Reliquie der Quintiana, Kloster Bisemberg Freiburg, 1857, Mischtechnik
Religion anders

Himmlische Lust und irdische Pein: Der Körper in der christlichen Kunst

Das Christentum und der Körper: Das ist kompliziert – und hochspannend. Das Museum für Kunst und Geschichte in Freiburg zeigt mittelalterliche und zeitgenössische Kunstwerke. Von Heiligenbildern zum Essen, Visionen – und Ekstase.

Eva Meienberg

In weitem Bogen spritzt die Milch von Marias Brust in den Mund des Heiligen Bernhard. Der unbekannte Maler stellt die übernatürliche Vision des Heiligen ganz handfest dar: mit Brust, Milch und gierigem Mund. Mit der Milch kommt das Göttliche zum Menschen.

Die Vision des Heiligen Bernhard
Die Vision des Heiligen Bernhard

Auf dem Gemälde von Wilhelm Ziegler aus dem Jahr 1522 verkündet der Engel Gabriel der Jungfrau Maria, dass sie Gottes Sohn gebären wird. Gleichzeitig schiesst ein kleines, nacktes Männchen mit Kreuz im Arm vom Himmel herab und gelangt durch das Ohr der Jungfrau in deren Bauch.

Die Verkündigung, Wilhelm Ziegler, 1522, Ölhaltiges Bindemittel auf Holz
Die Verkündigung, Wilhelm Ziegler, 1522, Ölhaltiges Bindemittel auf Holz

Das unfassbare Heilige ganz handfest

Das Sakrale und der Körper prägen die christliche Kunst. Zu sehen ist dieses Spannungsfeld in den mittelalterlichen Werken in Freiburg. In der Ausstellung «Corpus. Das Sakrale und der Körper» wird deutlich, dass das unfassbare Heilige oft sehr handfest gezeigt wird. «Das Heilige braucht eine Form, muss inkarniert, zu Fleisch und Blut werden, damit es sichtbar und verstehbar wird», sagt Caroline Schuster Cordone, Kuratorin der Ausstellung.

Schluckbildchen, Kupferstich
Schluckbildchen, Kupferstich

Oft genügte es den Menschen nicht, ein Bild nur anzuschauen. Bilder wurden berührt, geküsst und – gegessen. Ab dem 15. Jahrhundert wurden an Wallfahrtsorten gedruckte briefmarkengrosse «Schluckbildchen» verkauft. Die kleinen Bilder wurden zerrieben und eingenommen. Ein Bildchen mit der Heiligen Margarete für eine gute Geburt, ein Bildchen mit dem Heiligen Bruno gegen die Pest.

Jesus verspeisen

Für die Menschen von damals sei die Idee naheliegend gewesen, sagt die Kuratorin, immerhin haben sie in jeder Messe das Bild von Jesus verspeist. Das Hostieneisen aus dem 18. Jahrhundert, das in der Ausstellung zu sehen ist, prägte das Motiv des Gekreuzigten in die Hostie – und zwar dreidimensional. Die figurative Hostie mit dem Gekreuzigten sei hierzulande die Norm bis ins 20. Jahrhundert gewesen.

Hostieneisen aus dem 18. Jahrhundert, Metall
Hostieneisen aus dem 18. Jahrhundert, Metall

Die christliche Ikonographie inspiriert auch die Gegenwartskunst. Bill Violas «Study for Emergence» zeigt einen mit Wasser gefüllten Sarkophag. An diesen lehnen zwei schläfrige Frauen. Die Bildsprache Violas lehnt sich an die Malerei des 15. Jahrhunderts an.

Christi Geburt in der Gegenwartskunst

In Zeitlupe erhebt sich eine nackte, weisse Gestalt aus dem Sarkophag, ihre Augen sind geschlossen, ihr Kopf neigt sich leicht nach hinten. Kaum steht sie in voller Grösse da, als sie schon wieder zu fallen beginnt. Die Frauen fangen den Mann auf. Der längst als Jesus identifizierte Mann liegt tot in den Armen der Frau.

Study for Emergence, Bill Viola 2002, Videoinstallation
Study for Emergence, Bill Viola 2002, Videoinstallation

Die Videoinstallation zeigt gleichermassen die Geburt und den Tod von Jesus. Das Weiss des Körpers erinnert an die Käseschmiere der Neugeborenen, das ausströmende Wasser an das Platzen der Fruchtblase. Die Geburt findet in einem Sarkophag statt, der Ort, an dem die Toten liegen. Die Mutter hält den toten Sohn wie ein Neugeborenes in ihren Armen. Tod und Wiedergeburt in einem.

Schmerz, Lust, Erotik

Neben Tod und Geburt ist auch der Schmerz ein wichtiges Thema in der christlichen Ikonographie. Er erinnert an die Leiden Christi. Märtyrer erleiden Schmerzen, um Gott näher zu kommen. Für die Auswirkungen des Schmerzes auf den menschlichen Körper hat sich auch der US-Konzeptkünstler Bruce Naumann interessiert. Kreuzförmig angeordnet hängen fünf Fotografien seines Gesichtes an der Wand. Darauf zieht er sein Gesicht mit den Händen zu schmerzhaft verzerrten, angsteinflössenden Fratzen.

Heiliger Sebastian, Italienischer Maler, um 1500, Ölhaltiges Bindemittel auf Holz
Heiliger Sebastian, Italienischer Maler, um 1500, Ölhaltiges Bindemittel auf Holz

Die Darstellungen des Heiligen Sebastian hätten den Künstlerinnen und Künstler eine ideale Möglichkeit geboten, Schmerz und Lust zu verbinden und Erotik in die Bilder einfliessen zu lassen, sagt Caroline Schuster Cordone.

Unversehrt ins Paradies

Seit der Renaissance wurde der einst von der Pest versehrte, alte Sebastian als junger, unversehrter Mann dargestellt. Die Reinheit seines Körpers sollte den makellosen Körper des Auferstandenen symbolisieren. Denn nach dem Jüngsten Gericht soll auch der irdische Körper wieder auferstehen. Wer will sein Leben mit einem alten, kranken Körper antreten?

Lust ist auch in den Darstellungen der Heiligen Teresa zu erkennen. Die spanische Mystikerin sagte: «Wir sind keine Engel, wir haben Körper». Ihre mystische Erfahrung war eine sehr körperliche. In ihrer Vision durchbohrt sie ein Engel mit Pfeilen. Diese göttliche Durchdringung ist weltberühmt umgesetzt in der Skulptur von Gian Lorenzo Bernini «Die Verzückung der Heiligen Teresa» in Santa Maria della Vitoria in Rom.

Ekstase, der Weg zu Gott

In der Ausstellung nimmt das Werk der Künstlerinnen «EberliMantel» Bezug auf Berninis Darstellung. Sie ergänzen die Fotografie von Berninis Werk mit einem Kleid für die Heilige aus einem Papierknäuel. Damit intensivieren sie den im Original bereits wild aufgewühlten Faltenwurf des Kleides. Der Faltenwurf drückt ebenso wie ihre Pose ihre Ekstase aus: den in den Nacken geworfenen Kopf und die nach oben geschlagenen Augen.

Der Heilige Bernhard empfängt Christus in seinen Armen, Unbekannt, 17. Jhd., Öl auf Leinwand
Der Heilige Bernhard empfängt Christus in seinen Armen, Unbekannt, 17. Jhd., Öl auf Leinwand

Ekstase und Verzückung ist das letzte Thema der fünfteiligen Ausstellung «Corpus». Die Ekstase könne als Weg des Menschen hin zu Gott gesehen werden, erklärt Caroline Schuster Cordone. Im Zustand der Ekstase durchbricht der Mensch die körperlichen Grenzen und steht plötzlich Angesicht zu Angesicht mit dem Göttlichen. Oder umarmt den vom Kreuz herabsteigenden Christus, wie die Darstellung der Heiligen Bernhard aus dem 17. Jahrhundert von einem unbekannten Künstler zeigt.

Die Ausstellung «Corpus» ist im Museum für Kunst und Geschichte MAHF bis zum 27. Februar zu sehen. Öffnungszeiten Dienstag bis Sonntag 11:00-18:00 Uhr.


Reliquie der Quintiana, Kloster Bisemberg Freiburg, 1857, Mischtechnik | © MAHF/Francesco Ragusa
8. Januar 2022 | 05:00
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