Kardinal Jean-Claude Hollerich.
Story der Woche

Kardinal Hollerich: «Bin dafür, dass Frauen sich in Kirche voll gleichberechtigt fühlen»

Papst Franziskus hat schon einiges im Kirchenrecht geändert. Kardinal Jean-Claude Hollerich denkt aber nicht, dass der jetzige Papst das Frauenpriestertum einführen wird. Denn es braucht eine tragbare Mehrheit. Kardinal Hollerich hat schon berufene Frauen kennengelernt – und glaubt ihnen.

Jacqueline Straub

Sie sind Generalrelator bei der Weltsynode. Welchen Eindruck haben Sie von der Schweizer Delegation?

Kardinal Jean-Claude Hollerich*: Einen sehr guten. Die Schweiz und Luxemburg stehen sich sehr nahe. Mit Helena Jeppesen-Spuhler habe ich mich oft unterhalten und Bischof Felix Gmür kenne ich noch aus der «Baby-Bischofsschule» in Rom.

Helena Jeppesen-Spuhler und eine Ordensfrau stimmen zusammen mit Bischöfen und Kardinälen über das Abschlussdokument ab.
Helena Jeppesen-Spuhler und eine Ordensfrau stimmen zusammen mit Bischöfen und Kardinälen über das Abschlussdokument ab.

Für jene, die noch nie etwas von einer «Baby-Bischofsschule» gehört haben, was ist das?

Hollerich: Alle neugeweihten Bischöfe reisen für eine Woche nach Rom und werden auf das künftige Amt vorbereitet.

Der Synodale Prozess beschäftigt sich auch mit der Rolle der Frau – zumindest wurde es von unzähligen Katholikinnen und Katholiken zum Thema gemacht. Bislang ist es so: Frauen dienen und Männer regieren. Ist das der vorgesehene Platz der Frauen?

Hollerich: Nein, ganz klar nein. Die Taufe der Frauen ist nicht minder als die Taufe für die Männer. Ich sitze hier vor dem Bild der Samariterin. Sie war die erste Person, die das Evangelium verkündet hat. Sie hat verkündet, dass Christus der Messias ist. Ich bin dafür, dass Frauen sich in der Kirche voll gleichberechtigt fühlen. Und wir werden auch darauf hinarbeiten. Ich weiss nicht, ob das die Priesterweihe unbedingt mit einschliessen muss. Man darf nicht alles nur an das Priestertum anbinden. Das wäre eine Klerikalisierung. Dem müssen wir entgegenwirken.

Jesus und die Samariterin
Jesus und die Samariterin

Und wie machen Sie das?

Hollerich: Die Würde der Taufe muss betont werden. Und die Getauften müssen in einer synodalen Kirche mehr Mitspracherecht haben.

Wie wollen Sie die volle Gleichberechtigung der Geschlechter in der katholischen Kirche umsetzen?

Hollerich: Die volle Gleichberechtigung gibt es auch noch nicht beim Staat. Aber wir haben in der Kirche mehr aufzuholen als in der Gesellschaft.

Bei der Weltsynode im Oktober 2023 sassen die Teilnehmenden um runde Tische.
Bei der Weltsynode im Oktober 2023 sassen die Teilnehmenden um runde Tische.

Muss die Kirche nicht Vorbild sein für die Gesellschaft?

Hollerich: Das wäre schön. Das ist nicht immer so. Die Kirche lebt ja auch in Gesellschaften. Das habe ich bei der Synode gelernt. Das Kulturelle ist verschieden. Wir müssen eine neue Diversität in der Einheit finden.

Wie sehen Sie Ihre Rolle beim synodalen Prozess der Weltkirche?

Hollerich: Ich muss sehr gut zuhören, was das Volk Gottes sagt. Und ich muss dafür eintreten. Das heisst jetzt nicht, dass alles sofort verwirklicht werden kann. Ich muss eben auch für Kompromisse sorgen, damit es eine tragbare Mehrheit gibt.

«Ich glaube, dass wir auf den Heiligen Geist hören müssen.»

Wären denn dezentrale Lösungen nicht einfacher?

Hollerich: Das wird etwa beim Frauenpriestertum schwer sein. Ich glaube, bei solchen Fragen brauchen wir einen Konsens. Beim Thema Liturgie kann ich mir das gut vorstellen, zumal es kulturelle Versionen gibt.

Und wie können wir in grossen Fragen dennoch dezentrale Lösungen finden?

Hollerich: Ich glaube nicht, dass wir da Kirchenpolitik machen müssen. Ich glaube, dass wir auf den Heiligen Geist hören müssen. Die meisten Bischöfe tun das ja auch. Für einige ist die Art und Weise aber neu. So wie ich das sehe, sind die meisten Bischöfe für eine grössere Rolle der Frau in der Kirche.

Frauen demonstrierten für Gleichberechtigung in Rom
Frauen demonstrierten für Gleichberechtigung in Rom

Zu Beginn der Synode haben Frauen für Gleichberechtigung in der katholischen Kirche demonstriert. Wie hat das auf Sie gewirkt?

Hollerich: Ich glaube nicht, dass Demonstrationen das richtige Mittel ist, um etwas zu verändern. Das würde dann zu einer Polarisierung und schlussendlich zum Tod der Kirche führen.

Sie haben gesagt, dass es ein Hören auf den Heiligen Geist braucht. Denken Sie, dass gewisse Strukturen und Anpassungen zurückgeschraubt werden müssten?

Hollerich: Wir dürfen nicht die Welt als eine Bedrohung empfinden. Ich glaube, dass der Geist Gottes in der Welt wirkt. Und ich muss entdecken – durch die Unterscheidung der Geister –, wo in der Gesellschaft der Geist am Wirken ist.

Christus erscheint Maria Magdalena am Ostermorgen von Rubens und Breughel der Jüngere
Christus erscheint Maria Magdalena am Ostermorgen von Rubens und Breughel der Jüngere

Die Bibel zeigt einen gleichberechtigten Umgang Jesu mit dem Frauen. Er diskutierte mit den Frauen auf Augenhöhe. Sie waren theologische Ratgeberinnen für ihn. Maria Magdalena wurde zur Apostelin der Apostel. Denken Sie, dass dieses Verhalten von Jesus gegenüber den Frauen eigentlich ein Grund für die Ordination der Frauen wäre zum priesterlichen Dienst?

Hollerich: Ob sich Jesus wirklich von Menschen beraten liess, egal von Männern oder Frauen, das bleibt dahingestellt. Jesus ist ja Gott. Es ist jedoch klar, dass er sich in der Gesellschaft von Frauen wohlfühlte. Und auch der Papst tut das.

«Es kann geändert werden.»

Denken Sie, dass Papst Franziskus das Frauenpriestertum einführen wird?

Hollerich: Das ist sehr schwer zu sagen. Der Papst ist ja manchmal für Überraschungen gut. Aber an sich würde ich eher sagen Nein. Kurz vor der Synode gab es eine «Dubia» von ein paar Kardinälen. Sie fragten, ob die Ablehnung des Priestertums der Frau von Johannes Paul II. für die Kirche bindend sei. Franziskus antwortete sehr weise: Sie ist bindend, aber nicht für immer. Und er hat auch gesagt, dass die Theologie das weiter diskutieren müsse.

Was heisst das konkret?

Hollerich: Das heisst, es ist keine unfehlbare Lehrentscheidung. Es kann geändert werden. Es braucht Argumente und Zeit.

Priester feiert Eucharistie.
Priester feiert Eucharistie.

Die theologisch fundierten Argumente gibt es ja schon seit den 70er-Jahren.

Hollerich: Aber sie müssen dann im Gesamtkontext von Ekklesiologie diskutiert werden.

Das findet ja schon statt.

Hollerich: Ja, aber es muss mehr diskutiert werden. Sonst besteht die Gefahr, dass es als etwas gesehen wird, was von liberalen Katholiken durchgeboxt werden will. Es braucht Taktgefühl und Geduld, wenn man wirkliche Lösungen haben möchte.

Bis heute dürfen einer Eucharistiefeier nur geweihte Männer vorstehen. Könnten Sie sich vorstellen, dass am Altar auch eine geweihte Frau steht und zelebriert?

Hollerich: Das heisst nicht, dass es unbedingt so kommen muss.

«Wichtig ist nun aber zuerst, dass Frauen mehr Verantwortung erhalten.»

Das heisst, Sie könnten sich Frauen als Priesterin in der römisch katholischen Kirche vorstellen?

Hollerich: Wir lassen uns überraschen.

Würden Sie sich das wünschen?

Hollerich: Es ist sicher: Ich würde mich freuen, wenn Frauen sich voll gleichberechtigt fühlen. Ob das durch das Priestertum geschieht oder nicht, ist eine Sache, die die Zeit zeigen wird. Wichtig ist nun aber zuerst, dass Frauen mehr Verantwortung erhalten.

Frau im liturgischen Gewand.
Frau im liturgischen Gewand.

Aber das sind ja zwei verschiedene Sachen: Leitungsaufgaben oder ein geistliches Dienstamt.

Hollerich: Wenn man zu gross angreift, wird man nicht viel erreichen. Man muss behutsam sein, einen Schritt nach dem anderen machen und dann kann man vielleicht sehr weit gehen.

Haben Sie schon mal eine berufene Frau kennengelernt?

Hollerich: Ich habe schon mit Frauen gesprochen, die sagen, dass sie sich berufen fühlen.

Frauen erzählen von ihrer priesterliche und diakonische Berufung
Frauen erzählen von ihrer priesterliche und diakonische Berufung

Glauben Sie diesen Frauen?

Hollerich: Ja, das tue ich. Aber Berufung ist nicht das einzige Kriterium zur Weihe. Ich kenne auch Männer, die sich berufen fühlen und nicht zur Priesterweihe zugelassen werden.

Aber der Punkt ist, dass die Berufung eines Mannes geprüft wird, die einer Frau nicht. Und da beginnt eine strukturelle Diskriminierung, da nicht beide die gleichen Möglichkeiten haben.

Hollerich: Das stimmt natürlich, wenn man europäisch denkt. Aber die Kirche ist grösser. Und das können verschiedene andere Kontinente in ihrer Lebensart der Kirche nicht unbedingt nachvollziehen.

«Wir sind eine Weltkirche, in der wir verschiedene Mentalitäten berücksichtigen müssen.»

Das würde ja bedeuten, dass die berufenen Frauen hinten anstehen müssen.

Hollerich: Sie gehen von einem typisch europäischen Prinzip des Individuums aus. Viele Gesellschaften denken gar nicht so, da steht die Kommunität vor dem Einzelnen. Aber ich möchte auch zu bedenken geben, dass in der Kirche heute viele solch eine Position als neokolonialistisch einstufen. Und wir müssen sehr gut aufpassen, dass wir nicht einen riesigen Gegensturm initiieren. Wir sind eine Weltkirche, in der wir verschiedene Mentalitäten berücksichtigen müssen. Wir müssen diese Gespräche mit der ganzen Kirche führen, sonst bekommen wir nachher Riesenprobleme. Dann zerfällt die katholische Kirche.

Auf der ganzen Welt – auch in eher konservativen Ländern – möchten Frauen Priesterinnen werden. Warum handelt der Vatikan da nicht?

Hollerich: Es ist nicht der böse Vatikan, der auf dieser Positionen besteht und nichts ändern will. Ich glaube, dass ein Sturm in anderen Kontinenten ausbrechen würde, wenn er morgen das Frauenpriestertum einführen würde. Der Vatikan müsste ein Rückzieher machen. Schon bei «Fiducia supplicans» gab es einen riesen Sturm der Entrüstung. Und das ist kleine Sache. Da geht es nicht mal um die Anerkennung von Homosexualität. Es geht nur darum, dass irreguläre Paare gesegnet werden können.

Das Kirchenrecht (Codex Iuris Canonici, Cic) hinter roten Buchdeckeln.
Das Kirchenrecht (Codex Iuris Canonici, Cic) hinter roten Buchdeckeln.

Für den Vatikan ist die Weihe von Frauen zu Priesterinnen kirchenrechtlich auf der gleichen Stufe wie der Missbrauch von Kindern durch Klerikern. Beide Handlungen werden gleich hart bestraft. Finden Sie es nicht eigenartig, dass geweihte Frauen Missbrauchstätern gleichgestellt werden?

Hollerich: Es ist ja nicht eine Gleichstellung der Fakten, sondern nur eine kanonische Konsequenz, die gezogen wird. Es bedeutet nicht, dass die Kirche beide Taten gleich schlecht ansieht. Das wäre eine falsche Schlussfolgerung.

Bei der Basis wird es aber so wahrgenommen.

Hollerich: Das ist aber nicht richtig. Das kanonische Recht wurde schon sehr viel verändert und wird auch weiter verändert werden. Papst Franziskus ist der Papst, der am meisten das Kirchenrecht geändert hat.

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Kann er auch Canon 1024 ändern? Dort heisst es: «Nur ein getaufter Mann kann gültig zum Priester geweiht werden.»

Hollerich: Ich würde wiederum sagen: Wir lassen uns überraschen. 

*Kardinal Jean-Claude Hollerich ist Erzbischof von Luxemburg. Er ist Generalrelator beim synodalen Prozess der Weltkirche.


Kardinal Jean-Claude Hollerich. | © Jacqueline Straub
17. Mai 2024 | 05:00
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