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Gefängnis | © Uwe Schlick/pixelio.de

Gefängnisseelsorger über Fluchthelferin M.: Auch Gefangene benötigen Wärme

Zürich, 11.2.16 (kath.ch) Seelsorgende oder Gefängnispersonal müssen auch in einem Gefängnis Nähe zu den Gefangenen haben. Es sei aber ein Kardinalsfehler, wenn ein Betreuer in einer Beziehung eine bestimmte Grenze überschreitet, sagt Rolf Reichle am Donnerstag, 11. Februar, gegenüber kath.ch. Der Ausbruch in der Nacht auf Dienstag, 9. Februar, aus dem Gefängnis Limmattal mit Hilfe einer Aufseherin stelle einen «absoluten Einzelfall» dar, sagt der erfahrene Gefängnisseelsorger.

Während 27 Jahren wirkte der Priester als Gefängnisseelsorger. 16 Jahre lang war er Leiter der Gefängnisseelsorge des Kantons Zürich. Er kennt viele Gefängnisse von innen. Für Reichle, der heute in der Seelsorge in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Rheinau ZH tätig ist, ist es klar, dass Gefängnisseelsorger und auch Gefangenenwärter eine gewisse Nähe zu den Gefangenen haben müssen. «Das gilt für jede Berufsgattung, die mit Hilfe zu tun hat.» Wichtig sei, dass der Dienst mit absoluter Professionalität geleistet werde. Eine gute Ausbildung sei wichtig, damit man nicht in die «Falle» einer zur grossen Nähe gerate.

Hilfeleistende Personen müssen in einer professionell geleisteten Arbeit eine Verbindung zu den Betreuten herstellen, die auf Nähe, Wärme, Vertrauen und Hoffnung aufbaue. Ein Gefängnis bilde diesbezüglich einen hochsensiblen Bereich. Wachpersonal oder Seelsorgende müssten sich sofort zurückziehen, wenn sie «ansatzmässig fühlen», dass eine Grenze überschritten werden könnte, rät Reichle.

Stockholm Syndrom und Hybristophilie

Erschwerend wird es, wenn in der Beziehung eine starke emotionale oder geschlechtsspezifische Anziehung entstehe. Die Medizin spricht in diesem Fall von Stockholm Syndrom. Was im Gefängnis Limmattal geschehen sei, sei eine absolute Ausnahme. Reichle attestiert dem Schweizer Gefängnispersonal ein hohes Mass an Professionalität und Seriosität.

Neben dem Stockholm Syndrom gibt es auch das Fachwort Hybristophilie, das die Neue Zürcher Zeitung mit dem Limmattaler Fall in Verbindung brachte. Dieses beschreibt ein starkes Helfersyndrom unter anderem für Gewalttäter. Das gilt höchst wahrscheinlich auch für die Schweizerin Angela Magdici. Als Aufseherin hat sie Anfang Woche den mutmasslichen Gewalttäter Hassan Kiko aus dem Gefängnis befreit. Der Ehemann geht gemäss der Zeitung «20 Minuten» davon aus, dass sie zum Islam übergetreten ist.

Kompromissloser Beistand

Dass sich Frauen für eingesperrte Gewalttäter engagieren, ist kein unbekanntes Phänomen. Dieses Engagement muss nicht zu  Fluchthilfe führen. Der Film «Dead Man Walking» etwa zeigt, wie die US-Amerikanische Ordensfrau Helen Prejean aus religiöser Überzeugung einem verurteilten Mörder kompromisslos bis zur Vollstreckung des Todesurteils zur Seite stand.

Auch im Zusammenhang mit Frauen, die Männern in den Jihad folgen oder sich für einen Einsatz für die Terrororganisation Islamischer Staat entscheiden, um zu helfen, fällt in Medien der Begriff Hybristophilie. Dass Frauen, die auf «Bad Guys» stehen, sich zu Männern aus betont patriarchalen Kulturen oder zu Kriminellen hingezogen fühlen können, sei eine Binsenwahrheit, sagte der Leiter der Informationsstelle Kirchen-Sekten-Religionen in Rüti ZH, Georg Otto Schmid, gegenüber kath.ch. Diese Haltung könne auch bei mancher jungen Dschihad-Reisenden eine gewisse Rolle spielen. Belastbare Daten liegen ihm zu dieser Sache aber nicht vor. (gs)

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