Guido Assmann, Dompropst und Generalvikar von Köln, segnet das neue Helena-Fenster der Dombauhütte im Kölner Dom am 14. April 2026.
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«Klosterfrau Melissegeist»: Heilerin-Unternehmerin Maria Clementine Martin hat nun ein Domfenster

Die «Klosterfrau» kommt aus dem Feiern gar nicht mehr heraus. 2025 hatte Maria Clementine Martin 250. Geburtstag. Und nun werden ihre erfolgreichen Produkte – Kölnisch Wasser und Melissengeist – 200. Das Firmenimperium hat heute seinen Sitz in Baar ZG.

Alexander Brüggemann

(KNA) Sie war eine Herumgeschobene der unruhigen Geschichte zwischen dem Ende des Ancien Régime und den Befreiungskriegen gegen Napoleon. Doch sie machte das Beste daraus. Nach der Auflösung ihres Klosters musste die Ordensfrau Maria Clementine Martin sehen, wo sie blieb.

Am 23. Mai 1826, vor genau 200 Jahren, liess sie sich ins Kölner Handelsregister eintragen. Sie stellte sich klug an und begründete mit «Kölnisch Wasser» und ihrem «Ächten Spanischen Carmeliter-Melissenwasser» – bald «Klosterfrau Melissengeist» – ein Firmenimperium, das heute Hunderte Millionen Euro umsetzt. Zum Jubiläum ihres Unternehmens gab es nun sogar ein Kirchenfenster im Kölner Dom; und eine prächtige, quasi offizielle Firmenchronik.

Aus der Kleinanzeige in der «Kölnischen Zeitung» – immerhin der auflagenstärksten Zeitung der preussischen Rheinlande – vom 6. November 1825 konnte weiss Gott noch niemand lesen, was daraus einmal entstehen würde. Ein sich selbst empfehlendes echtes Kölnisch Wasser war da zu haben: «Auf der Litsch No. 1, die grosse Flasche zu sechs Silbergroschen und drei Pfennig.»

Offizierstochter aus Brüssel

Darstellung der Ordensschwester Maria Clementine Martin, Erfinderin des Arzneimittels "Klosterfrau Melissengeist", Gemälde des Künstlers Josef Benz.
Darstellung der Ordensschwester Maria Clementine Martin, Erfinderin des Arzneimittels "Klosterfrau Melissengeist", Gemälde des Künstlers Josef Benz.

In jenen Monaten lebte Maria Clementine Martin im Haus eines betagten Domkapitulars, den sie wohl pflegte. Da hatte die 50-Jährige schon ein durchaus bewegtes Leben hinter sich. Als Offizierstochter Wilhelmine Martin am 5. Mai 1775 in Brüssel geboren, zog sie 1783 mit der Familie nach Jever. Mit 17 Jahren trat sie ins Annuntiatinnenkloster in Coesfeld ein – das freilich 1803 im Zuge der Französischen Revolution aufgehoben wurde.

Auch ihr nächstes Kloster bei Gronau wurde 1811 aufgelöst; Schwester Maria Clementine blieb nun nur noch eine kleine Leibrente als Entschädigung. Ihr Weg führte sie nach Tirlemont bei Brüssel – und dann womöglich auf das Schlachtfeld von Waterloo, wo sie Verwundete der preussischen Armee gepflegt haben soll. Oder war es in einem Lazarett in der Umgebung? Jedenfalls erhielt sie vom preussischen König eine Leibrente von 160 Talern jährlich – und war damit zumindest der gröbsten Existenzsorgen ledig.

Es folgten nach eigenen, freilich nicht belegten Angaben Jahre in einem Brüsseler Karmel sowie in einem Haus des Domkapitels von Münster. Dort ermittelten die Behörden wegen Pfuscherei und Quacksalberei gegen sie. Sie selbst behauptete, sie habe im Kloster ein Heilverfahren gegen Fisteln und Krebsschäden erlernt – und wich nach Köln aus.

Trittbrettfahrer beim Etikett

In Köln schliesslich gelang ihr der Coup ihres Lebens – und das, obwohl der Markt für Kölnisch Wasser damals durchaus umkämpft war. Martin vergrösserte ihre Produktpalette und nutzte geschickt ihr Image als «Klosterfrau». Schon bald kopierten Trittbrettfahrer ihr Etikett – Markenschutz im heutigen Sinne gab es noch nicht.

Doch immerhin erwirkte sie durch Intervention beim König einen Wettbewerbsvorteil, der anderen, auch prominenten Mitbewerbern versagt blieb: Ab Ende 1829 durfte sie als einer von nur wenigen Kölner Betrieben den Preussenadler auf ihre Produkte drucken. Andere taten das freilich auch, ohne Erlaubnis. Auch sonst führte die Klosterfrau den Konkurrenzkampf mit durchaus harten Bandagen. Wiederholt verklagte sie Mitbewerber für Geschäftspraktiken, derer sie sich so oder ähnlich selbst bediente.

Ob sie sich tatsächlich auch als Verfasserin anonymer Droh- und Schmähschriften gegen die preussischen Behörden betätigte, nachdem 1837 der Kölner Erzbischof Clemens August Droste zu Vischering verhaftet und unter Hausarrest gestellt worden war, ist umstritten.

Polizeidirektor Arnold Heister hatte sie zumindest schwer in Verdacht. Tatsächlich hatte Martin in mehreren Briefen dem Publizisten Joseph Görres ihr Herz ausgeschüttet und über die Leiden der Katholiken am Rhein geklagt.

«Healthcare Group AG»

Insgesamt wird der Geschäfts- und Klosterfrau eher wenig Warmherzigkeit attestiert. Am Ende ihres Lebens hatte das Unternehmen bereits Filialen in Bonn, Aachen und Berlin. Kurz vor ihrem Tod 1843 vermachte sie die Firma ihrem ersten Gehilfen von einst und engsten Mitarbeiter, Peter Gustav Schaeben.

Maria Clementine Martin wurde auf dem Kölner Melaten-Friedhof beigesetzt, unter grosser Anteilnahme der Bevölkerung. Heute sitzt die «Klosterfrau Healthcare Group AG» in Baar, im Kanton Zug; das Firmenmotto lautet: «Wir helfen Ihnen. Seit 1826». Die Unternehmensgruppe hat rund 1700 Mitarbeiter und setzt weit über eine halbe Milliarde Euro jährlich um. Wichtigstes der rund 200 Produkte bis heute: der «Klosterfrau Melissengeist». Das Heilmittel bestehe aus 13 Heilkräutern und sei «natürlich wirksam seit 1826 bei Erkältung, innerer Unruhe, Schlafstörungen, Nervosität, Magen-Darmbeschwerden, Wetterfühligkeit und Muskelbeschwerden», schreibt die Firma.

Zum 200-jährigen Firmenjubiläum erschien dieser Tage nicht nur eine umfassende neue Firmenbiografie. Die Klosterfrau ist nun auch auf einem kriegszerstörten Kirchenfenster verewigt: ein Product Placement nach Art des Mittelalters, leicht adaptiert für das 21. Jahrhundert.

Wo einst die Handwerker der Stadt – die Tuchmacher, Böttcher, Weber, Winzer, Brauer, Zimmerer, Fleischhauer – einen Altar oder ein Fenster stifteten, das ihr Wappen und typische Werkzeuge zeigte, da ist es nun das bekannte Firmenlogo der Klosterfrau.

«Verbindung mit der Gründungsstadt»

Es ist in das rekonstruierte, gesponserte «Helena-Fenster» im Obergaden des südlichen Querschiffs integriert, gleich neben dem Gerhard-Richter-Fenster, und wurde im April gesegnet. Die Kölner Dombauhütte konnte das Fenster, einst Teil der sogenannten Welter-Fenster, die 1870/80 zur Domvollendung entstanden und zum Teil im Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, mithilfe der alten Entwürfe des 19. Jahrhunderts zeitgemäss rekonstruieren – und dann mit dem Sponsoring tatsächlich auch umsetzen.

Dies sei ein Zeichen der besonderen Verbindung mit ihrer Gründungsstadt, so das Unternehmen; und: Auch die neu gestaltete Darstellung von Heilpflanzen wie Alant, Angelika und Pomeranze in den Wappenschildern verstehe sich als Beitrag zu Erneuerung und Heilung. Ganz im Sinne der Kloster- und Geschäftsfrau Maria Clementine Martin.

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Guido Assmann, Dompropst und Generalvikar von Köln, segnet das neue Helena-Fenster der Dombauhütte im Kölner Dom am 14. April 2026. | © Alexander Brüggemann/KNA
21. Mai 2026 | 16:00
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