Le Corbusier und seine Ehefrau Yvonne Gallis
Schweiz

«Ich bin kein Baumeister von Kirchen»: Le Corbusier und die Religion

Le Corbusier, der radikale Architekt, entwarf auch einige wenige Sakralbauten in seinem Leben und beeinflusste mit seinem Werk die Kirchenarchitektur des 20. Jahrhunderts. Ein ganz besonderes Gotteshaus feiert in diesem Jahr sein 70-Jahr-Jubiläum. Doch wie religiös war der Mann mit der schwarzen Hornbrille wirklich?

Wolfgang Holz

Kein Architekt auf dieser Welt war so radikal-provokant und doch gleichzeitig so faszinierend: Le Corbusier. Aus Beton schuf er neben abschreckend wirkenden Monsterbauten auch feingliedrige, dynamisch-elegante Villen.

Vater der modernen Architektur

Er war quasi der Vater der modernen Architektur – wobei es ihm beim Bauen vor allem auf die Funktionalität ankam. Funktionalität als Pflicht und Prinzip des Wohnens und urbanen Lebens in den wachsenden Massengesellschaften der industralisierten Welt. Le Corbusiers Umgang mit Raum, Volumen und Licht in greifbarer und symbolischer Form ist sicher einer seiner grössten Beiträge zur Architektur.

Die Wallfahrtskapelle Notre Dame du Haut von Le Corbusier in Ronchamp wird restauriert für das 70-Jahr-Jubiläum in diesem Jahr (Aufnahme September 2024)
Die Wallfahrtskapelle Notre Dame du Haut von Le Corbusier in Ronchamp wird restauriert für das 70-Jahr-Jubiläum in diesem Jahr (Aufnahme September 2024)

Spektakulär sind auch Le Corbusiers wenige Kirchenbauten. Am bekanntesten ist die Wallfahrtskirche Notre Dame du Haut im ostfranzösischen Ronchamp (1952-1955). Der Betonbau «Unsere liebe Frau in der Höhe» mit dem Schalendach wurde schnell zu einem Aushängeschild des Kirchenbaus der Nachkriegszeit.

Sakrale Ikone

Als eine der «Urkirchen» der Moderne und selbst schon wieder Statement für die Ewigkeit gilt Corbusiers Wallfahrtskirche. Eine sakrale Ikone, ohne die – da sind sich Architekturkritiker einig – die berühmte Oper von Sydney kaum denkbar wäre, und die auch im 21. Jahrhundert nichts an Einfluss und Aktualität verloren hat. Sie feiert diesen Sommer ihr 70-Jahr-Jubiläum.

Der Open-Air-Altar für Pilger an der Wallfahrtskapelle in Ronchamp
Der Open-Air-Altar für Pilger an der Wallfahrtskapelle in Ronchamp

Eine weisse Arche hat Le Corbusier (1887-1965) mit dieser Kirche quasi in die herrliche Landschaft gestellt, kühn geschwungen, vor allem das Dach, wie geraffte Segel oder wie ein Krebspanzer, den er am Strand tatsächlich gefunden und ihm anscheinend als architektonische Inspiration gedient hat.

Calvinist Corbusier

Seine zeitgenössischen Kollegen, die mit strengeren Formen gerechnet hatten, zeigten sich einigermassen überrascht, heute gilt die Konstruktion als visionär. Dabei hatte der nicht praktizierende Calvinist Corbusier ursprünglich Bedenken, den Auftrag überhaupt anzunehmen.

Spartanischer Innenraum der Wallfahrtskapelle
Spartanischer Innenraum der Wallfahrtskapelle

Erst ein Lokalaugenschein des repräsentativen Ortes auf einem Hügel an der Burgundischen Pforte, der seit keltischer Urzeit praktisch kontinuierlich für religiöse Zeremonien genutzt worden war, liess ihn umdenken.

Trotz seiner Kirchenbauten – neben der Wallfahrtskirche in Ronchamp baute er ja noch das von aussen wie ein Gefängnis anmutende Dominikanerkloster La Tourette in Eveux bei Lyon (1956-1960) – stellt sich die grundsätzliche Frage, wie religiös Le Corbusier, der als Charles Edouard Jeanneret-Gris am 6. Oktober 1887 in der Uhrenstadt La Chaux-de-Fonds zur Welt kam, tatsächlich war.

Wollte Naturtempel im Jura bauen

Le Corbusier war wohl durchaus ein sehr spiritueller Mensch, der seinen Glauben an höhere Mächte nicht zuletzt aus der Natur bezog. Wie Stanislaus von Moos, Schweizer Kunsthistoriker und Architekturtheoretiker, betont, beruht Le Corbusiers spirituelle Sicht unter anderem auf dem Studium von Naturphänomenen – Bäumen, Muscheln, Wurzeln usw.

Der Altar in der Wallfahrtskapelle
Der Altar in der Wallfahrtskapelle

In seinen Anfängen in La Chaux-de-Fonds hatte der junge Jeanneret etwa den Wunsch geäussert, in den Jurahügeln einen Naturtempel zu errichten, und dieser Gedanke entsprach sicherlich Le Corbusiers Vorstellung von spirituellen Dingen, einer Naturreligion jenseits der Klänge der herkömmlichen Theologie.

Seine ästhetische Konzeption der Wallfahrtskirche in Ronchamp war für Le Corbusier in diesem Sinne ein Echo auf die «Akustik der Landschaft». Der pure Ausdruck von Poesie.

«Ich bin kein Heide»

«Ich bin kein Heide «, stellte Le Corbusier einmal klar. Zudem war für ihn die klassische Institution Kirche im Zeitalter der urbanen Industriegesellschaft eher eine «tote Institution» und passte für ihn nicht in die Moderne. Sein Glaube an die etablierte Kirche und das Dogma scheint recht schwach gewesen zu sein.

Glaube an die Göttlichkeit der Natur

Ronchamp sei eine Antwort auf die Sehnsucht, «die man gelegentlich hat, über sich selbst hinauszuwachsen und den Kontakt mit dem Unbekannten zu suchen. Ich habe die Chapelle de Ronchamp, eine Wallfahrtskapelle (…) gebaut, weil das Programm – Ritual, menschliches Mass, Raum und Stille – günstig war und auch die landschaftlichen Bedingungen aussergewöhnlich waren.

Wallfahrtskirche Ronchamp (F), Fenster
Wallfahrtskirche Ronchamp (F), Fenster

Ich bin kein Baumeister von Kirchen», wird Le Corbusier in dem Essay «Le Corbusier und das theologische Programm» von Martin Purdy und Russel Walden zitiert. Die Kapelle in Ronchamp steht quasi für Le Corbusiers Glauben an die Göttlichkeit der Natur.

«Das Innere ist so leer»

Es gibt aber auch Kritik an Le Corbusiers spiritueller architektonischer Romantik mitten in der Natur. Äusserlich fange die Kapelle in Ronchamp diese magische Essenz von Licht, Raum und Volumen ein, aber das Innere sei räumlich enttäuschend. «Das Innere ist so leer, dass der Verdacht aufkommt, Le Corbusier habe sich mehr um die Skulptur der umschliessenden Flächen als um das Volumen gekümmert, das sie umgeben», so Purdy/Walden.

Wallfahrtskirche Ronchamp (F)
Wallfahrtskirche Ronchamp (F)

Auch trotz der offensichtlichen Modernität seiner Kirchen bringen sie die Theorie des kirchlichen Bauens nicht wesentlich voran, was in direktem Gegensatz zu seinem Werk über Urbanismus und Wohnungsbau steht, wo er versuchte, eine bessere soziale Ordnung durch physische Ideen zu gestalten.

«Ich bin selbst kein Kirchgänger»

Vielmehr spiegeln die Kirchenbauten von Le Corbusier das Ringen des Architekten mit den geistigen Einsichten wider, die ihn sein ganzes Leben lang beschäftigten: die Versöhnung des Menschen in einer natürlichen Ordnung und die Lösung des scheinbaren Konflikts zwischen individueller Freiheit und kollektiver Gesellschaft.

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«Ich bin selbst kein Kirchgänger», bekennt Le Corbusier unterm Strich. «Aber ich weiss, dass jeder Mensch das religiöse Bewusstsein hat, zu einer grösseren Menschheit zu gehören, mehr oder weniger stark, aber letztendlich ist er ein Teil von ihr. In meine Arbeit bringe ich so viel Überschwang und intensives inneres Leben ein, dass sie fast etwas Religiöses wird.»

Dieu comme architecte?!

Irgendwie schien Le Corbusier vor allem an sich selbst und an seine Architektur zu glauben. Dieu comme architecte?!

Von seinen Prinzipien für Bauten der Moderne

Le Corbusier errichtete insgesamt rund 80 Gebäude und entwarf 200 weitere. Er konzipierte dabei ein Credo von fünf architektonischen Prinzipien. Ein Raster von Betonstützen ersetzt beispielsweise die tragenden Mauern und wird zur Grundlage der neuen Ästhetik. Er propagierte auf Flachdächern Dach- und Nutzgärten. Legendär sind auch seine Langfenster, welche die nichttragenden Wände entlang der Fassade durchschneiden und die Gebäude so mit gleichmässig viel Licht versorgen.

Le Corbusiers Pavillon in Zürich aus Stahl und Glas
Le Corbusiers Pavillon in Zürich aus Stahl und Glas

Am konsequentesten setzte Le Corbusier das «Konzept der Fünf Punkte» in der faszinierenden «Villa Savoye» (1929–1931) im französischen Poissy um – eine Art architektonische Legende. Zu seinen bekanntesten Werken gehören zudem ein mondänes Doppelhaus in der Stuttgarter Weissenhofsiedlung (1927), der «Pavillon der neuen Zeit» für die Pariser Weltausstellung (1937), die sogenannte «Unité d’Habitation» in Marseille (1945-1950) und vier weiteren Städten, die Modernisierung der kolumbianischen Hauptstadt Bogota (1950) sowie Bauten im südindischen Chandigarh, wo er eine ganze Provinzhauptstadt (»City Beautiful») in der Art Brasilias schuf.

In Zürich kann man am See übrigens seinen bunten Ausstellungspavillon Maison d’homme» besichtigen (1962-1967) – das letzte Meisterwerk des renommierten Architekten und sein einziges Gebäude aus Stahl und Glas. (woz)

*Anlässlich seines 20-jährigen Jubiläums widmet das Zentrum Paul Klee in Bern dem schweizerisch-französischen Künstler-Architekten Le Corbusier eine grosse Ausstellung. Die Ausstellung ist noch bis zum 22.Juni zu sehen.


Le Corbusier und seine Ehefrau Yvonne Gallis | © Fondation Le Corbusier
14. Februar 2025 | 17:00
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