Rechte von Frau und Mann | © pixabay.com
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Rechte von Frau und Mann | © pixabay.com

Gender-Kritiker: «Willkürliche Bibelinterpretation» in Broschüre

Winterthur, 10.3.17 (kath.ch) Weil «Gender» für gewisse kirchliche Kreise ein Reizwort ist, haben feministische Theologinnen diese Woche eine Broschüre zu diesem Thema lanciert. kath.ch hat beim Gender-Gegner Dominik Lusser von der Stiftung «Zukunft CH» nachgefragt, was er von der Broschüre hält.

Sylvia Stam

Die Broschüre, herausgegeben von fünf katholischen und reformierten Theologinnen, stellt die Zuweisung von Geschlechterrollen durch die biblische Schöpfungsgeschichte in Frage: «männlich und weiblich hat Gott sie geschaffen», wird aus Genesis 1,27 zitiert. «Dies bildet zwei Pole der Menschheit, die durchaus Vielfalt zulassen», so die Broschüre.

Dominik Lusser, Leiter des Bereichs Familienprojekte und Redaktor bei der Stiftung «Zukunft CH» (siehe Kasten rechts), hält diese Interpretation für «sehr willkürlich». Seine Kritik setzt bereits bei der Übersetzung an:  In den meisten Übersetzungen heisse es treffender: «Als Mann und Frau schuf er sie.» Die Bandbreite, welche die beiden Pole männlich und weiblich suggerierten, stehe nämlich in direktem Widerspruch zum nachfolgenden Vers (Gen 1,28), den die Theologinnen in der Broschüre ausgespart hätten: «Seid fruchtbar und vermehrt euch». Für die Vermehrung brauche es einen Mann und eine Frau.

Nicht Gottes Schöpfungsabsicht

Den Einwand, dass die Broschüre nicht bestreite, dass Mann und Frau aufeinander bezogen sind, sondern für eine grössere Vielfalt plädiere, lässt Lusser nicht gelten. Er erläutert dies am Beispiel der Intersexualität: «Gemäss der Broschüre gehört Intersexualität (Menschen mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen) zum ursprünglichen Schöpfungsplan Gottes.» Genau dies bestreitet Lusser. Intersexualität sei für die Betroffenen mit viel Leid verbunden. Es sei nicht vorstellbar, dass das Gottes Schöpfungsabsicht gewesen sei. Vielmehr sei jegliches Leid erst durch den Sündenfall in die Welt gekommen. Lusser findet es geradezu zynisch, «eine WHO-klassifizierte Krankheit wie Intersexualität» als Beispiel für die Vielfalt von Gottes Schöpfung hinzustellen.

Gemäss den Theologinnen sind die Menschen «nach jüdisch-christlicher Auffassung zur Freiheit berufen». Daraus leiten sie ab, dass die Menschen «ihr Menschsein, einschliesslich ihrer Geschlechtlichkeit, in Freiheit zu gestalten hätten». Lusser sieht darin geradezu eine «Reduktion des Menschen auf Freiheit». Zwar sei der Mensch im Unterschied zum Instinktwesen Tier durchaus zur Freiheit berufen, «jedoch gibt die Natur gewisse Vorgaben.» Das biologische Geschlecht etwa sei eine wesentliche Prägung, die der Mensch mitbekommen habe. «Es ist eine Berufung, eine Aufgabe, Frau oder Mann zu sein.»

Biologisches Geschlecht irrelevant?

Aus der biblischen Schöpfungsgeschichte dürften jedoch keine Geschlechterrollen, also geschlechtsspezifischen Verhaltensweisen, abgeleitet werden, finden demgegenüber die Theologinnen. Lusser äussert sich zu dieser Frage nicht, sondern antwortet mit einer Gegenthese: «Die Gender-Anhänger behaupten, soziales Verhalten sei nur konstruiert.» Er bestreitet nicht, dass eine Beeinflussung des Verhaltens durch das soziale Umfeld stattfinde, die beide Geschlechter einengen könne. Er wehrt sich jedoch dagegen, dass das biologische Geschlecht irrelevant sein soll.

«Ideologische Scheuklappen»

Ein direkter Nachweis für diese Aussage ist in der Broschüre nicht zu finden. «Man liest das zwischen den Zeilen», so Lusser und erläutert: «Die Autorinnen der Broschüre stören sich daran, dass das Berufsverhalten von Jungen und Mädchen nicht gleich ist.» Erklärt würde dies damit, dass dieses Verhalten von der Gesellschaft anerzogen werde. «Gender-Vertreter weigern sich ohne Begründung, in dieser Ungleichheit unterschiedliche Vorlieben von Jungen und Mädchen zu sehen.» Es gebe offensichtlich unterschiedliche Verhaltensweisen, die nicht anerzogen seien. Die Gender-Studies hätten hier ideologische Scheuklappen.

Zusammenfassend hält Lusser die Broschüre für ein «typisches Produkt aus der Genderecke: Es wird gesagt, es gehe nur um das soziale Geschlecht, englisch ‹gender›, aber eigentlich wird das biologische Geschlecht für praktisch irrelevant erklärt».

Diese Marginalisierung des biologischen Geschlechts bezeichnet Lusser denn auch als den grössten Irrtum der Gender-Verfechter. Er sieht darin eine gewisse «Leibfeindlichkeit», die er als Neuauflage der Gnosis bezeichnen würde. Diese Lehre aus dem 2. und 3. Jahrhundert vertrat einen starken Dualismus von Gut und Böse, wobei besonders die Materie – und damit der Körper – als etwas Böses angesehen wurde.


Sex and Gender – Wer definiert Geschlechtlichkeit?

 

Comic in "Let's talk about gender"  | © Kati Rickenbach
Comic in "Let's talk about gender" | © Kati Rickenbach
Regenbogen-Farben der Pride mit Kathedrale Freiburg | © Georges Scherrer
Regenbogen-Farben der Pride mit Kathedrale Freiburg | © Georges Scherrer

Stiftung Zukunft CH

Zukunft CH ist laut eigenen Angaben eine «gemeinnützige Stiftung, die besorgt ist um die Zukunft der Schweiz.» Sie setzt sich für eine Respektierung der Menschenrechte und den Erhalt der freiheitlich-demokratischen Rechtsordnung der Schweiz ein. Sie möchte «zukunftstragende Werte vermitteln und die Familie als Grundpfeiler der Gesellschaft stärken». Die Stiftung wehrt sich gegen «eine schleichende Einführung der Scharia».

Ihre Ziele will sie mit «Information der Bevölkerung, Politiker und kirchlichen Verantwortlichen über gegenwärtige Entwicklungen in der Schweiz und Europa» sowie über die «Förderung von Schweizer Familien mit Kindern» erreichen.

Zukunft CH unterstützt beispielsweise den «Marsch fürs Läbe» und war federführend in der Beschwerde gegen die «Love Life-Kampagne» des Bundesamts für Gesundheit. (sys)

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