Diakon Ivan Šarić (32) wird zum Priester geweiht.
Porträt

«Gott ist gut und bedeutet für mich alles in meinem Leben»: Ex-Gardist Ivan Šarić wird Priester

Am Samstag werden gleich drei Männer zum Priester geweiht. Einer davon im Bistum St. Gallen: Ivan Šarić aus der katholischen Bruder-Klaus-Pfarrei in St. Gallen-Winkeln. In der Schweizergarde sei der Entscheid gefallen, sagt der kroatischstämmige Seelsorger. «Das ist für mich schon ein besonderes Gefühl», bekennt der 32-jährige Diakon und lacht.

Wolfgang Holz

Wer Ivan Šarić zum ersten Mal begegnet – für den geht sofort die Sonne auf. Mit seinen 1,86 Metern Grösse steht er wie ein Leuchtturm in der Brandung vor einem. Sein vertrauenerweckendes Gesicht ist ein einziges, freundliches Lächeln. Seine bubenhaften Grübchen verraten, dass er ein junger Mann ist, der noch viel vorhat. Vor allem in Sachen Gott und den Menschen.

Ein grosses Ereignis für den Diakon

Kein Wunder. Ivan Šarić wird Priester. Seit einem Jahr Diakon darf der 32-Jährige am 25. März um 10 Uhr in der St. Galler Kathedrale von Bischof Markus Büchel die Priesterweihe empfangen. Ein grosses Ereignis für ihn und für seine Familie. Aber natürlich auch für die Bruder-Klaus-Pfarrei in St. Gallen-Winkeln, wo er danach bis 2025 weiter als Seelsorger tätig sein wird.

Von links Bischof Stepan Sus, Bischof Markus Büchel, Diakon Ivan Šarić und der Priester Fabio Baggio, der im Vatikan arbeitet.
Von links Bischof Stepan Sus, Bischof Markus Büchel, Diakon Ivan Šarić und der Priester Fabio Baggio, der im Vatikan arbeitet.

Aber was ist das eigentlich für ein Gefühl, wenn man da minutenlang, vollkommen ausgestreckt auf dem Boden vor dem Altar liegt? Durchdringt einen da nicht die Kälte der steinernen Kirche?

«Das habe ich bei der Diakonweihe vor knapp einem Jahr gar nicht gespürt, da war es ja Sommer», erzählt Ivan Šarić und lächelt. «Für mich ist dieses Ritual bei der Priesterweihe ein Zeichen der vollkommenen Hingabe an Gott», sagt er.

«Ich möchte den Menschen eine Stütze sein.»

Ivan Šarić, Diakon

Und man erkennt intuitiv, wie erfüllt dieser junge Gottesmann von seinem Glauben ist. Er versteht sein Priesteramt als Dienst an Gott und den Menschen. «Ich möchte ein guter Priester sein, der den Menschen etwas mitgibt und ihnen eine Stütze sein kann. Ein Priester, der den Menschen hilft, in ihrem Leben zufrieden zu sein.»

"Gott bedeutet in meinem Leben alles": Ivan Šarić (32) ist aus Überzeugung und Leidenschaft Seelsorger.
"Gott bedeutet in meinem Leben alles": Ivan Šarić (32) ist aus Überzeugung und Leidenschaft Seelsorger.

Wie überzeugend es klingt, wenn er über Gott spricht, wird deutlich, als er von seiner jüngst im Alter von 54 Jahren an Krebs verstorbenen Mutter erzählt.

Späteres Wiedersehen mit der verstorbenen Mutter

«Ihr Tod war für unsere Familie und meine vier Geschwister sehr traurig und schmerzlich. Doch ich weiss, sie ist jetzt hinübergegangen zu Gott, und ich fühle, dass es ihr dort gut geht. Es wird schön für sie sein, und wir werden uns alle wiedersehen. Denn Gott ist gut.»

Spektakuläre, moderne Architektur: Die Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln
Spektakuläre, moderne Architektur: Die Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln

Seine Mutter sei aufgrund ihrer tiefen Religiosität deshalb auch bereit gewesen, das Leben loszulassen. «Wir hatten viel Zeit, uns voneinander zu verabschieden in der Palliativ-Abteilung des St. Galler Spitals. Die Krankenschwestern sind dort wie Engel.»

«Es ist immer wieder schön, von so vielen Kindern umgeben zu sein.»

Ivan Šarić

Keine Frage. Ivan Šarić ist ein Familienmensch. Er hat schon fünf Neffen und Nichten und ist Taufpate. «Es ist immer wieder schön, von so vielen Kindern umgeben zu sein, doch eine eigene Familie könnte ich mit meinem Amt als Priester, glaube ich, nicht vereinen.»

Diakon Ivan Šarić (32) wurde in Wil SG als kroatischer Secondo geboren.
Diakon Ivan Šarić (32) wurde in Wil SG als kroatischer Secondo geboren.

Will heissen: Den Pflichtzölibat empfindet der gutaussehende junge Mann nicht als persönliche Beschränkung. «Der Zölibat gibt mir wie Jesus mehr Freiheit, auf alle Menschen zuzugehen, mit vielen Personen in Kontakt zu treten.» Und was ist mit Eva und dem Apfel der Versuchung?

Verzicht auf Traumfrau

«Ich hatte sogar mal eine Traumfrau und war sehr verliebt in sie», verrät Ivan Šarić. Doch er habe Gott, seinem Plan A, schlussendlich den Vorzug gegeben, und sich entschieden, Priester zu werden: «Denn Gott bedeutet alles für mich in meinem Leben.»

Die ganze Familie ist stolz auf ihn: Ivan Šarić.
Die ganze Familie ist stolz auf ihn: Ivan Šarić.

Dabei hat es allerdings, insgesamt betrachtet, recht lange gedauert, bis der kroatischstämmige Secondo sich seiner Sache ganz sicher war. Und er für sich den Beruf des Seelsorgers auserwählt hat. Denn eigentlich hatte Ivan Šarić, dessen Familie aus einem 400-Seelen-Dorf in Bosnien-Herzegowina kommt, in Wil zunächst eine Lehre zum Polymechaniker absolviert.

Start als Polymechaniker bei Stadler Rail

Danach arbeitete er kurz bei Stadler Rail – jener hochkarätigen Firma, die gute Löhne zahlt. Die Züge baut und deren millionenschwere Auftragsbücher für die nächsten Jahre übervoll sind.

Die Schweizergarde
Die Schweizergarde

Doch Šarić hörte auf seinen Vater und ging für dreieinhalb Jahre von 2012 bis 2015 zur Schweizer Garde. «Ich hatte als Jugendlicher sechs Jahre lang in St. Nikolaus in Wil ministriert. Die Vorstellung, dem Papst zu dienen, gefiel mir und empfand ich als riesige Ehre.»

Bei der Schweizergarde

Es hat dem jungen Mann dann bei der Schweizer Garde gut gefallen. Zwar war er anfangs auch skeptisch. Weil er dachte, dass die Schweizer Garde nur Wache schiebt im Vatikan.

Im Zentrum steht für ihn Gott: Ivan Šarić  vor dem Altar in der Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln.
Im Zentrum steht für ihn Gott: Ivan Šarić vor dem Altar in der Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln.

Dann erkannte er aber, dass er auch Freiheiten hatte und Freizeit geniessen konnte. Fussball spielen konnte mit seinen Garde-Kollegen, zum Beispiel.

Fan von Lazio Rom

In dieser Zeit erwuchs seine Fanliebe für den legendären Fussballverein Lazio Rom – dessen Spiele er hin und wieder besuchte. Sein grosses Idol war der deutsche Mittelstürmer Miroslav Klose. «Vom gewaltsamen Verhalten mancher rechtsextremer Lazio-Fans habe ich mich natürlich immer distanziert», stellt er klar.

«Die Zeit bei der Schweizergarde war für mich lebensprägend.»

Ivan Šarić

«Im Nachhinein betrachtet war für mich die Zeit bei der Schweizer Garde lebensprägend, weil ich selbstständiger wurde und nicht mehr so sehr von zu Hause beeinflusst wurde», räumt Ivan Šarić ein. Danach war für ihn klar, dass er Priester werden wollte. Nach einem meditativen Gastmonat im Kloster Uznach bei den Benediktinern war dieser Entschluss bei ihm endgültig gereift.

Theologiestudium ohne Matura

Im deutschen Priesterseminar Lantershofen holte er von 2016 bis 2020 das Theologiestudium nach – auf dem dritten Bildungsweg quasi. Danach absolvierte er in St. Gallen den Berufseinführungskurs zum Diakon.

Schwarze Wolke über dem Kreuz: Kirchenfenster von Ferdinand Gehr in der Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln
Schwarze Wolke über dem Kreuz: Kirchenfenster von Ferdinand Gehr in der Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln

In dem Priesterseminar St. Lambert bei Bad Neuenahr in Rheinland-Pfalz können Kandidaten auch ohne Matura Theologie studieren. «Dieser Weg gründet auf der Überzeugung, dass unter bestimmten Bedingungen die «Schule des Lebens» die Matura ersetzen kann», wie es im Beschrieb des Priesterseminars wörtlich heisst.

Seelsorger in St. Gallen-Winkeln

Seit November 2022 ist nun Ivan Šarić in der Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln tätig. Die moderne Kirche, die 1959 gebaut wurde, ist eine architektonische Besonderheit. Von aussen strahlend weiss, mit kühnen geschwungenen und zugespitzten Linien, die Gott und den Glauben als grossartiges Werk zeichnen, wirkt die Kirche innen eher kahl und fahl.

Illustration des letzten Abendmahls in der Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln
Illustration des letzten Abendmahls in der Bruder-Klaus-Kirche in St. Gallen-Winkeln

«Am Anfang war mir die Kirche fast zu dunkel», gibt Šarić zu, als er im Innenraum der Kirche steht. Zuvor hat er sich mit Weihwasser bekreuzigt und eine Kniebeuge gemacht. Nun blickt er Richtung Altar. Plötzlich leuchtet ein Lichtstrahl auf die Silhouette des jungen Mannes – als ob es ein göttliches Zeichen seines Auserwähltseins ist.

«Ich habe von Gott nie eine Einladungskarte bekommen.»

Ivan Šarić

Doch Ivan Šarić winkt ab. Er ist bescheiden und demütig. «Ich habe mich nie zum Priester auserwählt  gefühlt. Ich habe von Gott auch nie eine Einladungskarte bekommen. Ich will Gott einfach dienen».

Vereint bei der Diakonweihe (v.l.n.r.): Bischof Markus Büchel, Ivan Šarić, Kletus Hutter und Pater Raffael Rieger.
Vereint bei der Diakonweihe (v.l.n.r.): Bischof Markus Büchel, Ivan Šarić, Kletus Hutter und Pater Raffael Rieger.

Sonntags kommen zu ihm rund 40 Personen in den Gottesdienst, wie er sagt. «Wenn ich jetzt zum Priester geweiht bin, werden es hoffentlich noch mehr», wünscht er sich und strahlt wieder übers ganze Gesicht. Er möchte die Pastoral in Zukunft noch lebendiger gestalten. Noch näher bei den Gläubigen sein.

Zwiegespräche mit Gott um Mitternacht

Wobei er auch erkannt hat, dass immer mehr Menschen die Kirche gerne als Ort der Stille aufsuchen. Er selbst geht regelmässig in eine Kirche in der Region, wo es das Angebot der eucharistischen Anbetung gibt.

Sprich: Die Kirche ist rund um die Uhr geöffnet, und eine Monstranz mit dem Leib Christi darin steht auf dem Altar. «Ich gehe meist zwischen 23 und 24 Uhr dorthin, um stille Zwiesprache mit Gott zu halten», sagt Šarić.

Ivan Šarić
Ivan Šarić

«Ein Gottesdienst wiederum sollte nicht Unterhaltungscharakter haben, sondern immer authentisch bleiben», ist der Diakon überzeugt. Aber eine gute Predigt und stimmungsvolle Lieder gehören für ihn zu einem ansprechenden Gottesdienst dazu. «Man sollte vor allem aus Dankbarkeit vor Gott in die Messe gehen. Denn Gott ist gut.»



Diakon Ivan Šarić (32) wird zum Priester geweiht. | © Wolfgang Holz
20. März 2023 | 11:47
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