Jacqueline Keune, Theologin
Schweiz

Jacqueline Keune zum Karfreitag: «Abel aus Charkiw»

«Lyrik ist für mich der Versuch, etwas von der eigenen Fassungslosigkeit zu fassen», sagt die Theologin Jacqueline Keune über den Ukraine-Krieg. Zum Karfreitag hat sie das Gedicht «Abel aus Charkiw» geschrieben.

Das Blut unserer Brüder
das Blut unserer Schwestern
erhebt seine Stimme und schreit zu dir
von den Strassen Charkiws
von den Strassen Chersons
von den Strassen Mariupols
Lwiws, Odessas, Kiews
von den gebrochenen Strassen von Butscha
von Borodjanka

Das Blut unserer Brüder
das Blut unserer Schwestern
das hoch betagte
das eben erst geborene
das unschuldige Blut
erhebt seine Stimme und schreit zu dir
von den Feldern
von den Gärten
von den Gassen
den Hinterhöfen und Spielplätzen
der Ukraine im Blühen

Aus den Ruinen Syriens
aus den Ruinen Malis
aus den Ruinen Afghanistans
den Trümmern von Jemen
den Trümmern von Libyen
von Pakistan und Palästina
schreit es zu dir
das Blut

Es erhebt Anklage
es schäumt auf zum Chor
es lässt die Himmel gerinnen
das wahllose Blut aus Vietnam
das massakrierte Blut aus Srebrenica
das ausgehungerte, das eingefrorene Blut aus Stalingrad
das verstümmelte aus Ruanda
das jüdische
das schwarze
das Frauenblut

Es erhebt seine Stimme
seine purpurrote Donnerstimme
das unstillbare Blut
alle der Schlachten
alle der Kämpfe
alle der Kriege
alle der Kinder
deiner Kinder
und schreit sich aus Millionen von Kehlen zu dir
vom Erdboden

über den Märzenlüfte
die Samen der Linden
säen

* Jacqueline Keune ist freischaffende Theologin und Autorin. 


Jacqueline Keune, Theologin | © zVg
15. April 2022 | 06:30
Lesezeit : ca. 1  Min.
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