Irène Kälin: «Niger ist das ärmste Land der Welt»
Nationalratspräsidentin Irène Kälin fliegt heute mit Bundespräsident Ignazio Cassis nach Niger. Über die Krisenregion Sahel sagt sie: «Hier mischen schon viel zu viele Kräfte mit. Frankreich gibt kein gutes Bild ab.»
Raphael Rauch
Warum fliegen Sie nach Niger?
Irène Kälin: Ich begleite Bundespräsident Ignazio Cassis. Auch IKRK-Chef Peter Maurer kommt mit. Im Zentrum unserer Reise stehen die Themen humanitäre Hilfe, Bildung und Migration. Niger ist das ärmste Land der Welt und ist stark vom Klimawandel betroffen.
Welche Rolle haben Sie?
Kälin: In der Schweiz bin ich als Nationalratspräsidentin protokollarisch die Nummer Eins. Auf dieser Reise bin ich die Nummer Zwei. Ich werde den Präsidenten der nigrischen Nationalversammlung treffen. Die Sahel-Zone steht vor massiven Herausforderungen. Die Lage ist sehr instabil. Hier zeigen sich schon jetzt die Folgen des Klimawandels. Nomaden müssen weiterziehen, weil sie sonst nicht überleben würden. Das wiederum führt zu Konflikten. Deshalb ist es ein starkes und wichtiges Zeichen, dass der Bundespräsident und die Nationalratspräsidentin zusammen in diese Krisenregion reisen.
Die ganze Sahel-Zone ist geopolitisch eine höchst fragile Region. Was kann die Schweiz hier machen?
Kälin: Wir sind seit vielen Jahren mit unserer humanitären Hilfe vor Ort und wollen und müssen das auch bleiben. Ansonsten mischen in der Region schon viel zu viele Kräfte mit. Frankreich gibt kein gutes Bild ab.
Sie sind Islamwissenschaftlerin. Ist Religion Thema auf der Reise?
Kälin: Wir sind nur zwei Tage da. Da ist wohl kaum Platz für mehr als einen kurzen Moscheebesuch, auch wenn es für eine Religionswissenschaftlerin ein sehr spannendes Land ist. Der Islam ist in Niger von Stammesreligionen mitbeeinflusst. Ich freue mich auf die Eindrücke vor Ort.
Welcher Dresscode gilt für Sie?
Kälin: Ich bin gut beraten, etwas Langärmliges anzuziehen – ich komme ja schneeweiss aus dem kalten Europa und möchte mir keinen Sonnenbrand holen. Mir ist klar, dass ich ein muslimisch geprägtes Land besuche.
Nationalrätin Irène Kälin (35) ist im Amtsjahr 2021/22 Nationalratspräsidentin und damit oberste Schweizerin.
Reise in ein Konfliktgebiet
Auf ihrer Reise, die vom 7. bis 9. Februar dauert, hat die Schweizer Delegation verschiedene Besuche vorgesehen. So will sie unter anderem in Agadez ein Zentrum für physische Rehabilitation des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) besichtigen und in Maradi ein Bildungsprojekt der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit begutachten.
In der Hauptstadt Niamey trifft die Schweizer Delegation gemäss EDA-Mitteilung den nigrischen Präsidenten Mohamed Bazoum. Dabei stehen die bilateralen Beziehungen zwischen der Schweiz und Niger, die internationale Zusammenarbeit, regionale Fragen, der Klimawandel und die humanitäre Situation in der Sahel Region im Vordergrund.
Das westafrikanische Land Niger erlebte 2021 den ersten demokratischen Machtwechsel in seiner Geschichte.
In den westafrikanischen Ländern Mali, Burkina Faso und Niger sind mehr als 2,5 Millionen Menschen auf der Flucht. Die Versorgung der Geflüchteten werde zunehmend schwierig, teilte das Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) im Januar mit. Die Arbeit des UNHCR und seiner Partnerorganisationen werde durch Angriffe, Entführungen und Strassensperren beeinträchtigt.
In allen drei Ländern hat demnach die Zahl derer, die im eigenen Land auf der Flucht sind, im vergangenen Jahr erneut zugenommen. Ende 2021 verzeichnete Burkina Faso erstmals mehr als 1,5 Millionen Binnenvertriebene. In den Regionen Tillaberi and Tahoua im Niger stieg die Zahl in den vergangenen zwölf Monaten um 53 Prozent. Dafür verantwortlich sind unter anderem schwere Angriffe auf entlegene Dörfer durch den «Islamischen Staat in der grösseren Sahara» (EIGS). In Mali liegt die Zahl der Binnengeflüchteten bei mehr als 400’000, rund 30 Prozent höher als im vorherigen Jahr.
Die schwere Krise begann vor zehn Jahren, als in Mali Teile der Tuareg-Bevölkerung gegen staatliche Strukturen rebellierten. Verschiedene Terrororganisationen nutzten die Lage aus und breiteten sich in den vergangenen Jahren weiter in die Nachbarländer aus. Vor allem in Mali kontrollieren islamistische Gruppierungen ganze Dörfer. (sda/kna)
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