Kardinal Müller kritisiert Fiducia Supplicans: «Was ein Paar ausmacht, ist die sexuelle Beziehung, die es verbindet»
Gerhard Ludwig Kardinal Müller, ehemaliger Präfekt das Dikasteriums für die Glaubenslehre, hat erneut «Fiducia Supplicans» kritisiert. Die Einführung von unterschiedlichen Segnungen entspreche nicht der Heiligen Schrift. Zudem sei jeder Segen eines Priesters ein liturgischer Akt. Davon abgesehen attestiert Müller Paarbeziehungen in erster Linie eine sexuelle Dimension.
Wolfgang Holz
«Bestätigt Fiducia Supplicans Ketzerei?» Diese Frage stellt Kardinal Müller in seinem auf Englisch erschienenen Aufsatz, der jüngst in «First Things» erschien. «First Things» ist eine amerikanische Monatszeitschrift, die sich aus einer ökumenischen Perspektive mit Politik, Religion und Kultur befasst und dabei politisch konservative Standpunkte vertritt.
Unverheiratete und gleichgeschlechtliche Paare segnen
«Fiducia supplicans» (»Das flehende Vertrauen») erlaubt seit Dezember 2023 katholischen Priestern, Paare zu segnen, die gemäss der kirchlichen Lehre nicht als verheiratet gelten – einschliesslich gleichgeschlechtlicher Paare. Voraussetzung: der Segen wird nicht im Rahmen einer liturgischen Feier erteilt.
Der konservative Kardinal Müller stellt sich deshalb die Frage: Enthält diese jüngste Erklärung des Vatikans Lehren, die dem göttlichen und katholischen Glauben widersprechen? Er findet: ja.
«Durch Segnung wird katholische Lehre in der Praxis geleugnet»
«In Wirklichkeit besteht die Kritik besorgter Bischöfe nicht darin, dass die Erklärung die Lehren der Kirche zu Ehe und Sexualität ausdrücklich leugnet», schreibt er. «Vielmehr wird kritisiert, dass durch die Segnung von Paaren, die ausserehelichen Geschlechtsverkehr haben, insbesondere von gleichgeschlechtlichen Paaren, die katholische Lehre in der Praxis, wenn nicht sogar in Worten, geleugnet wird.»
Diese Kritik basiere auf einem soliden traditionellen Prinzip: lex orandi, lex credendi – dem Prinzip, dass die Art und Weise, wie die Kirche bete, widerspiegele, was die Kirche glaube. Im Katechismus heisse es: «Wenn die Kirche die Sakramente feiert, bekennt sie den von den Aposteln empfangenen Glauben.»
Pastoraler und nicht liturgischer Segen
Die Frage sei also, so Kardinal Müller, ob die Annahme der von Fiducia Supplicans für Paare in irregulären Situationen vorgeschlagenen «pastoralen» und nicht liturgischen «Segen» in der Praxis eine Ablehnung der katholischen Lehre bedeute.
«Fiducia Supplicans argumentiere, dass diese neuen «pastoralen Segen» für Paare in irregulären Situationen keinen liturgischen Charakter haben», so der Theologe. «Nun ist diese Unterscheidung zwischen Segnungen eine Neuheit, die Fiducia Supplicans einführt und die nicht die geringste Grundlage in der Heiligen Schrift, den Heiligen Vätern oder dem Lehramt hat.»
Segnender Priester: automatisch ein liturgischer Akt
Fiducia Supplicans behaupte auch, so Müller, dass «pastorale Segnungen» nicht liturgisch seien. «Dennoch haben sie eine liturgische Struktur. Denn das Liturgische im Christentum werde nicht wie in anderen Religionen an Gegenständen, Gewändern oder Altären gemessen.
Die Tatsache, dass es ein Priester sei, der Christus vertritt, und der diesen «seelsorgerischen Segen» erteile, mache ihn automatisch zu einem liturgischen Akt, «bei dem die Autorität Christi und der Kirche auf dem Spiel steht», verficht der konservative Theologe. Das Zweite Vatikanische Konzil betone gerade die untrennbare Verbindung aller Handlungen des Priesters mit der Liturgie.
Segnen heisst «sagen, dass etwas gut ist»
Darüber hinaus impliziere jeder Segen, unabhängig von seiner Feierlichkeit, die Zustimmung zu dem, was gesegnet wird. Kardinal Müller wörtlich: «Das lehrt die ständige Überlieferung der Kirche, die sich auf die Heilige Schrift stützt. Tatsächlich ist das griechische Wort, das im Neuen Testament für «Segen» verwendet wird, eulogein, was wie das lateinische benedicere wörtlich «sagen, dass etwas gut ist» bedeutet.»
Etwas segnen bedeute in der Heiligen Schrift nicht nur, es für gut zu erklären, sondern auch zu sagen, dass es gut sei, weil es vom Schöpfer kommt. Der Segen richte sich an Gottes Schöpfung, die er als sehr gut ansah, damit Gott selbst sie zur Reife und Fülle bringen könne, schreibt der Kardinal in seinem Aufsatz.
«Homosexuelle Verbindungen widersprechen Schöpfungsordnung»
«Aus diesem Grund kann ein Segen nicht für Beziehungen oder Situationen erbeten werden, die der Schöpfungsordnung widersprechen oder sie ablehnen, wie zum Beispiel auf homosexueller Praxis basierende Verbindungen, die der heilige Paulus als Folge der Leugnung des Plans des Schöpfers ansieht (Röm 1,21–27). Dieses Bedürfnis, im Einklang mit der Schöpfungsordnung zu sein, gilt für jede Art von Segen, unabhängig von seiner Feierlichkeit.»
Angesichts der Unmöglichkeit, zwischen liturgischen und pastoralen Segnungen zu unterscheiden, müsse man daher zu dem Schluss kommen, dass Fiducia Supplicans nicht nur doktrinär problematisch ist – egal, wie sehr sie die katholische Lehre in Worten bekräftige.
Korrektur von Fiducia Supplicans gefordert
Kardinal Müller fordert deshalb: Fiducia Supplicans müsse grundsätzlich korrigiert werden. Es müsse klargestellt werden, dass der Segen nicht dem Paar, sondern nur jeder Person einzeln gegeben werden könne. Andernfalls würde man Aussagen billigen, die im Widerspruch zur Lehre der katholischen Kirche stehen und, ohne an sich ketzerisch zu sein, zur Häresie führen.
«Die anderen Aspekte ihres Lebens als Paar sind nicht das, was sie als Paar ausmacht.»
Gerhard Ludwig Kardinal Müller
«Denn, was das Paar als solches weiterhin ausmacht, ist die sexuelle Beziehung, die es verbindet. Die anderen Aspekte ihres Lebens als Paar sind nicht das, was sie als Paar ausmacht, noch gelingt es all diesen Aspekten, den sexuellen Lebensstil, der sie zu einem Paar macht, wiederherzustellen.»
Eine Paarbeziehung wird also von Kardinal Müller vor allem auf das Sexuelle reduziert und betrachtet die zutiefst emotional-menschliche Dimension einer partnerschaftlichen Verbindung als sekundär.
«Segnungen für irreguläre Verbindungen nicht annehmbar»
Kardinal Müller resümiert: «Dies bedeutet, dass diese pastoralen Segnungen für irreguläre Verbindungen von den katholischen Gläubigen nicht angenommen werden können, und insbesondere von denen, die bei der Übernahme eines kirchlichen Amtes das Glaubensbekenntnis und den Treueeid abgelegt haben, der in erster Linie die Wahrung der Treue erfordert, das Depot des Glaubens in seiner Gesamtheit.»
*Gerhard Ludwig Kardinal Müller ist ein deutscher Theologe, Erzbischof und Kardinal. Er war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und von 2012 bis 2017 Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre.
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