Josef Schönauer am Camino Francés
Schweiz

Josef Schönauer: «Durchschreiten der Heiligen Pforte hat Anziehungskraft»

Die Heilige Pforte in Santiago de Compostela ist wichtig für die Pilgernde – denn sie deutet ein erneuertes Leben an. Sie soll nicht zum «Wildwuchs» gehören, zu dem sich der Vatikan kürzlich äusserte, sagt Pilgerexperte Josef Schönauer.

Jacqueline Straub

Das von Papst Calixtus II. im Jahr 1122 verliehene und von Alexander III. im Jahr 1179 bestätigte Sonderrecht besteht darin, dass man in der Kathedrale von Santiago de Compostela die Gnade des Jubiläumsablasses erlangen kann. Nun hat Papst Franziskus sich zu den Heiligen Pforten geäussert und will offenbar einem Wildwuchs an Heiligen Pforten vorbeugen. Wie haben Sie diese Nachricht wahrgenommen?

Josef Schönauer*: Ich habe die Nachricht aus dem Vatikan auch gesehen und mich vorerst gewundert, dass zu Santiago nichts geschrieben steht. Beim zweiten Blick ist mir aufgefallen, dass es im Artikel besonders um das Heilige Jahr 2025 in Rom geht. Konzentriert auf dieses Jahr in Rom fehlt wohl der Blick nach Santiago. Vielleicht bin ich da etwas naiv, aber ich sehe keine Absicht dahinter, Santiago zu übergehen. Ich sehe es eher so, dass der Vatikan nicht eine Wiederholung des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit will, in welchem jede grössere oder wichtigere Kirche eine Heilige Pforte einrichten konnte. Vielleicht ging das einigen vom Vatikan zu weit.

«Das letzte Heilige Jahr 2021 wurde sogar um ein Jahr bis Ende 2022 verlängert.»

In Santiago de Compostela finden Heilige Jahre in kürzeren Abständen als in Rom statt…

Schönauer: … genau, immer dann, wenn der Jakobustag am 25. Juli auf einen Sonntag fällt. Dann wird jeweils die Heilige Pforte am 31. Dezember geöffnet und ein Jahr lang während des Heiligen Jahres offen gehalten. Das Heilige Jahr wird mit einer feierlichen Prozession am 31. Dezember eingeleitet. Der Bischof von Santiago schlägt dann mit einem Hammer drei Mal an die Pforte, unterbrochen von einem Gebet. Dann dreht er den grossen Schlüssel im Schloss, um dann die Pforte zu öffnen. Das letzte Heilige Jahr 2021 wurde sogar um ein Jahr bis Ende 2022 verlängert, mit dem Segen von Rom – was wiederum unterstreicht, dass der Vatikan nichts gegen die Heilige Pforte in Santiago hat. Wussten Sie, dass es eine zweite Heilige Pforte gibt?

Hl. Pforte in Villafranca del Bierzo
Hl. Pforte in Villafranca del Bierzo

Wo denn?

Schönauer: In Villafranca del Bierzo, knapp 200 Kilometer von Santiago de Compostela entfernt, existiert eine zweite Heilige Pforte an der Jakobuskirche. Im Mittelalter konnten Pilgerinnen und Pilger diese Pforte durchschreiten, wenn sie gesundheitlich nicht mehr in der Lage waren, ihre Pilgerreise im Heiligen Jahr über den Cebreiro-Pass bis Santiago fortzusetzen. Eine sehr humane Geste. Denn damals mussten die Pilgernden ja wieder zu Fuss nach Hause gehen.

Geöffnete heilige Pforte in Santiago de Compostela im Jahr 2010
Geöffnete heilige Pforte in Santiago de Compostela im Jahr 2010

Wie wichtig ist den Jakobsweg-Pilgern und Ihnen die Heilige Pforte in Santiago de Compostela?

Schönauer: Bei meinen Aufenthalten in Santiago und eigenen Pilgerreisen habe ich festgestellt, dass das Durchschreiten der Heiligen Pforte eine Anziehungskraft hat. Ich vermute, dass viele nicht ganz genau um den Sinn der Pforte wissen und trotzdem hindurch gehen wollen.

Was bedeutet es?

Schönauer: Es ist ein Ritual, das anzeigt, etwas ist vergangen, Neues kommt. Es stehen ab Mitte Vormittag bis zum Abend recht grosse Schlangen vor der Pforte. Die Mehrheit der Anstehenden sind nicht Fusspilgerinnen und -pilger, sondern Menschen, die per Auto, Flugzeug oder Bahn angereist sind, um Santiago zu besuchen. Dennoch: Das Ritual des Durchschreitens der Pforte wirkt unbewusst und fasziniert wie andere Rituale auch – oder wie der ganze Pilgerweg. Der tiefere Sinn der Sündenvergebung – nämlich dem Leben eine neue Wende zu geben, sich dem Leben neu zu öffnen, einen neuen Lebensabschnitt zu eröffnen – wird von sehr vielen Pilgerinnen und Pilgern wahrgenommen und auch umgesetzt. Dies wird in Begegnungen und Gesprächen formuliert – und von vielen nicht in einen Zusammenhang mit der religiösen Sprache von Vergebung und Umkehr gebracht.

Der lächelnde Jakobus über der hl. Pforte
Der lächelnde Jakobus über der hl. Pforte

Welche Rolle spielt den Pilgernden die Sündenvergebung?

Schönauer: Der Gedanke und der Glaube an die Sündenvergebung spielt je nach Herkunft der Pilgernden eine mehr oder weniger wichtige Rolle. Die Beichtstühle in der Kathedrale sind gut besetzt und genutzt. So bietet die deutschsprachige Pilgerseelsorge in Santiago jeden Tag Beichtgespräche an, die fleissig besucht werden. Allerdings von verschiedenen Nationen. Bei Schweizern wird das eher eine kleine Rolle spielen, wie hierzulande die Beichtpraxis.

Musik in Santiago de Compostela - am Vortag des Jakobustages 24. Juli 2024
Musik in Santiago de Compostela - am Vortag des Jakobustages 24. Juli 2024

Was bedeutet Ihnen Santiago de Compostela?

Schönauer: Ich fühle mich in Santiago de Compostela wie zuhause und bin dort wenn möglich jedes Jahr anzutreffen. Persönlich besuche ich Santiago im Heiligen Jahr besonders gerne. Es ist so etwas wie der Sonntag einer Woche – ein spezielles Jahr innerhalb der Jahre. Das Durchschreiten der Pforte ist dann wie das Eintauchen in die ganze Reihe der Vorangegangenen, Aufgehobensein im grossen Ganzen – das ich zwar immer bin – aber manchmal den Blick dafür verliere. Für mich ebenso wichtig ist das Ritual vom «Abrazo del Apóstol» – die Umarmung des Apostels.

«Ich spüre da jeweils einen Moment der Kraft und Ruhe.»

Wo genau steht der Apostel Jakobus?

Schönauer: Über dem Hochaltar, beziehungsweise über der Krypta mit dem Grab des heiligen Jakobus, steht eine Büste vom Apostel Jakobus. Er schaut Richtung Schiff. Diese Büste kann man von hinten umarmen. Ich spüre da jeweils einen Moment der Kraft und Ruhe – zuletzt am 24. Juli dieses Jahres.

Anzeige ↓ Anzeige ↑

Das ist ein typisch südländisches Ritual.
Schönauer: Ja, und es berührt mich sehr. Dieses Ritual wird nach dem Besuch der Krypta mit dem Jakobus-Grab begangen. Als dies während der Corona-Zeit verboten war, fehlte wirklich etwas.

*Josef Schönauer ist Präsident der Pilgerherberge in St. Gallen, Autor des Buches «Pilgern erdet und himmelt» und betreibt eine Website dazu.


Josef Schönauer am Camino Francés | © zVg
10. August 2024 | 17:00
Lesezeit : ca. 4  Min.
Teilen Sie diesen Artikel!