Jadranka Rebeka Anic | © Barbara Ludwig
Schweiz
Jadranka Rebeka Anic | © Barbara Ludwig

«Gegner nutzen das Wort Gender wie einen Korb für alles Gefährliche»

Luzern, 19.3.17 (kath.ch) Die Anti-Gender-Bewegung hat grossen Einfluss im Vatikan. Dies sagt die kroatische Theologin Jadranka Rebeka Anic (57). Sie hat untersucht, wie die katholische Kirche den Begriff «Gender» verwendet. «Die Anti-Gender-Autoren sowie einige Bischöfe und Bischofskonferenzen nutzen das Wort wie einen leeren Korb, in den man alles werfen kann, was man als gefährlich betrachtet», sagt die Ordensfrau im Interview mit kath.ch. Am Sonntag erhält die Theologin den Herbert Haag-Preis für Freiheit in der Kirche**.

Barbara Ludwig

In Ihrer Forschung am Institut für Sozialwissenschaften des Ivo Pilar-Zentrums im kroatischen Split befassen Sie sich mit Gender-Theorien und der Deutung von Gender in der katholischen Kirche. Wie kam es, dass Sie sich als Theologin gerade diesem Thema zuwandten?

Jadranka Rebeka Anic: Ich befasse mich schon lange mit feministischer Theologie. Nach dem Besuch eines Kongresses über Menschenrechte der Frauen im Jahr 2010 entschied ich mich, ein Buch zu dem Thema aus christlicher Perspektive zu verfassen. Als ich den Begriff «Gender» erklären wollte, stellte ich fest, dass das Wort in Kroatien – ausser in wissenschaftlichen Kreisen – unbekannt war. Dann wollte es der Zufall, dass im gleichen Jahr das Buch der katholischen Schriftstellerin Gabriele Kuby mit dem Titel «Die Gender Revolution. Relativismus in Aktion» auf Kroatisch übersetzt wurde.

Von der katholischen Kirche und katholischen Organisationen wurde es als einzige Wahrheit über Gender gepriesen. Ich aber fand nach der Lektüre, dass die Autorin eine Auffassung von Gender vertritt, die man in der Wissenschaft oder in der Gleichstellungspolitik nicht findet. Das Buch von Kuby hat mich schliesslich dazu motiviert, selber ein Buch über die Geschichte des Begriffs «Gender» zu schreiben.

Worum geht es in Ihrem Buch* genau?

Anic: Ich analysiere die Verwendung des Wortes in internationalen Dokumenten und in der Theologie. Ich zeige zudem auf, welche Begriffsverwirrung Gabriele Kuby anrichtet, indem sie die Thesen der amerikanischen Philosophin und Gender-Theoretikerin Judith Butler falsch interpretiert. Schliesslich thematisiere ich die Position des Heiligen Stuhles an der Vierten Weltfrauenkonferenz von 1995 in Peking.

Bei der Analyse der kirchlichen Dokumente haben Sie dann festgestellt, dass diese das Wort «Gender» auf eine ganz eigene Weise interpretieren, ohne Bezug zu nehmen auf das wissenschaftliche Verständnis des Begriffs. Können Sie diese Interpretation kurz umschreiben?

Anic: In den Wissenschaften meint Gender Merkmale, die man Männern und Frauen zuschreibt. Diese sind in verschiedenen Kulturen unterschiedlich, und sie verändern sich auch innerhalb einer Kultur. Ausserdem wird Gender als eine Analysekategorie benutzt, um zu zeigen, wie diese Merkmale konstruiert werden und welche Folgen dies auf das Leben von Frauen, aber auch von Männern hat.

In den Wissenschaften meint Gender Merkmale, die man Männern und Frauen zuschreibt.

Die kirchlichen Dokumente sprechen hingegen von Genderideologie. Der Päpstliche Rat für die Familie hat ein Lexikon zu mehrdeutigen und umstrittenen Begriffen zur Familie verfasst. In dem Lexikon sowie in weiteren Dokumenten wird der Begriff «Genderideologie» als Kampf zwischen Frauen und Männern und als Gefahr für die Familie bezeichnet.

Die Anti-Gender-Autoren sowie einige Bischöfe und Bischofskonferenzen nutzen das Wort «Gender» wie einen leeren Korb, in den man alles werfen kann, was man als gefährlich betrachtet. So heisst es zum Beispiel, bei Gender gehe es um Abtreibung, Pädophilie, Unzucht, Sodomie oder auch um Euthanasie und Eugenik. Die Bischöfe in postkommunistischen Ländern behaupten, die Genderideologie bilde eine weitaus grössere Gefahr als einst der Nationalsozialismus und der Kommunismus zusammengenommen.

Warum hat sich die katholische Kirche diese Interpretation zu eigen gemacht?

Anic: Aus verschiedenen Gründen. In der Kirche gibt es eine ultrakonservative Linie, die den Feminismus, die wissenschaftliche Theologie und die Moderne überhaupt ablehnt. Sie möchte, dass wir in eine vormoderne, christliche Welt zurückkehren. Gabriele Kuby zum Beispiel ist traurig, weil wir nicht in einer christlichen Gesellschaft leben, die Menschen, die etwas Falsches tun, nicht nur bestraft, sondern auch ausstösst. Manche Autoren aus diesem Milieu sehen den Mann und seine Autorität in Gefahr. Sie möchten ihn retten.

In der Kirche gibt es eine ultrakonservative Linie, die die Moderne überhaupt ablehnt.

Diese Kreise haben sehr grossen Einfluss im Vatikan, insbesondere auf den Päpstlichen Rat für die Familie. Als der Vatikan vor Jahren eine Konferenz über das päpstliche Schreiben «Mulieris dignitatem» (Die Würde der Frau) von Johannes Paul II. organisierte, wurden Autoren aus diesem Umfeld eingeladen. Nicht Theologinnen, die an theologischen Fakultäten unterrichten. Man hat Angst vor den kritischen Fragen aus Europa oder Amerika.

Ich vermute, dass die Kirche an dieser Strömung Gefallen findet, weil sie darin in ihrer Abwehr der Frauenfrage und vielleicht in ihrer Ablehnung der Ordination von Frauen unterstützt wird.

Sie haben vorhin die Bischöfe in postkommunistischen Ländern erwähnt. Ist in diesen Ländern die Anti-Gender-Bewegung besonders stark?

Anic: In ehemals kommunistischen Ländern kommt tatsächlich ein besonderes Element hinzu. Die Kirche versucht dort, mit diesem Thema Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit zu bekommen. Diesen Ländern ist der Kommunismus als Feind abhandengekommen. Es braucht also einen neuen Feind, gegen den man sich zusammentun muss. Die Kirche benutzt den Kampf gegen Gender zur Homogenisierung ihrer Mitglieder.

Nach Ansicht der katholischen Schriftstellerin Dale O’Leary ist das Wort «Gender» ein Code, hinter dem sich ein geheimer Plan verbirgt. Sie sieht einen Komplott von Gender-Feministinnen, die danach strebten, in der ganzen Welt eine gesellschaftliche Revolution zu entfesseln. Sind Katholiken anfällig für Verschwörungstheorien?

Anic: Ja, ich glaube. Selbstverständlich nicht alle, aber einige, sehr laute Kreise schon.

Womit hat das zu tun?

Anic: Vermutlich mit Angst. Ich frage mich allerdings schon, warum gewisse gläubige Menschen so ängstlich sind. Gott ruft uns doch immer wieder dazu auf, Neues zu wagen. Die ganze Bibel ist ein Weg, auf dem Gott Menschen zu neuen Ufern begleitet.

Ich frage mich allerdings, warum gewisse gläubige Menschen so ängstlich sind.

Das Reich Gottes soll ein Kriterium für die Gegenwart sein. Gibt es die Gerechtigkeit des Reichs Gottes zwischen uns? Wenn nicht, sollten wir unsere kirchlichen Institutionen umbauen. In der katholischen Kirche ist sehr vieles geschichtlich entstanden; es kann umgebaut werden. Gott ist doch da.

 

* Jadranka Rebeka Anic: «Wie ist Gender zu verstehen? Ein Überblick über die Diskussion und verschiedene Auffassungen in der Kirche», 2011.

** Die Preisverleihung findet am Sonntag um 15.30 Uhr im Hotel Schweizerhof in Luzern statt. Tags darauf, am Montag, 20. März, findet im Romerohaus Luzern unter dem Titel «Aufgeregt statt aufgeklärt: Kirche und Gender» eine Veranstaltung mit Jadranka Rebeka Anic und Angela Sladkovic Büchel statt. Organisiert wird sie vom Forum für Offene Katholizität.

 

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Jadranka Rebeka Anic | © Barbara Ludwig
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Kardinäle bei Messe im Petersdom | © Andrea Krogmann
Kardinäle bei Messe im Petersdom | © Andrea Krogmann

Jadranka Rebeka Anic

Jadranka Rebeka Anic ist Schulschwester vom Heiligen Franziskus. Die 57-Jährige lebt in einer Schwesterngemeinschaft in der kroatischen Stadt Split. Anic hat an der Katholisch-Theologischen Fakultät in Zagreb Theologie studiert. Heute forscht sie am Institut für Sozialwissenschaften des Ivo Pilar-Zentrums in Split.

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