Asylbewerber und Personal des Grenzwachcorps am Zoll in Chiasso TI | © 2015 KEYSTONE/TI-PRESS/Benedetto Galli
Schweiz
Asylbewerber und Personal des Grenzwachcorps am Zoll in Chiasso TI | © 2015 KEYSTONE/TI-PRESS/Benedetto Galli

Offene Grenzen für alle – Über 100 Theologen lancieren Migrationscharta

Bern, 26.8.15 (kath.ch) Rund 120 reformierte und katholische Theologen fordern eine neue Migrationspolitik für die Schweiz. Menschen sollen «in Würde» migrieren können und im Zielland willkommen sein, schreiben sie in einer Charta, die am Mittwoch, 26. August, in Bern vorgestellt wurde. Das Dokument muss – angesichts des gegenwärtigen öffentlichen Diskurses zum Thema Asyl – radikal genannt werden. So fordern die Theologen nichts weniger als das Recht auf freie Niederlassung. Für alle. Ihre Vorschläge leiten sie aus biblisch-theologischen Einsichten ab.

Barbara Ludwig

«Als Kirche kommt man nicht darum, sich zur Migrationsfrage zu äussern», sagte Andreas Nufer, reformierter Pfarrer und Mitglied des Netzwerks «KircheNordSüdUntenLinks», die die acht-seitige Charta mit dem Titel «Freie Niederlassung für alle: Willkommen in einer solidarischen Gesellschaft!» ausgearbeitet hat. Dass die Charta gerade vor den eidgenössischen Wahlen und zu einer Zeit erscheint, in der Europa mehr denn je Ziel Tausender Flüchtlinge ist, sei ein «Zufall», so Nufer gegenüber kath.ch, «aber vielleicht hat das der liebe Gott gewollt». Man äussere sich nicht zum Wahlkampf, sondern auf einer theologischen Ebene.

Gleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität

So formuliert die Charta «drei Grundsätze für eine neue Migrationspolitik» auf der Basis der biblischen Überlieferung. Die Theologen lehnen es mit Verweis auf die Bibel ab, Menschen nach Kriterien wie «wirtschaftliche Nützlichkeit» oder «kulturelle Nähe» zu unterscheiden, die in der Migrationsdebatte eine Rolle spielen. Sie orientieren sich vielmehr am Grundsatz der Gleichheit aller Menschen. Ein weiterer Grundsatz sei die Gerechtigkeit, die Leben ermöglicht und die Existenz garantiert. Als dritten Grundsatz nennt die Charta die Solidarität: «Eine Politik der Gleichheit und der Gerechtigkeit wird konkret, wenn sie auf solidarischem Recht beruht.» Solidarisches Recht schütze die Kleinen und bändige die Grossen. Demgegenüber habe das geltende Recht die umgekehrte Tendenz, «die Habenden vor den Habenichtsen zu schützen».

Bei Unterdrückung gibt es «Pflicht zur Migration»

Aus den drei Grundsätzen, die die Menschenrechte prägten, ergeben sich aus Sicht der Theologen drei Grundrechte. Das Recht auf freie Niederlassung, das Recht auf Asyl und das Recht auf Existenzsicherung. Das Recht auf freie Niederlassung sei die Bedingung dafür, dass «Migration auch für die Kleinen und Bedrohten in Würde geschehen» könne, heisst es in der Charta. Migration dürfe nicht länger «kriminalisiert» werden. Die Theologen halten fest, dass es in der jüdisch-christlichen Tradition sogar «etwas wie eine Pflicht zur Migration» gebe, wenn Migration den Auszug aus unterdrückerischen Verhältnissen bedeute.

Kirchen sollen biblische Botschaft ins Spiel bringen

Die Charta erwartet von den Kirchen in der Schweiz, sich mit geeinter Stimme unmissverständlich zur Migrationspolitik zu äussern. «Sie sind zu schärfstem Protest und zum Vorlegen eigener Vorschläge gedrängt.» Die Kritik richte sich an die Schweizer Bischofskonferenz (SBK), den Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund (SEK) und die Landeskirchen, sagte Nufer. «Die Kirchen könnten die Migrationsfrage stärker theologisch reflektieren und sie in einen Zusammenhang mit der biblischen Botschaft stellen. Und sie könnten sich vehementer äussern.» Derzeit seien weltweit 59 Millionen Menschen auf der Flucht. «Was gegenwärtig in Europa passiert, ist ein Skandal. Es macht die Leute in den Pfarreien und Kirchgemeinden sehr betroffen.» Auch dies sei ein Grund, als Kirche Stellung zu beziehen.

Nufer ist überzeugt, dass die Kirchen die Migrationspolitik beeinflussen können. «Wir sehen, dass sich sehr viele Leute aus der kirchlichen Basis für Flüchtlinge engagieren. Oft handelt es sich um ein unspektakuläres Engagement im Hintergrund.»

In einem längeren Grundsatztext zur Migrationscharta formulieren die Theologen Vorschläge, wie die Kirchen die genannten Grundsätze auf der pastoralen Ebene umsetzen können. Ein Kapitel widmet sich dem Aufbau einer «Willkommenskultur». Ein weiteres beschreibt, wie die Kirchen dazu beitragen können, die gesellschaftspolitischen Forderungen – darunter das Recht auf freie Niederlassung oder das Recht auf Arbeit – umzusetzen.

Deutschschweizer Bewegung

Das Netzwerk «KircheNordSüdUntenLinks», dem mittlerweile rund 120 reformierte und katholische Theologen sowie in den kirchlichen Migrationsarbeit engagierte Personen angehören, wurde 2011 von Matthias Hui, Co-Redaktor der religiös-sozialistischen Zeitschrift «Neue Wege», und dem katholischen Theologen Daniel Ammann gegründet. Zur Kerngruppe gehören nebst Nufer auch Verena Mühlethaler, Pfarrerin der Zürcher Citykirche Offener St. Jakob, Nicola Neider, Leiterin Bereich Migration-Integration der Katholischen Kirche Stadt Luzern, sowie Christoph Albrecht vom Jesuiten Flüchtlingsdienst Schweiz (JRS-Schweiz).

Laut Nufer ist das Netzwerk bislang nur in der Deutschschweiz aktiv. Man habe aber bereits die Fühler in die Romandie ausgestreckt und die Charta auf Französisch übersetzt. (bal)

Zum Text der Charta und weiteren Informationen

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