Online-Austausch über Erfahrungen mit dem Assessment: oben Forensiker Jerome Endrass, Kandidatin Christa Wandeler-Wey, unten die Ausbildungsverantwortlichen Kathrin Kaufmann-Lang (l.) und Daniel Krieg (r.) - sowie kath.ch-Redaktorin Regula Pfeifer
Schweiz

Assessments in Kirche: Starker Narzissmus ist Risikofaktor

Im Kampf gegen sexuellen Missbrauch haben die Schweizer Bistümer letztes Jahr erstmals Assessments durchgeführt. Diese bestanden einige Personen mit starken Persönlichkeitsdefiziten nicht, wie der Forensiker Jérôme Endrass sagt. Denn Seelsorgende müssen Verantwortung gegenüber vulnerablen Personen übernehmen können. Gegenüber kath.ch betonen die Beteiligten aus Forensik, Regentie und Geprüften die positiven Seiten der Tests.

Regula Pfeifer

«Die Kirche ist kein Sammelbecken, das spezifisch Leute anziehen würde, die sexuell auffälliges Verhalten zeigen.» Das stellt Jérôme Endrass im Online-Gruppengespräch über die Erfahrungen mit den Assessments in der Kirche klar. Der Forensiker und sein Team haben das Assessment für die katholische Kirche entwickelt und durchgeführt. Endrass ist Forschungsleiter im Zürcher Justizvollzug und leitet die Arbeitsgruppe für Forensische Psychologie an der Uni Konstanz.

Leichtere Wege zu potenziellen Opfern

«Ich arbeite seit über zwanzig Jahren mit Gewalt- und Sexualstraftätern. In der Zeit habe ich noch keinen einzigen Pädophilen gesehen, der gezielt Theologie studiert hat, um Zugang zu potenziellen Opfern zu erhalten», so Endrass. Da gebe es leichtere Wege. In Vereinen etwa kämen potenzielle Straftäter viel schneller an mögliche Opfer.

Forensiker Jérôme Endrass
Forensiker Jérôme Endrass

Als Massnahme gegen potenziellen Missbrauch in der Kirche haben die Schweizer Bistümer letztes Jahr erstmals 72 Assessments bei angehenden Seelsorgenden durchgeführt, 60 davon in deutscher Sprache. Nach einem ersten schriftlichen Test wurden die Kandidierenden zu zwei Assessment-Gesprächen geladen – einem kompetenzorientierten, bei dem es um ihre Fähigkeiten für den künftigen Beruf ging. Und einen forensisch-psychologischen, bei dem potenzielle Risiken für destruktives Verhalten abgeklärt wurden, wie Endrass sagt.

Risiken für destruktives Verhalten

Wie viele der Kandidierenden bei diesen Tests durchfielen, gab die Schweizer Bischofskonferenz in der Mitteilung Anfang Jahr nicht bekannt. Die Ausbildungszuständigen der Bistümer Basel und Chur hielten sich im Online-Gespräch an dieses Auskunftsverbot. «Wir geben dazu keine Zahlen heraus, weil das Sample zu klein ist», sagt Kathrin Kaufmann-Lang, Mitglied der Regentie des Bistums Basel. «Bei einer Gruppe, die miteinander unterwegs ist, lässt das Rückschlüsse zu.»

Kathrin Kaufmann-Lang, Ausbildungsleiterin im Bistum Basel
Kathrin Kaufmann-Lang, Ausbildungsleiterin im Bistum Basel

Forensik beurteilt Zölibat differenziert

In den Assessments wurde nach destruktiven Verhaltensweisen und Einstellungen gesucht. Dabei könne der medial viel diskutierte Zölibat bei vulnerablen Personen das Risiko für destruktives Verhalten erhöhen, sagt Endrass. Und da sei es richtig, genau hinzuschauen. Aber die Forensik beurteile den Zölibat nicht als allgemeinen Risikofaktor. Die weit überwiegende Mehrheit zölibatär lebender Menschen könne damit so umgehen, dass es nicht zu einer Gefährdung Dritter kommt.

Darum betrachte die Forensik die Herausforderungen, die mit dem zölibatären Leben einhergehen, auch viel differenzierter. Im Kern geht es laut Endrass primär darum, die Fähigkeit der professionellen Beziehungsgestaltung eines Kandidaten, einer Kandidatin zu beurteilen sowie das Wissen um das Rollenverständnis in einem anspruchsvollen psychosozialen Beruf.

«Die Frage des sexuellen Missbrauchs stand nicht so stark im Vordergrund, wie man den Eindruck gewinnen könnte aufgrund der Aufarbeitungen rund um den Missbrauchsskandal.»

Forensiker Jérôme Endrass

Bei den Assessments stand «die Frage des sexuellen Missbrauchs nicht so stark im Vordergrund, wie man den Eindruck gewinnen könnte aufgrund der Aufarbeitungen rund um den Missbrauchsskandal», sagt Jérôme Endrass. Er weist darauf hin, dass rund 90 Prozent der Prüfungsteilnehmenden einen «anderen Lebensentwurf» hatten. Nur rund zehn Prozent waren demnach angehende Priester.

Verantwortung für vulnerable Menschen

Bei jenen Personen, die das Auswahlverfahren nicht bestanden, standen andere Defizite oder Risikomerkmale im Vordergrund, wie Endrass sagt. Dabei sei nach Persönlichkeitseigenschaften gesucht worden, die es Menschen erschweren, mit anderen Menschen zusammenzuarbeiten. Dazu gehörten etwa «stark narzistische Persönlichkeitsstrukturen».

Problematisch seien auch Menschen, sagt der Forensiker, «die extrem misstrauisch oder sehr impulsiv reagierten oder eine Kombination aus beidem. Oder Menschen, die die Tendenz haben, Macht ausüben zu wollen. Oder die extrem rigid sind in ihren Auffassungen.» Solche Persönlichkeitszüge würden sich «stark mit der Aufgabe beissen, dass man Verantwortung für andere übernehmen muss, insbesondere vulnerable Menschen.»

Gefährder können sich verstellen

Können sich Gefährder verstellen, so dass die Fachleute das Gefahrenpotential nicht erkennen, geht die Frage an Endrass. «Ja, das ist möglich, wenn jemand eine hohe kriminelle Energie hat.» Die psychologischen Fachleute suchten nach Auffälligkeiten und plausiblisierten diese aufgrund des Lebensweges und weiterer Aussagen der betreffenden Person. Doch es bleibe dabei: «Wir können nicht in die Leute reingucken.»

Am Krankenbett: Ein Spitalseelsorger spricht mit einer Patientin.
Am Krankenbett: Ein Spitalseelsorger spricht mit einer Patientin.

Die Personen, die beim Assessment aufgefallen sind, wären auch bei einem entsprechenden Assessment für angehende Sozialarbeiterinnen oder Psychotherapeuten durchgefallen, ist der Experte überzeugt. Nur dass andere Stellen nicht so konsequent Assessments in die Rekrutierung einbauten, wie das die katholische Kirche aktuell tut.

Die psychologischen Fachpersonen, welche die Assessments durchführen, senden ihre Feststellungen mit einer Empfehlung an die Ausbildungsstellen der Bistümer, die sogenannten Regentien. Und diese entscheiden darüber, ob die geprüfte Person bestanden hat oder nicht. Eine Kommission steht ihnen bei unklaren Fällen beratend zur Seite. 

Eine Arbeitsgrundlage

Die Ausbildungsverantwortlichen heben die positiven Seiten der Assessments hervor. «Die Assessments sind eine Arbeitsgrundlage», sagt Kathrin Kaufmann-Lang von der Regentie Basel. «Sie stützen uns in einer Annahme. Und sie machen auf Dinge aufmerksam, die wir vielleicht nicht gesehen haben.» Auch Regens Daniel Krieg vom Bistum Chur beurteilt die Assessments als «hilfreich». Er sagt: «Bei Leuten, die ich schon länger kenne und begleiten darf, finde ich vieles bestätigt, was ich auch wahrnehme.» Und bei jenen, die er weniger kenne, sei es noch hilfreicher.

Besonders konstruktiv finden die Ausbildungsverantwortlichen die Entwicklungsempfehlungen, die in den Assessments notiert sind. Das seien oft «ganz praktische Hinweise», die den Betreffenden weiterhelfen würden, sich persönlich zu entwickeln. Sie habe erfahren, dass die Geprüften die Anregungen ernst nähmen und daran arbeiten würden, sagt Kaufmann.

Hilfreiche Entwicklungsempfehlungen

Das sagt auch Christa Wandeler-Wey im Online-Gespräch, die das Assessment positiv erlebt hat. «Ich kann mir gut vorstellen, dass ich die Empfehlungen aus eigenem Interesse heraus dann in der Berufseinführung mit der verantwortlichen Person bespreche.» Wandeler-Wey hat 15 Jahre Erfahrung in kirchlicher Tätigkeit, im Bereich Katechese. Darunter auch als Fachleiterin Katechese eines Pastoralraums. Über einen bischöflichen Studiengang – mit Studium an der Universität Luzern – erhält sie ein kirchliches Diplom und kann nach anschliessender Berufseinführung später als Seelsorgerin tätig sein.

Christa Wandeler-Wey hat das Assessment positiv erlebt.
Christa Wandeler-Wey hat das Assessment positiv erlebt.

Sie habe durch die Assessments «eine grosse Bestätigung erfahren», sagt Wandeler-Wey. «Es war überraschend, wie gut diese Gesprächsresultate meine Persönlichkeit getroffen haben.» Durch die Resultate habe sie sich «letztlich bestärkt gefühlt». Es sei auch in ihrem Interesse zu erfahren, dass sie das Potential und die Ressourcen mitbringe für ihren Wunsch in die Seelsorge zu gehen. Das Assessment sei für sie «ein grosses Geschenk», betont sie. Ohne diese Gelegenheit der Einschätzung hätte sie ein teures, professionelles Coaching in Anspruch nehmen müssen, um ihre Eignung für den neuen Beruf abzuklären.

Geschützter Gesprächsrahmen

Wandeler-Wey schätzte an den Assessments den garantierten Schutzraum, den sie in den Gesprächen erlebte. «Wenn die Fragen intime Bereiche betrafen, habe ich mich geschützt gefühlt, weil es eine psychologische Fachperson war, die mir die Frage stellte.» Insofern habe sie die Fragen nie als übergriffig erlebt.  

Auch die Transparenz zum ganzen Assessmentverfahren schätzte sie. Insbesondere wusste sie, dass keine intimen Details über sie weitergegeben würden – ausser im Fall eines potenziellen Risikos.

«Die Kirche hat im psychosozialen Bereich jetzt eine Vorreiterrolle.»

Forensiker Jérôme Endrass

Die katholische Kirche habe sich offen und konfliktfrei gezeigt gegenüber den Assessments, lobt Endrass zum Schluss. «Die Kirche hat im psychosozialen Bereich jetzt eine Vorreiterrolle.» Er geht davon aus, dass viele weitere Berufsbereiche mit ähnlichen Assessments nachziehen werden. Wobei in anderen Bereichen – etwa bei der Rekrutierung in Armee oder Justiz – solche Verfahren bereits etabliert sind.

Daniel Krieg, Regens im Bistum Chur
Daniel Krieg, Regens im Bistum Chur

Die Resultate der Assessments interessieren kirchliche Arbeitgebende, wie bei kath.ch bereits zu lesen war. Der Umgang mit den Daten ist allerdings heikel, sind sich die Beteiligten einig. Dies aus datenschutzrechtlichen Gründen. Über bestandene Assessments im Ausbildungskontext könne Auskunft gegeben werden, über nicht bestandene nicht, sagt Endrass. Er kennt dieses Vorgehen bei den Staatsanwälten, deren Wählbarkeit eruiert werden muss.

Heikle Auskunftsfrage

Die Auskunftsfrage sei «systemisch schwierig», sagt Daniel Krieg, Regens des Bistums Chur. Denn vor allem die kirchlichen Körperschaften würden die kirchlichen Mitarbeitenden anstellen. «Wir würden von Bistumsseite her keine Empfehlung für eine Anstellung geben, falls die Person das Assessment nicht bestanden hat». Und sie würden die Person auch nicht aktiv vermitteln. «Wenn sich aber jemand eigenhändig auf eine offene Stelle bewirbt, liegt es an der anstellenden Behörde, Referenzen einzuholen», so Krieg. Das bedeute auch, beim Bistum entsprechend nachzufragen, das zu einem bestandenen Assessment Auskunft geben kann. Und bei Unklarheiten sollte die Anstellungsbehörde selbst ein Assessment in Auftrag geben, fügt Endrass an.

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Online-Austausch über Erfahrungen mit dem Assessment: oben Forensiker Jerome Endrass, Kandidatin Christa Wandeler-Wey, unten die Ausbildungsverantwortlichen Kathrin Kaufmann-Lang (l.) und Daniel Krieg (r.) – sowie kath.ch-Redaktorin Regula Pfeifer
3. März 2026 | 17:00
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