Kardinal Paulo Evaristo Arns, Aufnahme aus dem Jahr 2011 | © KNA
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Kardinal Paulo Evaristo Arns, Aufnahme aus dem Jahr 2011 | © KNA

Kardinal Arns stirbt mit 95 Jahren und hinterlässt «ein Erbe der Hoffnung»

Sao Paulo, 15.12.16 (kath.ch) Kardinal Paulo Evaristo Arns, prominenter Befreiungstheologe und Menschenrechtler in Brasilien, ist tot. Er starb am Mittwoch im Alter von 95 Jahren in einem Krankenhaus in Sao Paulo an Organversagen, wie brasilianische Medien melden. Während der Militärdiktatur (1964-1985) protestierte der deutschstämmige Kirchenmann gegen die Verbrechen des Regimes. Seit dem Übergang zur Demokratie mobilisierte er Kirche und Sozialbewegungen gegen Ungerechtigkeit, Folter und unmenschliche Arbeitsbedingungen.

Brasiliens Präsident Michel Temer betonte: «Dom Paulo war ein Verteidiger der Freiheit und hatte stets die Errichtung einer gerechten und gleichen Gesellschaft als Handlungsmaxime.» Brasilien verliere «einen Verteidiger der Demokratie, aber wird sich auf ewig an seine Lehren erinnern». Der amtierende Erzbischof von Sao Paulo, Kardinal Odilo Scherer, würdigte das «Beispiel franziskanischen Lebens von Dom Paulo». Er dankte ihm für sein mutiges Eintreten für die Verteidigung der menschlichen Würde und der unveräusserlichen Rechte eines jeden Menschen. Seine besondere Widmung habe den «Kleinen, Armen und Besorgten» gegolten. Arns hinterlasse «ein Erbe der Hoffnung».

Papst Franziskus trauert um Kardinal Arns

In einer Botschaft vom Donnerstag an Kardinal Scherer bezeichnet Franziskus den Verstorbenen als «unerschrockenen» und «grossherzigen Hirten». Der Papst unterstreicht die Arbeit von «Dom Paulo» und nennt die karitativen Dienste für Benachteiligte. Der Kardinal habe als «authentischer Zeuge für das Evangelium in der Mitte der Menschen gestanden». Allen habe er den «Weg der Wahrheit in der Liebe» und des Dienstes für die Gemeinschaft gezeigt, durch ständige Aufmerksamkeit für die Benachteiligten.

Lehrer des Gründers der Befreiungstheologie

Der Theologe Leonardo Boff bezeichnete Kardinal Arns gegenüber der Zeitung «El Pais» als seinen «unvergesslichen Lehrmeister». Arns und Boff waren beide Mitglieder im Franziskanerorden. In den 1960er-Jahren lehrte Paulo Arns an der Franziskanerhochschule Petropolis, wo Leonardo Boff seine Schüler war. Boff entwickelte in der Folge der lateinamerikanischen Bischofsversammmlung von Medellin (1968), in der die Option für die Armen betont wurde, die Theologie der Befreiung.

Kardinal Arns lebte seit einigen Jahren zurückgezogen in einer franziskanischen Ordensgemeinschaft in Taboao da Serra im Grossraum Sao Paulo. Zuletzt verzichtete er weitestgehend auf öffentliche Auftritte und widmete sich Medienberichten zufolge der Lektüre und Übersetzung religiöser Texte. Die Totenwache für den Kardinal findet in der Kathedrale im Zentrum von Sao Paulo statt und soll 48 Stunden dauern. Danach wird er voraussichtlich in der dortigen Krypta bestattet. (kna)

Theologie der Befreiung

Im Mittelpunkt der sogenannten Befreiungstheologie steht die «Option für die Armen». Zu ihren bekanntesten Vertretern zählen die Brüder Leonardo (77) und Clodovis Boff (71) aus Brasilien, der nicaraguanische Dichter Ernesto Cardenal (91), der 1980 ermordete salvadorianische Erzbischof Oscar Romero, der 1999 verstorbene brasilianische Bischof Helder Camara und der Peruaner Gustavo Gutierrez (88). Dessen Buch «Teologia de la liberacion» gab der Bewegung ihren Namen.

Die Befreiungstheologie reagierte auf die politische und soziale Situation Lateinamerikas in den 1960er- und 1970er-Jahren. Angesichts der Massenarmut hatte 1968 der Lateinamerikanische Bischofsrat  die «Option für die Armen» zum Handlungsmassstab erklärt. Es entstanden Tausende sozialpolitisch engagierter «Basisgemeinden».

Der Vatikan kritisierte, dass bestimmte Vertreter der Befreiungstheologie in ihrer Gesellschaftsanalyse auch marxistische Deutungsmuster gebrauchten. Zahlreiche Theologen und Priester wurden mit Lehr- und Schreibverboten belegt oder suspendiert. Die Glaubenskongregation unter Kardinal Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. (2005-2013), stellte die Unvereinbarkeit einer marxistisch verstandenen Befreiungstheologie mit der kirchlichen Lehre fest.

Nach dem Scheitern des Kommunismus in Europa nahm das Medieninteresse an der Befreiungstheologie ab. Allerdings fand die «vorrangige Option für die Armen» verstärkt Niederschlag, auch in der lehramtlichen Sozialverkündigung der Kirche. Mit der Wahl des Lateinamerikaners Jorge Mario Bergoglio zum Papst rückten die Themen Armut und Ausgrenzung neu in den Fokus. (kna)

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