Schweiz

Katholische Kirche Bern zur Corona-Million: «Haben schnell und zielgerichtet gehandelt»

Innerhalb von sieben Tagen hat die katholische Kirche der Region Bern im Lockdown 2020 eine Million Franken Corona-Hilfe bewilligt. Rund ein Jahr später ziehen die Verantwortlichen in Anwesenheit von Diözesanbischof Felix Gmür eine positive Bilanz.

Ein berührend-surreales Erlebnis hat Verantwortliche der katholischen Kirche in Bern betroffen gemacht und den Anstoss zu einem Millionen-Hilfspaket gegeben: Im März 2020 hatte eine psychisch angeschlagene Frau in der menschenleeren Berner Marktgasse ein Tram angeschrien. «Hier hatte ein notleidender Mensch nur noch ein Tram zum Dampfablassen vor sich», kommentierte Karl-Martin Wyss, Präsident des Kleinen Kirchenrates (Exekutive), an einer Medienorientierung heute Mittwoch in Bern.

Erste Hilfsbeiträge nach einer Woche ausbezahlt

Bereits vier Stunden später hätten Verantwortliche der Kirche über Nothilfe beraten. 48 Stunden später sei ein professionelles Konzept auf dem Tisch gewesen, innert Wochenfrist habe man das Geschäft im Kleinen Kirchenrat einstimmig verabschiedet. Sieben Tage später seien die ersten Hilfsbeträge ausbezahlt worden. «Der zeitliche Ablauf zeigt, dass die katholische Kirche der Region Bern rasch und zielgerichtet gehandelt hat», hielt Wyss fest. Durch umsichtigen Umgang mit den Finanzen in den Jahren zuvor sei es möglich geworden, eine solche Summe zur Verfügung zu stellen.

Gemäss Mathias Arbogast von der Fachstelle Sozialarbeit Katholische Kirche Region Bern identifizierte man sechs Zielgruppen mit Hilfsbedarf: Menschen auf der Strasse, Sexarbeiterinnen, Sans-Papiers, Jugendliche, belastete Familien sowie Menschen in akuten Krisensituationen.

Angehörige dieser Gruppen erhielten Hilfe und Unterstützung in drei Bereichen. So bei der Grundversorgung, ausserdem konnte die Kirche helfen, bestehende Hilfsstrukturen aufrecht zu erhalten – oder neue, pandemiespezifische Strukturen aufzubauen.

«Bei der katholischen Kirche Bern konnten wir sozusagen von heute auf morgen Gelder beantragen.»

Nicole Joerg Ratter, Trägerverein toj

In der Praxis unterstützte die katholische Kirche unter anderem etablierte Hilfsangebote finanziell. So etwa die aufsuchende Jugendarbeit. «Um die Jugendlichen während der Pandemie zu erreichen, benötigten wir zusätzliches Personal, welches die Kirche finanzierte», sagte Nicole Joerg Ratter, Geschäftsleiterin des Trägervereins für die offene Jugendarbeit der Stadt Bern (toj). «Bei der katholischen Kirche Bern konnten wir unbürokratisch, sozusagen von heute auf morgen, Gelder beantragen, um auf die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in der Pandemie rasch reagieren zu können.» Die Zusammenarbeit mit der Kirche habe man als sehr positiv erlebt.

Eine Million Menschen unter Armutsgrenze

Einleitend hatte Bischof Felix Gmür darauf hingewiesen, dass in der Schweiz über eine Million Menschen unter der Armutsgrenze lebten. Nach Angaben von Caritas Schweiz seien das Menschen, deren Einkommen unter 2279 Franken liege. «Armut kann bedeuten, dass man lange keine Arbeit findet und ausgesteuert wird. Oder dass man trotz Schmerzen nicht zum Arzt geht, um Kosten zu sparen.»

Diakonie, also Hilfeleistung an Notleidenden, sei ein wichtiger Pfeiler der kirchlichen Mission. «Als Bischof bin ich der katholischen Kirche der Region Bern dankbar, dass sie während der Corona-Krise rasch und wirkungsvoll Hilfe geleistet hat», so Gmür weiter.

Von hier aus wurden während des Lockdowns Mahlzeiten an bedürftige Gäste ausgeliefert - das Restaurant 44 in Bern.

Die Medienorientierung fand in einem Restaurant statt, welches in der Zeit des Lockdowns eine wichtige Rolle für die kirchliche Nothilfe gespielt hatte: dem Restaurant 44 des Vereins Wohnenbern. Von hier aus seien Tausende von warmen Mahlzeiten an Menschen mit drohender Obdachlosigkeit verteilt worden. Dies seien oftmals Menschen mit psychischen Einschränkungen oder auch Suchterkrankungen.

Ein Viertel des Budgets für soziale Aufgaben

Auch schon vor Corona hat sich die katholische Kirche im sozialen Bereich stark finanziell engagiert. Ein Viertel des Budgets fliesst nach eigenen Angaben regelmässig in soziale Aufgaben. Im Jahr 2020 waren es acht Millionen Franken.

Der Grosse Kirchenrat wird demnächst über ein Nachfolgeprojekt nach der Corona-Million entscheiden: Ein Projekt zur Förderung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen soll diese in der Berufsintegration unterstützen. (uab)


Bischof Felix Gmür und der Präsident des Kleinen Kirchenrates (Exekutive), Karl Martin Wyss. | © Ueli Abt
23. Juni 2021 | 16:26
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