Stephan Rothlin in der Kapelle des aki, Zürich
Schweiz

«In China kann ich nicht ausschliesslich katholische Soziallehre propagieren»

Zürich, 26.9.17 (kath.ch) Der Schweizer Jesuit Stephan Rothlin unterrichtet Wirtschaftsethik in China. Sein Engagement in China habe mit seinem früh entwickelten Interesse für die Mission zu tun, erklärte Rothlin gegenüber kath.ch. Das Gespräch fand im Akademikerhaus (Aki) der katholischen Hochschulgemeinde in Zürich statt, wo er am 18. September über «Sich in China ethisch positionieren» referierte.

Regula Pfeifer

Sie unterrichten in China Wirtschaftsethik. Welches sind Ihre Zuhörer?

Stephan Rothlin: Das sind Studierende und Nachdiplomstudierende im Fach Wirtschaft. Letztere haben schon eine ziemlich grosse Geschäftserfahrung. Da ich in Macau, Hongkong und Peking arbeite, gebe ich vor allem Intensivkurse. Und ich versuche seit 2015 die Online-Kurse zu verbreiten. Auf diese Weise erreicht man ja heute viel mehr Leute.

Waren Sie von Beginn weg an Universitäten tätig?

Rothlin: Ich bin seit 19 Jahren an Universitäten in China tätig und unterrichtete anfänglich vor allem in den universitären «Business Schools». Vor meiner Ausreise leitete ich das katholische Akademikerhaus (Aki) in Zürich und hatte dort Kontakt zum Institut für Empirische Wirtschaftsforschung der Uni Zürich.

Ältere Geschäftsleute tun sich schwer mit Englisch. Sie sprechen ein sogenanntes «Chinglish».

In welcher Sprache unterrichten Sie nun?

Rothlin: Je nachdem auf Englisch oder Chinesisch. Ältere Geschäftsleute tun sich schwer mit Englisch. Sie sprechen ein sogenanntes «Chinglish», eine Zwittersprache zwischen Englisch und Chinesisch, die schwer verständlich ist. In diesem Fall ist es gut, wenn man den Unterricht auf Chinesisch abhalten kann.

Und Mandarin beherrschen Sie – fast wie Ihre Muttersprache?

Rothlin: Ja, ich kann Vorlesungen halten und Unterricht geben. Das wird nie perfekt sein, denn Mandarin ist eine äusserst komplexe Sprache. Doch es öffnet einem Türen, wenn man die Sprache beherrscht und Texte lesen oder mit mehreren Personen ein Gespräch führen kann.

Worauf basiert die Wirtschaftsethik, die Sie unterrichten?

Diese Werte kann man kombinieren mit anderen Weisheitstraditionen wie Christentum, Islam, Taoismus, Buddhismus.

Rothlin: Dazu möchte ich sagen: Ich bin einerseits Direktor des Macau Ricci Instituts, andererseits leite ich eine Sozialfirma in Hong Kong und Peking, die auf Wirtschaftsethik ausgerichtet ist. Wenn Sie fragen, wo die Wurzeln meiner Ethik ist, kommt das Macau Ricci-Institut ins Spiel. Damit verbunden ist die fünfhundertjährige Geschichte der katholischen Missionare in China und die Auseinandersetzung des Christentums mit Buddhismus, Islam, Taoismus und Konfuzianismus.

Was bedeutet das für Ihren Unterricht?

Rothlin: Das heisst: In China kann ich nicht ausschliesslich katholische Soziallehre propagieren. Für mich ist die Soziallehre natürlich ein Eckpfeiler mit ihren Pfeilern Subsidiarität, Solidarität und Ausrichtung am Gemeinwohl. Aber man kann das gut auf den Konfuzianismus beziehen, der zwar nicht religiös ist, aber Werte wie Zuverlässigkeit und Treue vertritt. Diese kann man kombinieren mit anderen Weisheitstraditionen wie Christentum, Islam, Taoismus, Buddhismus. Doch all dies muss sich auch auf die Ökonomie beziehen.

Heute hat die Ökonomie die Philosophie ersetzt als Erklärung der Welt.

Weshalb denn?

Rothlin: Heute hat die Ökonomie die Philosophie ersetzt als Erklärung der Welt. So muss man ökonomisch argumentieren, wie schädlich etwa die Korruption für die Volkswirtschaft ist. Man spricht ja von mindestens 12 Prozent Verlust am Bruttosozialprodukt, doch ich denke, der Verlust ist viel höher. Je nach Zuhörerschaft kann ich mehr zeigen, etwa wie die christliche Soziallehre da Orientierungshilfe geben kann.

Besprechen Sie mit den Studierenden die religiösen Grundwerte?

Rothlin: Ja, aber der Zwischenschritt ist wichtig. Man sollte nicht sogleich zur Theorie kommen. Zuerst muss man genau herausarbeiten, worum es eigentlich geht. Und da sind Fallstudien wichtig. Da kann man zeigen, inwiefern Katastrophen mit Arbeitsbedingungen oder Sklavenarbeit zusammenhängen.

Es ist nicht meine Aufgabe, im öffentlichen Forum einer Uni über Religion zu reden.

Davon ausgehend kann man mit dem Ansatz der verschiedenen Religionen aufzeigen, was einem hilft, in solchen Situationen trotzdem seinen Werten treu zu bleiben.

Der Benediktiner Anselm Grün durfte seine elf Vorträge in China nicht halten, es wurde ihm von den Behörden verboten. Ist Ihnen etwas Vergleichbares passiert?

Rothlin: Nicht wirklich. Weil ich in China lebe, weiss ich, was in einem bestimmten Rahmen möglich ist. Es ist nicht meine Aufgabe, im öffentlichen Forum einer Uni über Religion zu reden.

Da alle christlichen Religionen wachsen, schaut man, dass «Popstars» wie Anselm Grün keinen zu grossen Einfluss haben.

Aber ich habe meine Zugehörigkeit zur Katholischen Kirche nie geleugnet. Ich habe immer gesagt, dass ich Katholik bin und auf entsprechende Fragen meines katholischen Glaubens geantwortet. Da alle christlichen Religionen enorm am Wachsen sind, schaut man, dass alles einigermassen unter Kontrolle ist und versucht zu verhindern, einen «Popstar» wie der Benediktiner Anselm Grün einen zu grossen Einfluss haben zu lassen.

«Man schaut» heisst: Die staatlichen Behörden schauen?

Rothlin: Ja, die staatlichen Behörden halten alles unter Kontrolle, viel stärker als in anderen Ländern.

In der Schweiz informieren Sie, wie man Geschäftsbeziehungen zu China aufbauen kann. Was ist Ihr grösster Ratschlag an Schweizer Geschäftsleute?

Rothlin: Die Beziehungen zwischen der Schweiz und China sind ausserordentlich gut. Es ist ja gelungen, das Freihandelsabkommen unter Dach und Fach zu bringen – noch vor der Europäischen Union. Schweizer Firmen erwartet in China ein grosser Goodwill. Man spürt, dass eine gegenseitige Lernbereitschaft da ist. Als Schweizer Firma hat man die Möglichkeit, gewisse ethische Standards nicht nur rhetorisch, sondern auch konkret in China einzubringen. Das versuche ich rüberzubringen.

China ist ein schwieriges Parkett, alle kämpfen, niemand rennt von Sieg zu Sieg.

Ihr Wissen haben Sie von Ihrer jahrelangen Tätigkeit in China, nicht wahr?

Rothlin: China ist ein schwieriges Parkett, alle kämpfen, niemand rennt von Sieg zu Sieg. Zuerst muss man Erfahrungen sammeln. Erst dann hat man die Sicherheit, gewisse Begleitungen zu machen, Ratschläge zu geben.

In China gibt es katholische Untergrundkirchen. Haben Sie Erfahrung damit?

Rothlin: Nein, das beruht auf Gegenseitigkeit. Wenn ich ihre Liturgien besuchen würde, würde ich sowohl die Gemeinde als auch mich selbst in Gefahr bringen. Es gibt Spielregeln und mein Platz ist an der Uni. Ich habe aber die Möglichkeit, ab und zu in offiziellen Pfarreien Vorträge zu halten.

Wie äussert sich die Gefahr?

Rothlin: In der Schweiz gibt es nur vereinzelt Spione. In China wird man hingegen 24 Stunden pro Tag überwacht. Das gilt nicht für Touristen. Aber sobald man chinesisch spricht und durch die Uni oder sonstwie Einfluss hat, dann kann man sicher sein, überwacht zu werden. Ich sage immer: Das ist ein unethischer Grund, ethisch zu sein. Sie können die Situation auch positiv sehen: Man kann nichts tun ohne die Unterstützung von Kolleginnen und Kollegen – und dieses Vertrauen möchte man nicht missbrauchen.

Das ist ein unethischer Grund, ethisch zu sein.

Sind die Überwacher denn auch Kollegen?

Rothlin: In China hat es immer überall viele Leute, da können Sie nicht unterscheiden, wer welche Rolle hat. Sichtbar sind nur die ausländischen Wächter bei jedem Hauseingang. Aber die subtilere Überwachung ist kaum feststellbar, etwa jemand, der mitschreibt oder mithört. Da darf man nicht paranoid werden. Das System ist einfach so, dass man nicht frisch darauflos sagen darf, was man denkt. Und wenn man zufälligerweise herausfindet, wer einen bespitzelt, sollte man diese Leute dennoch als Menschen behandeln.

Wie beurteilen Sie den Katholizismus in China?

Rothlin: Wie gesagt: Er wächst. Und was neuste Forschungen bestätigen: Der Bildungsstand von Katholiken ist relativ hoch – auch im Vergleich zu anderen Religionen und Konfessionen. Das hat mit der Tradition von Matteo Ricci und Johann Adam Schall von Bell, also mit den ersten Jesuiten zu tun, die ab dem 16. Jahrhundert in China lebten. Der Kölner Jesuit Schall war sogar Tutor eines Kaisers. Die Jesuiten haben einen guten Ruf, weil sie etwas Griffiges gebracht haben: Bildung. Demzufolge war die Ausbildung von Priestern im Vergleich zu anderen religiösen Vertretern gut.

Sichtbar sind nur die ausländischen Wächter bei jedem Hauseingang.

Die Pfarreien in China haben übrigens das II. Vatikanum positiv aufgenommen. Auch Dominik Tang – der Bischof verbrachte 23 Jahre im Gefängnis – befürwortete bei seiner Freilassung diese Bestrebungen. Es ist erstaunlich, dass Priester, welche lange Jahre im Gefängnis verbracht haben, frei sind von Bitterkeit und Hass gegenüber denjenigen, welche sie ins Gefängnis gebracht haben.

Gibt es viele katholische Schulen in China?

Rothlin: Nein, das gibt es nicht mehr. Früher waren die führenden Schulen protestantisch oder katholisch. Sie wurden aber bei der kommunistischen Machtübernahme alle geschlossen.

Weshalb engagieren Sie sich in und für China?

Rothlin: Dahinter steckt ein missionarischer Gedanke, den ich früh verspürt habe. Als ich acht Jahre alt war, kam der Steyler Missionar Alois Regensburger in unsere Pfarrei Lachen und erzählte von seinen 21 Jahren in China. Darüber erschien sein Buch «Sie nannten mich Donner». Mit 18 Jahren erkannte ich dann meine Berufung zum Jesuiten. Dies interessanterweise im Kloster Einsiedeln, bei den Benediktinern. Die Jesuiten haben eine lange Tradition des Aufbruchs in andere Kulturen – auch nach China.

Die Schweiz ist ein schwieriges Pflaster.

In der Schweiz wollten Sie nicht bleiben?

Rothlin: Die Schweiz ist ein schwieriges Pflaster. Wenn man hier etwas macht, kommen nur ganz wenige Leute, da kann man noch so begeistert sein. Das habe ich hier erlebt. Ganz anders ist das in China. Wenn Sie etwas organisieren, finden die Leute das interessant und kommen.

Die Idee, als Missionar in andere Kulturen aufzubrechen – natürlich nicht mit veralteten Ideen und ohne sich aufzuzwängen – ist nicht mehr stark in Kurs. Mit Papst Franziskus kommt das allerdings wieder auf. Er ist ja Jesuit und überlegte selbst, nach Asien aufzubrechen.

Sie kommen immer wieder in die Heimat zurück.

Rothlin: Vom Orden in China her wird gewünscht, dass ich die Beziehungen zur Schweiz und zu Österreich gut aufrechterhalte und so eine gewisse Brückenfunktion einnehme. Von Anfang an habe ich auch Kampagnen des Hilfswerks Fastenopfer unterstützt, etwa jene, welche die brutalen Arbeitsbedingungen in der Computerbranche thematisierte. Für solche Anliegen breche ich gern die Lanze fürs Fastenopfer. Damit kann ich gewisse Kreise erreichen, welche nicht automatisch positiv zur Kirche stehen oder sie überhaupt wahrnehmen. Die Kampagne hat tatsächlich etwas ausgelöst.

Wo leben Sie?

Rothlin: In Macau lebe ich in einer Jesuitengemeinschaft, in China alleine. Rund drei Wochen bin ich jeweils in Macau, ungefähr eine Woche bis zehn Tage in Peking. Die Städte liegen drei Flugstunden voneinander entfernt.

Stephan Rothlin in der Kapelle des aki, Zürich | © Regula Pfeifer
26. September 2017 | 15:59
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Jesuit mit akademischer Laufbahn

Der Schweizer Jesuit Stephan Rothlin ist seit 1998 in China, Macau und Hongkong als Wirtschaftsethiker tätig. Er ist Dekan der School of Distance Education (Schule für Fernbildung) und Direktor des Macau Ricci Instituts an der Universität von Sankt Josef in Macau. Zudem ist er Gründer und Leiter der Beratungsfirma Rothlin International Management CSR Consulting in Peking. Der in Lachen SZ geborene Rothlin studierte ab 1979 Philosophie in Rom und München und ab 1984 Soziologie, medizinische Ethik und Theologie in Paris. 1988 bis 1992 doktorierte er an der Leopold-Franzens-Universität in Innsbruck in Wirtschaft, Philosophie und Geschäftsethik. Im Anschluss daran leitete er bis zu seiner Ausreise 1998 das Akademische Zentrum Aki der katholischen Hochschulgemeinde in Zürich und war Lehrbeauftragter am Wirtschaftswissenschaftlichen Institut der Universität Zürich.

In der Schweiz tritt Stephan Rothlin unter anderem mit öffentlichen Vorträgen des von ihm 2008 mitgegründeten Ladanyi-Vereins für Wirtschaftsethik in Erscheinung. (rp)