisch positionieren. Von der Schweizer Bischofskonferenz gibt es zwar ein langjähriges Plädyoer für Flüchtlinge, zuletzt in der 1. August Ansprache von Abt Joseph Roduit von St. Maurice. Aber bei heissen politischen Themen hält sich die SBK normalerweise zurück. Das vermittelt den Eindruck, dass die Kirche zurückhaltend und mutlos ist. Der Moment scheint jetzt gekommen, diese Zurückhaltung abzulegen. Wenn die katholische Kirche in der Schweiz glaubwürdig sein will, muss sie jetzt klar Farbe bekennen. Es geht um politische Signale und um Glaubwürdigkeit. Kardinal Schönborn könnte hier ein gutes Vorbild sein. Ebenso Papst Franziskus, der sich in der Flüchtlingsfrage stark engagiert und öffentliche Zeichen setzt.

Keine Angst vor der Politik!

Das Wahlbarometer der SRG zeigt, dass die Flüchtlingsfrage das wichtigste Thema ist, das in der Schweiz die Bürgerinnen und Bürger beschäftigt. Es ist also ein Gebot der Stunde, dass sich die Kirche in dieses Kernthema der Politik einmischt. Warum? Weil Migration auch ein Kernthema der katholischen Kirche ist. Die Kirche hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer multikulturellen Gemeinschaft entwickelt. Davon zeugen die vielfältigen Anstrengungen in der Migrantenseelsorge. Die katholische Kirche in der Schweiz ist lebendig, weil sie aus vielen Ländern einen Zustrom erhält. Das heisse Thema «Migration» ist also auch eine zentrales Thema für die Kirche. Wer in dieser Frage Angst vor der Einmischung in die Politik hat verkennt den lebendigen Leib der Kirche. Katholische Kirche ist von Grund auf offen für alle Menschen. Dieser umfassende Anspruch muss sich jetzt auch in der Politik niederschlagen.

Willkommen in der Schweiz

Zum Glück gibt es die Migrationscharta. Zum Glück gibt es noch visionäre Gläubige, Theologinnen und Theologen, die sich von der Bibel und der kirchlichen Tradition inspirieren lassen. Am schönsten kommt dies im Bild der «Willkommens-Kultur» zum Ausdruck. Sind wir in der Schweiz bereit, Flüchtlinge willkommen zu heissen und unsere christlichen Werte Ernst zu nehmen? Nicht nur in den vielen kleinen Aktionen und Engagements, sondern auch auf dem grossen politischen Parkett? Hier zeigt sich die Glaubwürdigkeit von Kirche, hier und jetzt. (cm)

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