Segnungen im Kloster haben Konjunktur
Immer mehr Gläubige lassen nicht nur sich selbst, sondern auch persönliche Gegenstände segnen – von Rosenkränzen bis hin zu Autos, Ställen oder sogar Hotel-Wellnessanlagen, wie Abt Christian Meyer vom Kloster Engelberg und Abt Vigeli Monn vom Kloster Disentis im Interview erzählen.
Wolfgang Holz
Abt Christian, Abt Vigeli, hat die Zahl der Segnungen von Dingen, die Besucherinnen und Besucher in die Klöster Engelberg und Disentis mitbringen, in den letzten Jahren tendenziell zugenommen?
Abt Christian Meyer: Die Segnungen haben aus meiner Sicht den jährlichen Umfang beibehalten. Es gibt ab und zu spezielle Bitten für Segnungen. Im Grossen und Ganzen ist ein relativ hohes Level an Segnungen zu verzeichnen.
«Es besteht ein erneutes Bedürfnis der Menschen nach Schutz und Stärkung sowie nach Abwehr des Bösen.»
Abt Vigeli Monn: Ja, in den letzten Jahrzehnten ist bei uns im Kloster Disentis eine Steigerung der erbetenen Segnungen erkennbar. Das hat einerseits den Grund im Bestehen eines kleinen Klosterladens, in welchem Devotionalien verkauft werden. Zum anderen besteht ein erneutes Bedürfnis der Menschen nach Schutz und Stärkung sowie nach Abwehr des Bösen.
Sind unter denen, die Dinge zum Segnen mitbringen, auch vermehrt jüngere Personen? Beispielsweise hat sich mein 20-jähriger Sohn jüngst im Kloster Einsiedeln einen Rosenkranz für sein neues Auto segnen lassen. Zu einem späteren Zeitpunkt möchte er auch noch sein Auto segnen lassen.
Abt Christian: Junge Menschen kommen gerne mit Rosenkränzen, Armbändern oder Halsketten ins Kloster Engelberg, um sie segnen zu lassen. Eine offizielle Autosegnung findet bei uns immer am Osterdienstagabend statt. Am vergangenen Samstagnachmittag hatte ich gerade eine Töffsegnung im Klosterhof, verbunden mit einem Gedenken an verstorbene Mitglieder der Gruppe. Es gibt aber auch junge Menschen, die sich auf die Firmung vorbereiten oder sogar die Taufe und dann den Segen erbitten für ihren Weg.
Abt Vigeli: Wir bieten regelmässig Jugendanlässe im Kloster Disentis an. Dabei werden die begleitenden Priester auch immer wieder um eine Segnung eines Gegenstandes oder der Teilnehmenden selbst gebeten.
Welche Dinge kann man denn so alles segnen lassen – und was kommt am häufigsten vor?
Abt Christian: Eigentlich kann ja fast alles gesegnet werden. Denn das lateinische Wort segnen, «benedicere» heisst ja: Gutes sagen. Ich stelle also die Person oder das Ding in ein gutes Umfeld im Namen Gottes. Und so soll diese Person das Gute auch weitergeben, oder dieses Ding zum Guten gebraucht werden, zum Wohle des anderen eben. Meistens sind es Kerzen, Anhänger, Rosenkränze oder Velos und Autos. Bei uns in Engelberg sind es auch Ställe, Vieh, Alpen, neue Sportanlagen, Häuser oder umgebaute Hotels, die gesegnet werden.
Abt Vigeli: Bei uns im Kloster Disentis sind es vor allem die Devotionalien: Kreuze, Kruzifixe, Rosenkränze, Heiligenfiguren und Heiligenbildnisse, Ikonen und Andachtsbilder, die der Andacht und der Förderung der Frömmigkeit dienen. Dazu gehören auch Medaillen, wie etwa die Benedikts-Medaille.
Werden auch Haustiere und Personen selbst auf Wunsch gesegnet?
Abt Christian: Ja, das wird gemacht. Denn zur Hofsegnung beispielsweise, gehört ja auch der Stall mit Vieh. Also, hier bei uns in Engelberg ist das nichts Aussergewöhnliches.
«Nach einer Firmung oder nach einem Festgottesdienst gibt es immer wieder Leute, die noch einen «eigenen» Segen wollen.»
Auch Personen kommen, um sich segnen zu lassen. Nach einer Firmung oder nach einem Festgottesdienst gibt es immer wieder Leute, die noch einen «eigenen» Segen wollen. Das kenne ich von Kamerun her. Oder es ist ein frisch verlobtes Paar, das um den gemeinsamen Segen für seinen Weg bittet. Oder eine Pilgergruppe möchte einen Reisesegen.
Abt Vigeli: Ja, auch diese werden auf Wunsch gesegnet. Auch hier ist eine Steigerung der Anfragen klar zu erkennen, vor allem bei den Personen selbst.
Können Sie sich denn auch an spezielle Segnungen erinnern?
Abt Christian: Die Töffsegnung ist immer speziell, weil man halt mit unerwarteten Personen ins Gespräch kommt. Vor Jahren war es in einem Hotel eine Wellnessanlage, die es zu segnen galt. Zuerst hat man etwas gestutzt: Wellnessanlage? Aber Wellness soll ja dem Menschen auch guttun. Warum soll man da auch nicht das ganze unter ein gutes Wort stellen? Denn Gott selbst will ja nur das Gute für uns. Oder da war ein Bikeranlass, bei dem der Segen für die ganze Wegstrecke gespendet wurde – mit dem Hinweis auf die Eigenverantwortung, die jeder und jede Einzelne behält.
«Besonders sind mir aber immer die Segnungen von schwerkranken, behinderten oder sterbenden Menschen in Erinnerung geblieben.»
Abt Vigeli: In Erinnerung sind mir manche Baustellen und Arbeitersegnungen, Bergkreuze, Bauten für den Tourismus, für die Landwirtschaft, Seilbahnen, Maschinen, Fahrzeuge und vieles andere mehr. Besonders sind mir aber immer die Segnungen von schwerkranken, behinderten oder sterbenden Menschen in Erinnerung geblieben.
Sind solche Segnungen aus Ihrer Sicht eigentlich Ausdruck einer ungebrochenen Sehnsucht nach Spiritualität unter den Menschen, selbst wenn viele nicht mehr in die Kirche gehen?
«Vielleicht spielt auch manchmal der «magische Moment» etwas mit.»
Abt Christian: Segnungen sind ein Ausdruck dieser Sehnsucht nach Spiritualität und auch der Sehnsucht nach einem Geborgensein des Menschen in jeglicher Situation seines Lebens. Vielleicht spielt auch manchmal der «magische Moment» etwas mit. Aber die Segensgebete weisen ja immer wieder auf das eigene Tun und Wirken hin, auf die eigene Verantwortung, die man behält und nicht einfach abdelegieren kann.
Abt Vigeli: Es ist immer das Bedürfnis um den Beistand und den Schutz der höheren Macht unter den Menschen vorhanden, die für uns Christen der dreieinige Gott, der «Ich bin da» ist. Die Sehnsucht, von diesem Du gestärkt und beschützt zu werden und auch eine Begegnung mit ihm zu haben, kommt hier zum Ausdruck.
*Die Interviews mit Abt Christian Meyer vom Kloster Engelberg und Abt Vigeli Monn vom Kloster Disentis wurden jeweils schriftlich geführt und zu obigem Doppelinterview zusammengefügt.
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