Grüsse vom Fasnacht- Familiengottes
Gastkommentar

Kleine Menschen ganz gross

In Zeiten, da die Welt aus den Fugen gerät, schreiben kleine Menschen grosse Geschichten. Und dies nicht nur zur Fasnachts-Zeit.

Stephan Schmid-Keiser

Kleiner Mensch ganz gross. Es gibt ihn so, und es gibt sie anders. Zur Fasnachts-Zeit besonders auffällig. Eine um die andere hat sich raus geputzt. Man pflegt galante Fröhlichkeit. Wir recken uns, um bei der grossen Menge am Strassenrand beim Umzug das eine oder andere Sujet doch noch zu ergattern. Wachsen wir alle über uns selbst hinaus? Legen die Griesgram-Miene weg und tauschen sie aus mit Schminke und Maske?

Vision einer menschlichen Welt

Für einige Stunden und Tage gewinnt Heiterkeit die Oberhand. In närrischen Zeiten hält die Vision einer menschlichen Welt Einzug in Stadt und Land. Gratis geht’s dabei nicht ab. Die kleine Plakette sei nicht zum Plagen da, sie stützt den Stutz, den diese Sache kostet. Und denke ich an Gottesdienste in diesen Tagen voller Spass, kostet es wenig, mit fröhlichem Gefühl vor Gott zu treten – für dieses Mal gebührenfrei – getragen auch hier von Gedenken an die schon Heimgegangenen, Verunfallten oder jäh aus dem Leben Gerissenen.

Wie geht dieses Miteinander? Wie es scheint vor allem in überschaubaren Gruppen. So wie sich Jesus von einer grossen Menschenmenge bedrängt sieht, kann er nicht anders als sich auf die nächste Anhöhe zurückziehen (Mt 5, 1-12). Denn auch Jesus ist meist allein unterwegs mit einer kleinen Gruppe.

Nähe in einer Gruppe

Auch er überblickt lediglich jene, die mit ihm als kleine Gruppe durch das Land ziehen. Es geht ihm wie uns. Wir schätzen die Nähe in einer Gruppe. Wie in der Arbeitswelt nicht anders, wo Teams zusammenarbeiten. Hier nun hängt Jesus seine Worte nicht an die grosse Glocke. Es gibt keinen Umzug mit viel Klamauk und auch keine Moral-Keule. Mit Händen zu greifen ist dieser Beginn von etwas, was sich später zur Kirche entwickelte und zu unterschiedlichsten Gemeinschaften heranwuchs.

Skulptur
Skulptur

Am Beginn dieses Prozesses nimmt Jesus seine Leute zur Seite und schult sie. Es ist die kleine Gruppe von Menschen, die sich einmal an diese Momente zurückerinnern wird, wo Jesus die Kleinen im Land, die nach Gerechtigkeit hungern, auf ihre eigenen Füsse stellt. Kleine Menschen finden derart zu sich selbst.

Jesus das Gesetz des Handelns

Und sichtbar wird, wie Jesus das Gesetz des Handelns nicht selbst bestimmen kann. Er lebt der Vision nach, die Gott von der Welt hat und verneigt sich nicht vor der Macht des Bösen. Auf diese Weise setzt er neue Mass-Stäbe – nicht als Trostpflaster über die raue Wirklichkeit, vielmehr als Segen ist es gemeint: Du darfst dich gesegnet wissen durch deinen Einsatz für die Förderung des Lebens, wo du lebst und wirkst, darfst Glück und Trost, Land und Erbarmen finden – du, der du arm bist, trauerst, einen gewaltlosen Weg zu gehen suchst, barmherzig bist, Frieden stiftest und selbst Verfolgung auf dich nimmst.

Kleiner Mensch ganz gross. Kleine Gruppen mit grosser Wirkung. Wen freut’s nicht in fastnächtlicher Zeit? Hier einer fröhlichen Gruppe, dort einem Sujet zu begegnen, und sich berühren zu lassen vom heiter-gelassenen Dasein? Die närrischen Zeiten helfen kleinen Revolutionen auf den Sprung. Wir sehen die Welt anders. Blicken mit anderen Augen wie in eine andere Zeit.

Vor der Fastenzeit ein grosses Schauspiel

Jedes Jahr – vor jeder Fastenzeit ein grosses Schauspiel. Keiner unter uns wird darüber vergessen wollen, was wirklich und unbedingt uns alle angeht. Kein Mensch soll auf die Verlierer-Strasse abgeschoben werden – wie in diesen Monaten im kalt gewordenen Amerika oder unweit von hier im Krieg gegen die Ukraine.

Wenn es dort der Grössenwahn der Präsidenten doch schaffte, die umstürzenden Selig-Preisungen und Segensworte zu hören, welche andere Massstäbe in der Geschichte der Menschheit setzten! Hätten sie doch die Gnade, einem Harvey Cox zu folgen, dem wir ein Buch verdanken mit dem Titel Das Fest der Narren. Das Gelächter ist der Hoffnung letzte Waffe. Könnten wir doch unter Menschen wieder herzhaft lachen!

Prophetisches Wort für heute

Kleine Menschen ganz gross, Dies wäre ein prophetisches Wort für heute. Nach aller Erfahrung, durch die bereits im Alten Israel die Menschen gehen mussten, als zur Zeit des kleinen Propheten Zefanja das unterste Volk gedemütigt wurde, das Nordreich in die Verbannung geführt und im Südreich die Stadt Jerusalem in Flammen stand (Zefanja 2, 1-3; 3,12-13).

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Dort lebte der kleine Rest vom Volk Gottes, das bewahrt blieb. Mit den Kleinen und Verachteten, den Unbedeutenden und Abgeschobenen wollte diese Gottheit immer wieder einen Anfang setzen. Malten wir uns davon ein anderes Bild von Gott als jenes, welches uns die Mächtigen dieser Zeit vorgaukeln? Stachelten uns nicht schon Worte von Friedrich Nietzsche dazu an: «Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde»? Der graue Alltag erhielte über die Fasnachtszeit hinaus ein farbenfrohes Kleid. Kleiner Mensch – ganz gross.


Grüsse vom Fasnacht- Familiengottes | © Schmid-Keiser
14. Februar 2026 | 12:00
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