Gesprächsabend mit Bonnemain: Junge Männer löchern Bischof mit Fragen zur Liturgie
Der Churer Bischof Joseph Maria Bonnemain hat sich im zürcherischen Tann mit Gläubigen zu verschiedenen Themen ausgetauscht. Dabei dominierten Fragen zur Liturgie beziehungsweise zum Umgang mit «Liturgiemissbrauch». Fragen zur Weltkirche fielen dagegen unter den Tisch.
Barbara Ludwig
Der Besuch in der Pfarrei Dreifaltigkeit im Zürcher Oberland am Mittwochabend war eine Premiere für den Churer Bischof. «Ich freue mich, dass ich zum ersten Mal hier sein darf – in der Hoffnung, dass es nicht das letzte Mal sein wird», sagte Joseph Maria Bonnemain zu Beginn der Veranstaltung.
Aussprache mit dem Bischof
Diese war als Podiumsdiskussion mit dem Titel «Die Position der Katholischen Kirche in der modernen Welt» angekündigt worden. Über 90 Personen, darunter viele Pfarreiangehörige, hatten sich im Pfarreisaal in Tann (Dürnten) eingefunden. Ein altersmässig erstaunlich gemischtes Publikum. Schnell stellte sich heraus, dass es kein Gespräch mehrerer Personen auf dem Podium sein würde.
Moderator René Zihlmann, einst Präsident der Römisch-katholischen Zentralkommission des Kantons Zürich, erklärte vielmehr, man wolle nun «Aussprache halten» mit dem Bischof. «Sie können Anliegen vortragen, ein kurzes Statement abgeben oder ein Thema anschneiden und den Bischof bitten, etwas dazu zu sagen», sagte Zihlmann, der dann auch mit dem Mikrophon umherging oder die Votanten nach vorne rief. Zuerst sollte es um die Kirche hier in Rüti, im Bistum, in der Schweiz gehen. In einem zweiten Teil um die Kirche als Weltkirche.
«Wir jungen Katholiken suchen Halt, Orientierung, Autorität.»
Die erste Frage kam von einem jungen Mann mit dunklem Haar und Bart. «Wir jungen Katholiken suchen Halt, Orientierung, Autorität. Leider sieht man vielfach, dass in der Deutschschweiz die Liturgie missbraucht wird», sagte der Mann im schicken Anzug. Von «liturgischem Missbrauch» ist die Rede, wenn Gottesdienste nicht so gefeiert werden, wie es die Kirche vorschreibt.
Ob das ein Thema «bei den Hirten» sei, wollte der Mann vom Bischof wissen. «Was wollen Sie in Zukunft dagegen unternehmen, damit Gottesdienste nach dem römischen Recht gefeiert werden?» Bonnemain antwortete, dagegen mache er nichts. «Mit Strafen kommen wir nicht weiter.» Die einzige Lösung sei, dass «jeder von uns» die Liturgie auf die richtige Art zu feiere, so dass sie bereichere und glaubwürdig ausstrahle. «Ich versuche, eine Liturgie zu feiern, die die Vertrautheit mit Gott und die Geschwisterlichkeit fördert», sagte Bonnemain.
Herzen verändern statt Strafen aussprechen
Damit war das Thema Liturgie jedoch nicht abgehakt. Nach Fragen zum Umgang mit Missbrauch und der Rolle der Frau in der Kirche, doppelte ein weiterer junger Mann nach, dem es ein Anliegen ist, dass die Messe «ehrfürchtig» gefeiert wird.
«Eure Exzellenz, es ist mir eine Ehre. Sie haben gesagt, dass Sie nichts gegen Liturgiemissbrauch unternehmen. Könnten Sie das bitte ausführen?» Er verstehe nicht, so der Mann, warum Verbote nichts bringen sollten. Man könne doch den «Liturgiemissbrauch» nicht einfach fortsetzen.
Der Bischof reagierte mit einer rhetorischen Frage: «Was ist Liturgie?» Und gab dann selbst die Antwort. «Es ist die geheimnisvolle Art, mit Gott Dialog zu führen und so die Welt zu schaffen, von der Gott träumt.» Eine friedliche, gerechte Welt. Wenn er jemandem sage, du musst ins Gefängnis, habe er dessen Herz nicht verändert, erklärte Bonnemain. «Ich muss versuchen, sein Herz zu verändern.» Dazu beitragen könne Pädagogik und der Dialog.
Die Ermahnung des Bischofs
Etwas später fühlte ein dritter junger Mann dem Bischof beim Thema Sakramente auf den Zahn. «Ich sehe die Kirche regelrecht aufblühen. Junge knien nieder, beten den Rosenkranz, gehen beichten.» Junge Menschen würden die Flamme des Glaubens in die Gesellschaft hinaustragen. «Das ist meine Beobachtung mit den Jungen. Wie wichtig sind für Sie die Sakramente?», fragte der Mann.
Bonnemain erwiderte: «Gott ist das totale Sakrament. Damit seine Gegenwart möglich ist, hat er die sieben Sakramente eingesetzt.» Diese seien Quellen der Begegnung mit Gott und ermöglichten, mit Jesus eine Beziehung zu pflegen. Sie seien aber nicht «etwas Magisches». Und er ermahnte: «Sie haben von den Jugendlichen gesprochen, die beten. Was nicht gut ist, wenn diese Jugendlichen meinen, sie seien deswegen besser oder stärker mit Gott verbunden als andere, die nicht beten oder nicht beichten.» Denn in die Herzen sehe nur Gott.
«Gottesdienst gibt es in vielen verschiedenen Formen»
Schliesslich griff auch der Ortspfarrer und Gastgeber César Mawanzi das Thema der Liturgie auf. «Die Frage nach der Liturgie beschäftigt», stellte er fest. Liturgie finde jedoch nicht ausschliesslich in der Eucharistie statt. «Gottesdienst gibt es in vielen verschiedenen Formen», erklärte er. Auch in einem Gottesdienst, dem ein pastoraler Mitarbeiter – also kein Priester – vorstehe, geschehe Liturgie. Es gebe Regeln für die Liturgie, gleichzeitig sei es wichtig zu wissen, dass sich Liturgie im Laufe der Zeit verändert habe. «Vielleicht ist es in 50 Jahren wieder anders als heute. Liturgie ist ein Akt, der die Verbindung von Gott und Mensch ermöglicht», sagte der Pfarrer, ein Teil der Gläubigen im Saal applaudierte.
Daraufhin erinnerte einer der jungen Männer an den Brief vom Januar 2023, in dem die Bischöfe von Basel, Chur und St. Gallen ihre Seelsorgenden ermahnten, sich an die liturgischen Regeln zu halten. Dabei mache es das Katholische aus, dass nicht jeder Priester die Liturgie anders gestaltet. Trotzdem feierten viele Priester, «wie sie möchten», kritisierte er.
Der Auslöser für das bischöfliche Schreiben war unter anderem der Fall der Seelsorgerin Monika Schmid. Sie hatte bei ihrem Abschiedsgottesdienst als Leiterin der Pfarrei St. Martin in Illnau-Effretikon ZH im Jahr 2022 liturgische Vorschriften missachtet und war deswegen von Bonnemain verwarnt worden.
Von Pfarrer Mawanzi erfuhr kath.ch nach dem offiziellen Teil der Veranstaltung, dass die meisten Männer, die Fragen zur Liturgie gestellt hatten, keine Pfarreiangehörigen seien. Er kenne diese «Clique» und sei auch schon mit kritischen Fragen konfrontiert gewesen. Einer habe etwa bemängelt, dass bei einem Kindergottesdienst eine Lesung gefehlt habe.
Weltkirche kam kaum zur Sprache
Voten zu anderen Themen, die meist Menschen mittleren Alters – Männer und Frauen – vortrugen, nahmen deutlich weniger Raum ein an dem Abend im Pfarreisaal in Tann. Etwa die Ökumene, die Suche nach Seelsorgenden oder die neue Anstellungsordnung der Zürcher Kantonalkirche. Moderator Zihlmann scheiterte zudem mit seinem Versuch, irgendwann zur Weltkirche überzuleiten.
Niemand wollte dazu oder zum Frieden etwas sagen. So blieb nur das Schlussvotum des Bischofs, der das Ansinnen der EU kritisierte, zig Milliarden Euro für Aufrüstung auszugeben. Geld, das man besser in Bildung und Entwicklung investieren würde – «dann wären wir dem Frieden näher», so Bonnemain.
Was auffiel: Es gab keine junge Frau an dem Abend, die sich zu Wort meldete. Dafür verwickelte sich die ältere Dame, die zuvor mit einer roten Mitra auf dem Kopf die Frauenfrage thematisiert hatte, während des gemütlichen Teils der Veranstaltung in eine hitzige Diskussion mit der Gruppe junger Männer.
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